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Britta Steffen Die wichtigsten 53 Sekunden ihrer Karriere

05.08.2008 ·  Volle Konzentration auf die 100 Meter Freistil: Viele erwarten von Britta Steffen dort Gold. Sie ist wohl die einzige deutsche Schwimmerin, die berechtigte Hoffnungen auf eine Einzelmedaille haben kann. Das macht ihr zu schaffen.

Von Bernd Steinle, Berlin
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Berlin-Hohenschönhausen, Mitte Februar.

Das Sportforum Hohenschönhausen ist Britta Steffens Zuhause. Privat, weil sie hier ein Zimmerchen von zwölf Quadratmetern hat, und sportlich, weil sie in dem hochmodernen Schwimmzentrum alles zur Verfügung hat, was sie so braucht: Strömungskanal, Unterwasserkameras, Gymnastikhalle, Kraftraum, Physiotherapie, Laufbahnberater, psychologische Betreuung. Morgens um sieben beginnt das Training. „Optimale Bedingungen“, sagt Britta Steffen.

Eigentlich. Doch im Moment machen ihr Schmerzen in der Schulter zu schaffen. Ein „Überbelastungsphänomen“, sagt Britta Steffen. Sie sei jemand, der eher zu viel tue als zu wenig im Training, und das gilt jetzt erst recht, wenn der „größte Wettkampf meiner Karriere“ bevorsteht: die 100 Meter Freistil bei den Olympischen Spielen in Peking. Noch ist der erste Schritt nicht getan, die Qualifikation steht noch aus. Aber sie weiß, „alle glauben, ich schaffe das sowieso“, und das ist ihr als vorsichtigem Menschen, gelinde gesagt, überhaupt nicht recht.

Erwartungen auf der einen Seite, Anschuldigungen auf der anderen

Sie hat seit ihrem Durchbruch 2006 mit vier EM-Titeln und drei Weltrekorden so ihre Erfahrungen gemacht mit der Öffentlichkeit. Mit Erwartungen auf der einen Seite und Anschuldigungen auf der anderen. Sie kennt das schlichte Denkschema: Schwimmt sie gut, sagen manche, ist ja klar, Schwimmerin aus Ostdeutschland eben. Schwimmt sie schlecht, sagen sie, ist wohl was schiefgelaufen beim Doping.

Da hilft es wenig, dass sie zu jeglicher Kontrolle bereit ist, dass sie auf ihre kontinuierliche Entwicklung seit 2006 hinweist, auf ihren Körperbau, der ideal für den Schwimmsport ist, oder auf ihre Vorgeschichte mit den psychischen Problemen, die sie lange trotz glänzender Trainingszeiten im Wettkampf hemmten. Britta Steffen hat gelernt, mit diesen Vorwürfen umzugehen, sie nie ganz aus der Welt schaffen zu können. Ihre Gewissheit ist, dass sie selbst es besser weiß. „Du musst mit dir selbst im Reinen sein“, sagt sie.

Berlin, Schwimmhalle an der Landsberger Allee, Mitte April.

Britta Steffen ist sauer. Nicht weil sie einen Monat zuvor ihre Teilnahme an der EM absagen musste wegen der Schulter. Und auch nicht weil die Australierin Lisbeth Trickett zwei Wochen zuvor ihren Weltrekord über 100 Meter Freistil geknackt hat. Was sie ärgert, so ärgert, dass sie direkt nach ihrem Europarekord bei der Olympiaqualifikation über 100 Meter Freistil erst mal über nichts anderes redet, sind die Angriffe aus Medien und Mannschaft, nachdem sie auf den Start in der 4 × 200-Meter-Freistil-Staffel verzichtet hat. „Das hat mich ganz schön getroffen“, sagt Britta Steffen.

