06.08.2008 · Sie war zu klein, um in China Karriere zu machen. Trotzdem hatte Huaiwen Xu in Peking nur neunzig Minuten Freizeit am Tag, hat die chinesische Mauer nie gesehen. Deshalb zog die Badminton-Spielerin nach Deutschland. Nun ist sie eine große Medaillenhoffnung.
Von Thomas Klemm, SaarbrückenIn diesen Tagen empfindet es Huaiwen Xu als großen Genuss, recht kleingewachsen zu sein. Wenn sie größer wäre als jene 160 Zentimeter, die in ihrem Pass stehen, dann könnte sie nicht entspannt in der Sonne sitzen und eine Apfelsaftschorle trinken, dann könnte sie nicht die Einladungen von Fernsehanstalten annehmen und in Sportsendungen locker über ihr Leben und ihre Laufbahn plaudern, und sie hätte am vergangenen Samstag auch nicht den 33. Geburtstag im trauten Kreise ihres kleinen olympischen Badmintonteams gefeiert.
Wenn Huaiwen Xu größer wäre als jene 160 Zentimeter, dann wäre sie keine Deutsche, sondern immer noch eine Chinesin, und niemand hätte sich groß für ihren Geburtstag interessiert, sondern nur dafür, dass sie ihrem Heimatland ein Geschenk macht in Form einer olympischen Medaille. Die kleine Huaiwen Xu stünde in diesen Tagen unter großem Druck, so wie alle anderen Sportler im Reich der Mitte, das sie vor acht Jahren frustriert und fluchtartig verließ.
Huaiwen Xu wurde zum Glücksfall für das deutsche Badminton
Von allen Olympiateilnehmerinnen, die in China geboren wurden, ist Huaiwen Xu derzeit bei weitem die entspannteste: Das Lächeln gehört für sie zum olympischen Vorprogramm. „Ich freue mich auf ein tolles Erlebnis, egal ob ich gut oder schlecht abschneide“, sagt die Weltranglistenachte, der als Einzige im fünfköpfigen deutschen Badmintonteam eine Medaille zugetraut wird.
Als Peking 2001 den Zuschlag für die Olympischen Spiele erhielt, hatte Huaiwen Xu ihrer Heimat gerade ein Jahr den Rücken gekehrt. War ihre Karriere in China wegen ihrer Körpergröße zum Scheitern verurteilt, so entwickelte sie sich hierzulande schnell zum Glücksfall für das Badminton: zunächst für ihren ersten Bundesligaklub VfB Friedrichshafen, dann für den Deutschen Badminton-Verband (DBV).
Als Deutsche kann sie ihren Traum von Olympia erfüllen
2002 verfügte der Verband zwar über einige vielversprechende Talente, doch es mangelte an einem Vorbild, an einem prominenten Profi, der die anderen zu Höchstleistungen anstachelt. Sportdirektor Martin Kranitz und seine DBV-Kollegen überzeugten Huaiwen Xu davon, dass sie sich mit einem Wechsel der Staatsbürgerschaft ihren Traum erfüllen könnte, der ihr in China verwehrt blieb: die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Im Jahr 2003 folgte ihre Einbürgerung, die von Misstönen begleitet wurde.
Huaiwen Xus neue Landsfrauen ahnten schon, dass sie kaum eine Chance hätten gegen die Spitzenspielerin aus jener Badminton-Nation, die in der Damenwelt dominiert. Tatsächlich hat Huaiwen Xu von 2004 bis heute alle fünf deutschen Meisterschaften gewonnen, an denen sie teilgenommen hat. „Am Anfang fehlte mir die Konkurrenz.“ Aber nun, da sich Juliane Schenk, die zweite deutsche Olympiateilnehmerin im Damen-Einzel, und die anderen deutschen Damen verbessert haben, „habe ich richtig Spaß“. Die Mitspielerinnen teilen mittlerweile die Freude.
