05.08.2008 · Der Hochsprung gehört im Grunde nicht zu den besonders fernsehtauglichen Sportarten. Doch am 4. September 1972 sprang die Schülerin Ulrike Meyfarth unauslöschlich ins Gedächtnis der Deutschen. Auf den Traum aber folgte der Albtraum.
Von Jochen HieberFotos und Dokumente, rare Objekte und wundersame Trouvaillen aus dem Fernsehmuseum in Berlin stellen wir in den Wochen dieses Sommers vor. Dazu natürlich auch die Menschen, zu denen die Gegenstände gehören. Folge 5
Am frühen Abend des 4. September 1972, einem Montag, flopte die sechzehnjährige Schülerin Ulrike Meyfarth aus Wesseling bei Köln unauslöschlich ins Gedächtnis der Deutschen. Ja, sie flopte. Denn bei ihrem Münchner Olympiasieg benutzte das hochspringende Wunderkind mit den unendlich langen Beinen im Gegensatz zu ihren erfahrenen Medaillen-Konkurrentinnen, der Bulgarin Yordanka Blagoeva und der Österreicherin Ilona Gusenbauer, einen immer noch neuen und immer noch ein wenig bizarr anmutenden Stil.
Vier Jahre zuvor, bei den Sommerspielen in Mexiko-Stadt, hatte ihn der Amerikaner Dick Fosbury einer so erstaunten wie zunächst eher erheiterten Weltöffentlichkeit zum ersten Mal vorgeführt und dank des von ihm erfundenen Fosbury-Flops auch auf Anhieb die Goldmedaille gewonnen - in den folgenden Jahren ließ dieser eingedrehte Rückwärtssprung die bisher erfolgverheißende Wälztechnik des Straddle immer obsoleter erscheinen und löste sie schließlich ganz ab. Ulrike Meyfarth war die erste Frau, die bei Olympischen Spielen mit und dank Fosburys brillanter Idee triumphierte. „Das war neu“, so hat es die Dichterin Ulrike Draesner in ihrem Roman „Spiele“ von 2003 formuliert, „das sah aus wie die Zukunft, das war Zukunft, das flog.“
Nur wenige Teilchen
Nun gehört der Hochsprung im Grunde nicht zu den auratischen und deshalb besonders fernsehtauglichen Sportarten. Zum einen dehnt sich der Wettkampf zäh über Stunden hinweg, zum anderen ist der je einzelne Sprung in Sekundenschnelle vorbei. Die Verbindung aus epischer Länge und Dutzenden von mehr oder weniger dramatischen Kürzestgeschichten mag für einen ausschließlich auf diesen Sport konzentrierten Stadionbesucher durchaus eigenen Reiz entfalten - die Zuschauer am Fernsehen hingegen, die von den Live-Kameras und der Regie immer wieder zu parallel stattfindenden Wettbewerben entführt werden, bekommen vom Mosaik des Hochsprungs nur einige wenige Teilchen zu sehen.
Auch für Reporter ist die Sportart ziemlich undankbar - hier lassen sich bestenfalls im Radio minimale Meriten erwerben. Was aber soll man im Fernsehen schon Bleibendes sagen, wenn sich die ganze Dramaturgie auf eine kurze Konzentrationphase, einen Anlauf, das Abdrücken, die Drehung, schließlich den Sprung selbst reduziert - und die Kamera dies Wenige zugleich eins zu eins auf den Bildschirm bringt?
So entstehen keine Legenden
Bei den Olympischen Spielen von 1984 in Los Angeles, bei denen Ulrike Meyfarth nach dem tapferen Durchschreiten eines langen und tiefen Karrieretals den Triumph von München bestätigend wiederholte, war für das ZDF der ehemalige Stabhochspringer Bernd Heller am Mikrofon. Mit zunächst schiefer Metaphorik - „Jetzt hat es Ulrike Meyfarth in der Hand“ - legte er los, um dann auch nicht mehr nachlegen zu können als: „2,02 Meter. Da muss sie sich alles abverlangen. Ulrike Meyfarth - ja, sie hat es geschafft.“ Nein, so entstehen Legenden eigentlich nie.
