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Fabian Hambüchen Maurer und Tischler, nicht Piano-Fred

07.08.2008 ·  Diese Hände sind klein. Aber eigentlich ist klein das falsche Wort. Sie sind kurz, aber breit, sitzen an stabilen, schweren Handgelenken und sehen aktiv aus, zuverlässig, vom Leben modelliert. Mit ihnen und dem nötigen Fingerspitzengefühl will Fabian Hambüchen olympisches Gold packen.

Von Evi Simeoni, Peking
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Diese Hände sind klein. Aber eigentlich ist klein das falsche Wort. Sie sind kurz, aber breit. Sie sitzen an stabilen, schweren Handgelenken und sehen aktiv aus, zuverlässig, vom Leben modelliert. Die Haut ist hell, die Fingergelenke sind ausgeprägt, hier und da haben sie Schrammen. Eine wundgeriebene Stelle am Handgelenk zeigt, wo beim Turnen am Reck und an den Ringen die helfenden Riemchen zerren.

Fabian Hambüchen hebt diese Hände hoch, dreht sie hin und her und schaut sie selbst bei dieser Gelegenheit einmal genauer an. Zwanzig Jahre lang gebraucht er nun schon diese Greifer, er steht darauf, hängt daran, stützt sich darauf ab und verlässt sich ganz selbstverständlich auf ihre Fähigkeiten und Kraft.

Handwerker, nicht Künstler

Hambüchens Hände sind seine Werkzeuge, wenn er sich vom Sprungtisch oder von der Bodenmatte katapultiert, im Trommelwirbel über das Seitpferd kreiselt, um die Reckstange rotiert, sich von den Holmen des Barrens abdrückt oder die Ringe zu einer der qualvollen Kraftübungen packt. „Wir sind Handwerker, keine Künstler“, sagt Andreas Hirsch, der Cheftrainer der deutschen Turner. „Nicht Piano-Fred, sondern Maurer und Tischler. Wir müssen anpacken.“

Ein Turner, der Probleme mit den Händen hat, gerät in ernsthafte Schwierigkeiten - er hat seine Übung nicht mehr im Griff. Risse, wunde Stellen oder Blasen müssen vermieden werden. „Fabian hat seit Jahren keine Blasen mehr an den Händen gehabt“, sagt sein Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen und fügt gleich schaudernd an: „Toi, toi, toi.“

Über Nacht die fette Creme

Dafür tut der Sohn eine Menge. Am Abend überprüft er die dicke gelbe Hornhautschicht auf seinen Handflächen kritisch. „Nicht jeder hat so eine extreme Hornhautbildung wie ich“, sagt er. „Ich kriege diese Platten auf die Hände und muss sehen, dass sie rissfrei bleiben. Ich muss sie abends abschleifen, damit keine Kanten entstehen, und sie über Nacht mit einer fetten Creme einreiben.“

Wenn Hambüchen im Urlaub Lust bekommt, ein bisschen Beachvolleyball zu spielen, zögert er. „Ich muss aufpassen, denn man ist schnell mit den Fingern umgeknickt, und dann hat man das Problem“, sagt er. Noch im Mai, als er in Lausanne Europameister am Reck und Zweiter mit der Mannschaft wurde, trug er einen Tapeverband am linken Ringfinger. Er hatte sich im Training am Reck eine lästige Kapselverletzung zugezogen und musste beim Turnen die Zähne zusammenbeißen. Aber die Blessur ist nun überstanden. Er packt wieder schmerzfrei zu.

Rücksicht auf die kurzen Finger bei der Barren-Übung

Hambüchens Hände sind klein, aber stark. So wie der ganze Mann. Weil seine Finger relativ kurz sind, kann er die Holme am Barren nicht so gut greifen wie andere Turner. „Um die Holme ganz umgreifen zu können, müsste man Bratpfannen haben“, sagt Vater Hambüchen zwar. Aber bei der Zusammenstellung der Barren-Übung müssen sie besondere Rücksicht auf die Griffigkeit nehmen. „Wir haben sie so komponiert, dass sie für seine Pfoten passt“, sagt der Vater.