Mit dem Erlernen der deutschen Sprache sei sich aus sich hherausgekommen
Am Anfang sei sie traurig und verschlossen gewesen, sagt die Badminton-Spielerin, die seit fünf Jahren für den saarländischen Klub 1. BC Bischmisheim in der Bundesliga spielt; erst als sie die deutsche Sprache zu beherrschen gelernt habe, sei sie aus sich herausgekommen. Heute wird Huaiwen Xu, die im Einzel zweimal Europameisterin (2006 und 2008) und zweimal WM-Dritte (2005 und 2006) wurde und obendrein zweimal den dritten Platz bei der Mannschafts-EM erreichte, auf dem Court für ihre mentale Stärke und abseits für ihr fröhliches Wesen geschätzt.
Im Mai erhielt Huaiwen Xu von Sportminister Schäuble sogar das „Silberne Lorbeerblatt“, das nicht nur für herausragende sportliche Leistungen verliehen wird, sondern auch für vorbildlich charakterliche Haltung. Eine eindeutige Haltung zeigt die Sportlerin auch gegenüber ihrer alten Heimat: „Olympia sollte China weiterhelfen - auch wirtschaftlich und politisch.“ Das ist aber auch schon alles, was Huaiwen Xu zur Politik sagt; zu Menschenrechten und zur Tibetfrage mag sie sich nicht äußern. Aufgefallen sei ihr aber, dass die Schlagzeilen auf den chinesischen Internetseiten anders lauten als die in deutschen Zeitungen.
Ein Blick zurück im Zorn - trotz aller Schikanen
Für sie selbst, sagt Huaiwen Xu, seien die Olympischen Spiele in Peking nichts anderes als „eine große Veranstaltung“. Ein Blick zurück im Zorn, das ist nicht ihre Art, trotz aller Schikanen, denen sie im chinesischen Sportsystem ausgesetzt war und die sie ertragen musste, ohne sich zur Wehr setzen zu können. Nachdem das große Talent der damals Zehnjährigen von einer Badminton-Trainerin in ihrer Heimatstadt Chengdu erkannt worden war, durchlief Huaiwen Xu den üblichen Weg in Chinas Kaderschmiede.
Mit 13 Jahren kam sie in eine Sportschule, durfte sich rund um die Uhr mit so gut wie nichts anderem beschäftigen als mit Badminton. Sie gehörte zur Provinzmannschaft von Sichuan, sie fügte sich vorbildlich in das rigide System, sie war voller Ehrgeiz, feierte Erfolge, wie sie von ihr erwartet wurden. Dann wurde sie von der Zehn-Millionen-Stadt Chengdu nach Peking auf die Sportschule des Nationalkaders geschickt, und wenig später endete der vorgegebene Karriereweg in einer Sackgasse.
„Ich habe keine Chance mehr bekommen“
Obwohl sie von den „Chinese Sports Games“, die wie die Olympischen Spiele alle vier Jahre stattfinden, mit einer Bronzemedaille zurückkehrte, wurde der Stab über sie gebrochen. Zu klein, lautete kurz und knapp das Urteil der Nationaltrainer über die Spielerin, die mit zunehmender Verzweiflung daran arbeitete, über ihre 160 Zentimeter hinauswachsen zu dürfen. „Ich habe härter trainiert als die anderen“, sagt Huaiwen Xu. Sie feilte täglich meistens eine halbe Stunde länger an ihrer Technik, und wenn Konditionstraining angesetzt war, machte sie mehr Seilsprünge als der Rest.
