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Einer humpelte aus dem Vogelnest China verliert sein Olympia-Gesicht Liu Xiang

 ·  Es war eine alte Verletzung, die den 110-Meter-Hürden-Star bremste. Liu Xiang, der das Gesicht Chinas bei den Olympischen Spielen werden sollte, kann nicht laufen. Die Nation steht unter Schock.

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„Wir hatten drei Ärzte beschäftigt. Einerlei, was sie taten: Sie konnten ihm nicht helfen“, stößt der Mann hervor. Er atmet schwer, seine Brust hebt sich ruckartig unter dem weißen T-Shirt mit der Aufschrift „China“. Er schlägt ein tränenfeuchtes Taschentuch vor seine Augen und presst sein Gesicht in beide Hände.

Schließlich hebt er, was ihn viel Kraft und Überwindung kostet, den traurigen Blick. Wie er dasitzt, ist er ein Bild von Trauer und Verzweiflung. Dreihundert Augenpaare sind auf ihn gerichtet, 25 Fernsehkameras zoomen auf sein wehrloses Gesicht.

Schon am Morgen ist Liu nicht wiederzuerkennen

Niemand ist ums Leben gekommen; es hat keine Toten gegeben. Allerdings hat China gerade seine Hoffnungen auf eine Goldmedaille, nein, auf den großen Auftritt von Liu Xiang begraben müssen. Der Mann auf dem Podium des großen, stickigen Raums in den Katakomben des Nationalstadions ist sein Trainer, Sun Haiping. Seit sieben Jahren arbeitet er mit dem talentiertesten Hürdensprinter Chinas, dem ersten und einzigen chinesischen Leichtathleten von Weltrang. Er hat ihn zum Olympiasieger gemacht, zweimal zum Weltmeister; vor vier Jahren lief Liu Xiang Weltrekord. Wie Sun dasitzt, ist er das Bild eines Mannes, der alles falsch gemacht hat.

Schon als Liu Xiang am Montagmorgen kurz vor elf zu seinem Vorlauf in den Innenraum des Nationalstadions tritt, ist er nicht wiederzuerkennen als Gesicht dieser Spiele. Das ganze Land ist mit seinem Bild plakatiert: Liu im Sprung, Liu lachend, Liu mit wehendem Haar. Den kommenden Donnerstag hatten sich viele im Kalender angestrichen: Das sollte der Abend werden, an dem Liu abends um Viertel vor zehn im Vogelnest über die Hürden fliegt, an dem er die phantastischen Spiele und die Erfolge der chinesischen Sportler krönt.

Liu Xiang sieht aus, als schreie er dabei

Von dem Mann, der am Montagmittag mit der Startnummer 1356 zum Vorlauf auf Bahn zwei strebt, ist das nicht zu erwarten. Liu ist so ernst, so grau, so fahrig in seinen Bewegungen, dass man sich fragt, ob die Fernsehbilder aus dem Call Room, die ihn gerade zeigten, wie er Grimassen schneidet und in die Kamera blinzelt, ob diese Bilder wie die vom perfekten Feuerwerk nicht vom Band eingespielt wurden. Um so mehr fragt man sich das, wenn man das nicht vom staatlichen Fernsehen gesendete Bildmaterial sieht.

Da schlägt Liu Xiang mit schmerzverzerrtem Gesicht und wie von Sinnen seinen rechten, den verletzten Fuß immer wieder und mit aller Kraft gegen eine Betonwand. Er tritt abwechselnd mit beiden Fußspitzen auf den Boden, dann zieht er die Schnalle seines Schuhs enger. Es ist nicht zu hören, aber Liu Xiang sieht aus, als schreie er dabei. Dann drückt er sein Gesicht in eine Matte, die in einem der Gänge steht.