Und dennoch: Ulrike Meyfarths zweifacher Sprung zu Gold muss auch ein Sprung ins Kollektivherz der Deutschen gewesen sein. Als das ZDF vor wenigen Tagen, am 25. Juli, in der Reihe „Unsere Besten“ die Zuschauer über ihre nachdrücklichsten „Olympischen Momente“ abstimmen ließ, gewann das „Hochsprung-Wunder“ aufs Neue - und ließ dabei so manch erhabeneren, zudem auch die jeweiligen Reporter semi-unsterblich machenden Augenblick weit hinter sich. Die Schwimmerfolge des Michael Groß von 1984 etwa - „Flieg, Albatros, flieg!“ rief damals Jörg Wontorra. Den Marathonmann Waldemar Cierpinski - „Nennen Sie Ihre heute geborenen Söhne doch einfach Waldemar“, riet der DDR-Reporter Heinz Florian Oertel. Oder die „goldene Brücke“ des Ringers Pasquale Passarelli, mit der er über unendliche eineinhalb Minuten voller Finesse und Energie der Schulterniederlage entging und sich so den Sieg sicherte - Jürgen Emig vom HR, dessen Bestechlichkeitsprozess gerade begonnen hat, zählte einst für uns die Sekunden herunter und beschwor telepathisch zugleich den Durchhaltewillen eines Sportlers, der den Reporter naturgemäß nicht hören konnte.
Eingebettet ins Umfeld
Dass vieles zusammenkam und zusammenkommen musste, um Ulrike Meyfarths Münchner Glück und Können in den deutschen Gedächtnis- und Gefühlsolymp zu erheben, wird bei einem Gang durch den sogenannten „Zeittunnel“ des Berliner Museums für Film und Fernsehen ziemlich evident. Denn dort kann man die Sprungszenen nicht nur stets aufs Neue sehen, sondern man findet sie auch eingebettet in das Umfeld der Zeit. Olympia in München: Das war, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die erste Großchance des westlichen Deutschlands, sich der Welt von einer neuen Seite zu zeigen.
In Ulrike Draesners Roman über die zunächst so „heiteren Spiele“ von 1972 gibt es dazu zwei ganz kurze, aber zeitcharakteristisch ungemein genaue Sätze. Eine der Figuren sagt da: „Meyfarth heißt die, Ulrike M-e-y-f-a-r-t-h, nicht Meinhof. Die hier ist erst 16, und Sie brauchen keine Angst vor ihr zu haben.“ Neben dem Goldsprung selbst waren es die Sekunden danach, die als Fernsehbild wie als Foto dem Augenblick bleibende Schönheit bescherten: Auf der Sprungmatte sitzt die Schülerin aus Wesseling mit der Stratnummer 68, sie hat die Arme aufgestützt und strahlt in Großaufnahme glücklich in die Welt.
Auch dieses Schöne war, wie bekannt, nichts als eines neuen Schreckenlichen Anfang. In der Nacht, die dem Hochsprung-Traum folgte, drangen palästinensische Terroristen ins Olympische Dorf ein, nahmen elf israelische Sportler als Geiseln und töteten zwei ihnen sofort - die neun anderen wurden beim Massaker von München auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck ermordet. Willi Daume, damals Chef des Nationalen Olympischen Komitees und Spiritus Rector der Spiele, hat am 11. September 1972, dem Tag der Abschlussfeier, geäußert, erst in Zukunft werde man wirklich erkennen, dass die Ereignisse von München die Probleme deutlich gemacht hätten, mit denen wir fortan leben müssten. Dass es Ulrike Meyfarth war, die kurz vor dem Verbrechen einen Vorschein von Glück verkörperte - auch das macht ihren Moment so dauerhaft.