Die Pillen aber, die ihr als angebliche Vitamintabletten nachdrücklich angeboten wurden, habe sie abgelehnt. Dafür wurde sie von den chinesischen Nationaltrainern von einem Turnier zum nächsten vertröstet, doch nach ihrem ersten Jahr in der Pekinger Sportschule war Huaiwen Xu als kleinstes Kadermitglied immer noch nicht mehr als eine Trainingspartnerin für die anderen. „Irgendwann bekommst du deine Chance“: diesen Satz hörte Huaiwen Xu damals dutzendfach - von den Trainern in Peking, von ihrer Provinzmannschaft in Sichuan und von den Eltern am Telefon, denen sie oft ihr Leid klagte. In ihrem zweiten Jahr in Peking erkannte die Badminton-Spielerin dann ganz von alleine, dass sie gegen das Unmögliche ankämpfte: Mit 24 Jahren würde sie nicht mehr wachsen. „Die Funktionäre haben etwas kritisiert, was ich nicht ändern kann. Ich habe keine Chance mehr bekommen.“
Neunzig Minuten heimliche Arbeit am Fortkommen
Huaiwen Xu suchte nach einer Lösung. Einfach mit Badminton aufzuhören und etwas Neues zu beginnen, das war in China unmöglich: Ihre Geburtsurkunde lag bei der Provinzmannschaft, ohne Zustimmung aus Sichuan konnte sie nichts ausrichten. 1999 begann sie ein Doppelleben: Tagsüber gab die damals 24 Jahre alte Huaiwen Xu die angepasste Athletin, die sich für den sportlichen Ruhm des chinesischen Volkes einsetzt; in den restlichen neunzig Minuten zwischen dem Ende der letzten Trainingseinheit um halb neun Uhr abends und der verordneten Bettruhe um zehn Uhr arbeitete sie klammheimlich an ihrem Fortkommen. Weil sie das Ausland als einzigen Ausweg sah, paukte sie, obwohl vom Training ermattet, unermüdlich englische Verben und englische Grammatik. „Ich wollte nicht weg von meiner Familie und meinen Freunden, ich wollte weg aus China.“
Um dieses ferne Ziel zu erreichen, halfen Huaiwen Xu ihre Rückenschmerzen. Weil sich in Chinas Nationalkader nur vier, fünf Ärzte um fünfzig Athleten kümmerten und sie nur selten einen Termin bekam, bat sie um Rückkehr in die Provinz, um sich behandeln zu lassen. Von dort aus forcierte sie den Wechsel nach Europa. In ihrem erlernten Englisch schrieb Huaiwen Xu E-Mails an Badminton-Vereine aus Schweden, Dänemark und Deutschland.
Den Druck hat Huaiwen Xu vor acht Jahren hinter sich gelassen
Die meisten Klubs antworteten nicht, der VfB Friedrichshafen zeigte Interesse. Als Huaiwen Xu im September 2000 ihre Sachen packte und Sichuan mit der Auflage verließ, alljährlich aus Deutschland zu den Provinzturnieren zurückzukehren, hatte sie weniger Angst um sich als um die Kaderkolleginnen, die sie zurückließ. „Ich hatte die Befürchtung, dass die Spielerinnen meiner Provinzmannschaft Nachteile bekommen und nicht für die Nationalmannschaft spielen dürfen.“
In Peking werden sich die Wege der Spielerinnen wieder kreuzen, und zwar früher als erhofft. Schon im Viertelfinale droht Huaiwen Xu eine Begegnung mit Xie Xingfang, zweimalige Weltmeisterin, Weltranglistenerste und natürlich Chinesin. „Die spielerische Stärke ist nicht alles, die mentale Einstellung ist entscheidend“, sagt die Deutsche, die weiter auf eine Medaille hofft. „Ich weiß nicht, ob Xie Xingfang mir gegenüber einen großen Vorteil hat. Ich habe nichts zu verlieren, aber sie hat sehr viel Druck.“ Genau jenen Druck, den Huaiwen Xu vor acht Jahren weit hinter sich gelassen hat.
Die chinesische Mauer hat sie nie gesehen
Ihre olympische Reise nach Peking ist für Huaiwen Xu zugleich die Rückkehr in eine fremde Stadt. Wie alle Athletinnen lebte und litt sie früher rund um die Uhr in der Sportschule; von der Stadt hinter dem Schultor hat sie nichts mitbekommen. Auch die Chinesische Mauer habe sie nie gesehen, sagt die Dreiunddreißigjährige. Das größte Hindernis, das ihr bekannt ist, bleibt ihre eigene kleine Statur.