Vier Flugteile enthält die Übung mittlerweile, womit er kurz vor Olympia den Schwierigkeitsgrad noch erhöht hat - mit dem Abgang sind es sogar fünf Doppelsalti. „Die Hang-Elemente am Barren sind für Fabian nicht ideal“, erklärt der Vater. Aber die Regel verlangt sie jedem Turner ab. An allen Geräten, aber ganz besonders am Barren ist eine hohe Haftung der Hände gefordert.

Das weiße Pulver aus Japan

„Sie müssen mit einer möglichst großen Fläche aufliegen“, sagt Wolfgang Hambüchen. Deshalb verwenden viele Turner neben dem trocknenden Magnesia auch noch Honig oder Zuckerwasser. „Das pappt gut. Das ganze funktioniert nach demselben Prinzip wie die Slicks in der Formel 1“, erklärt der Trainervater.

Beim Magnesia sind die Hambüchens pingelig: Beim Wettkampf schleppt der deutsche Wirbelwind stets sein eigenes Material in einem Plastikwännchen von Gerät zu Gerät. Das weiße Pulver stammt aus Japan - etwas anderes lässt Hambüchen seit seinem ersten Trainingsaufenthalt im fernöstlichen Turner-Land nicht mehr an seine Hände. Damals stellte er fest, dass er am Barren plötzlich viel besser turnte und dass nach zehn Tagen Training seine Hornhaut viel geschmeidiger geworden war. Sie sah sauber aus und hatte keine Einschlüsse mehr.

Kleinere Moleküle füllen die Hautzwischenräume besser

Nach langwierigen Überlegungen, es könnte am Wasser oder an der asiatischen Ernährung liegen, kamen sie schließlich auf das weiße Pulver. Eine Analyse bei Hambüchens Hauptsponsor Henkel brachte Erstaunliches zutage. Während die Molekularstruktur des europäischen Magnesia kristallin ist, also winzige Spitzen aufweist, sehen die japanischen Magnesiamoleküle unter dem Elektronenmikroskop aus wie runde Schalen.

Zudem sind die japanischen Moleküle nur etwa ein Zehntel so groß wie die europäischen. Sie reizen die Haut weniger und animieren sie dadurch weniger zur Hornhautbildung. „Wir haben selbst geschlussfolgert, dass die kleineren Moleküle zudem die Hautzwischenräume besser ausfüllen und dadurch die Kontaktfläche mit dem Holm größer wird“, sagt Wolfgang Hambüchen. Da trifft es sich gut, dass Hambüchen sich seit dem 25. Juli in Japan auf die Spiele vorbereitet. „Da nehmen wir fünf Kilo Magnesia direkt nach Peking mit.“ Billig ist es nicht. „Das Pfund kostet 15 Euro. Ungefähr sechzig Euro im Monat sind für das Magnesia weg“, sagt der sparsame Vater. Trotzdem gilt für die beiden Hessen: Hände weg von Billigmarken.

Gold mit den Spezialwerkzeugen packen

Die Lederriemchen, welche die Turner für das Reck und die Ringe über die Hände streifen, schützen zwar auch die Haut. Aber dafür sind sie nicht erfunden. Hauptsächlich helfen sie, die übermenschlichen Kräfte beim Hängen und Rotieren zu bewältigen. Mit bloßen Händen könnte Hambüchen seine legendäre Reckübung nicht turnen. Beim Abgang zerrt das Sechs- bis Siebenfache seines Körpergewichtes an seinen Armen. „Ohne Riemchen müssten seine Hände 360 Kilo und mehr halten“, erklärt Wolfgang Hambüchen. „Deshalb wird das Gewicht passiv auf die Unterarme übertragen.“

Ein Röllchen in der Handinnenfläche erlaubt es den Turnern, sich an der Reckstange oder in den Ringen einzuhaken. „Beim Zupacken bildet sich eine kleine Schlaufe“, erklärt Wolfgang Hambüchen, „und diese Schlaufe erlaubt es, die Kräfte zu übertragen.“ Wenn alles gutgeht, wird eine Weltrekord-Übung daraus, wie man sie in Peking von Fabian Hambüchen am Reck erwartet. Alle erwarten sie, auch er selbst. Das olympische Gold will er packen mit seinen hochspezialisierten Händen, mit viel Kraft und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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