Sie hat den Verzicht gut begründet mit der vollen Konzentration auf die 100 Meter, die angesichts des Leistungssprungs in der Weltspitze nötig sei, um vorne mithalten zu können. Zudem schwimmt sie neben den 50 Metern Freistil noch zwei andere Staffeln in Peking. „Ich habe mich gefragt: Was willst du, Britta?“, erklärt sie den Entschluss später. „Ich will in Peking nicht Fünfte oder Sechste werden. Eine Einzelmedaille bei Olympia wäre für mich das Allergrößte.“ Die Entscheidung sei nicht aus bösem Willen gefallen, im Gegenteil. „Wenn es schiefgeht, war es meine Entscheidung. Und ich kann hinterher nicht sagen, ich hätte Gold gewonnen, wenn ich nur diese 200 Meter nicht hätte schwimmen müssen.“

Am Ende der Qualifikation zeigt sie einen Glückskeks

Sportlich scheint ihr die Belastung durch den Staffelstreit nichts anhaben zu können. Nach dem Europarekord über 100 Meter legt sie bei der Olympiaqualifikation einen deutschen Rekord über 50 Meter nach. Eine ideale Generalprobe, auch was die 100-Meter-Zeit von 53,20 Sekunden betrifft. „Besser als vorher, aber nicht so schnell, dass ich in Peking nun gleich Favoritin wäre.“

Aber gut genug wiederum, um kein Misstrauen à la „Wo kommt das denn nun wieder her?“ zu wecken, wenn sie in Peking unter 53 Sekunden bleiben sollte. Am Ende der Olympiaqualifikation zeigt Britta Steffen einen Glückskeks, den sie in Berlin bekommen hat. Darauf steht: „Nichts kann Sie aufhalten – Sie gewinnen.“

Berlin-Friedrichshain, Anfang Juli.

Britta Steffen ist k.o., geschlaucht vom intensiven Training, müde von der Arbeit der letzten Wochen. Die letzten Meter auf dem Weg nach Peking sind hart. Zumindest der Staffelstreit ist inzwischen aus der Welt. Beim Teamtreffen nach der Olympiaqualifikation hatte sie sich vor die Mannschaft gestellt, ihre Aussagen und Entscheidungen erklärt und wenn schon nicht Verständnis, so doch Respekt erbeten. Die Wogen, sagt sie, hätten sich geglättet. Nicht zuletzt wohl auch, weil Britta Steffen die einzige aussichtsreiche Medaillenhoffnung des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) ist, von Helge Meeuw bei den Männern abgesehen. Das ist ihr selbst nicht entgangen. Und es macht ihr Leben nicht unbedingt leichter.

In Peking werden sie 53 Sekunden Hochspannung erwarten, nach Möglichkeit auch weniger. Sie fühlt wieder, wie damals vor der Qualifikation, dass viele schon zu wissen glauben, wie dieses 100-Meter-Freistil-Rennen enden wird. Mit einer Medaille für Britta Steffen nämlich, mit der goldenen womöglich, der ersten für den DSV seit sechzehn Jahren.

Sie hat das Gefühl, mit einer Goldmedaille nicht mehr als die Erwartungen zu erfüllen

Sie hat über die Jahre erfahren, wie schnell in der Welt des Leistungssports ein Ziel wie etwa ein Europarekord an Wert verliert, sobald es erreicht ist. „Früher dachte ich, Jugend-Europameisterin zu werden ist das Tollste, was es gibt. Zwei Jahre später war ich sechsmal Jugend-Europameisterin.“ Und nach kurzer Zeit schon war das Tollste gar nicht mehr so toll. So ging das, bis hin zu ihrem 100-Meter-Weltrekord. Nun hat sie manchmal das Gefühl, selbst mit einer Goldmedaille nicht viel mehr zu erreichen, als die allgemeinen Erwartungen zu erfüllen.

Doch da ist auch noch etwas anderes, was sie antreibt seit den Tagen, als 1989, kurz vor der Wende, die Leute zur Sichtung in den Kindergarten kamen und sie, die Fünfjährige, übergingen, weil sie zu klein und zu dünn sei, ihren Cousin aber – welche Niederlage! – aufnahmen: ihr Ehrgeiz. Am 15. August will sie in Peking Bestzeit schwimmen. „Wenn andere dann noch besser sind“, sagt Britta Steffen, „kann man nichts machen.“ Für dieses Ziel tut sie, was sie kann. Mit Erfolg. Vor zwei Wochen verbesserte Britta Steffen ihren Europarekord über 100 Meter Freistil auf 53,05 Sekunden.

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Jahrgang 1970, Sportredakteur.

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