Im Mai hatte Liu einen Start in Amerika absagen müssen

Für wenige Minuten kann sich Liu Xiang, als er in die Arena eingelaufen ist, zusammenreißen. Er überspringt probeweise drei Hürden, beugt sich tief, versucht seine Beine zu entlasten. Ihm fehlt jede Geschmeidigkeit und jede Zuversicht. Das ist nicht der Athlet, für den China das Vogelnest mit seinen 91 000 Plätzen gebaut hat. Das ist nicht das Symbol des athletischen, neuen China, für das seine 1,3 Milliarden Einwohner die Olympischen Spiele in ihre Hauptstadt geholt haben. Das ist ein um Jahre gealterter, mit Medikamenten betäubter Arbeiter.

Das Publikum ist gewarnt. Im Mai hatte Liu einen Start in Amerika absagen müssen; eine Vorsichtsmaßnahme, sagte sein Trainer damals. Seitdem waberten Gerüchte durch die Sportszene und durchs Internet, nichts Konkretes, aber immer wieder schlechte Nachrichten, mal vom Oberschenkel, mal vom Fuß. In der vergangenen Woche sendete das staatliche Fernsehen, als wollte es dem entgegentreten, Bilder von Liu beim Training: der Athlet, am Mittwoch 25 Jahre alt geworden, so elegant, so kraftvoll, so schnellkräftig wie je.

Peking-Oper der Trainer

In Wirklichkeit eskalierte, wie Sun und Cheftrainer Feng Shuyong nun verrieten, eine seit Jahren chronische Achillessehnenentzündung des rechten Fußes. „Das war schon vor Athen ein Problem“, sagte Sun. „Es ging auf und ab.“ Am Samstag, nach dem Einzug ins Olympische Dorf, wurden die Schmerzen so stark, dass die Betäubungsmittel der Ärzte nicht mehr ausreichten.

Für das, was seit Monaten, vielleicht seit Jahren angebracht wäre, war nun keine Zeit mehr: eine Pause. Eine intensive Massage des Fußes brachte kaum Linderung. Am Montag sprach Sun in der staatlichen Zeitung „China Daily“ erstmals von Gesundheitsproblemen seines Athleten: „eine durch langes Training akkumulierte Verletzung“. Allerdings ist die Rede vom Oberschenkel. In der Peking-Oper der Trainer lassen sich die chronischen Verletzungen des Sportlers nicht mehr unterscheiden. In seinem Schmerz vermutlich auch nicht.

Welche Verletzungen hätte er sich zugezogen?

Liu Xiang geht unrhythmisch zum Startblock. Er greift an den Oberschenkel, die Hand gleitet zur Wade. Dann kauert er sich hinein. Ein Fehlstart rettet Liu. Mit dem Startschuss schnellt er aus dem Block, mit dem zweiten Schuss bremst er vor der ersten Hürde ab. Sofort reißt er, geschlagen und erlöst, die Aufkleber mit der Nummer zwei von den Schenkeln.

Langsam humpelt er neben der Bahn zurück, am Startblock vorbei, immer weiter. Es ist fast zwölf Uhr mittags. Die atemlosen Zuschauer im Stadion und die der Direktübertragung des staatlichen Senders CCTV sehen, wie Liu Xiang in den Tiefen des Vogelnestes verschwindet. Was wäre geschehen, wenn er abgesprungen wäre? Welche Verletzungen hätte er sich zugezogen? Die ersten Zuschauer gehen. Andere bleiben sitzen, erschrocken, enttäuscht, fassungslos. Es ist totenstill im Stadion. Zuschauer, chinesische Journalisten, Helfer weinen.

Beim Warmmachen habe es einen unerwarteten Zwischenfall gegeben, behauptet Feng in der Pressekonferenz: „Die Schmerzen haben sich intensiviert.“ Liu habe gesagt, er wolle nicht aufgeben. „Die größte Schwierigkeit ist“, fährt er fort, „dass man bei Schmerzen manche Sachen nicht so leicht machen kann.“

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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