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FAZ.NET-Glosse „Unzensiert“ Das dicke, wulstige Etwas

15.08.2008 ·  In Peking gibt es allerhand Seltsames zu beobachten - wie dieses dicke, wulstige Etwas vor unserem Fenster. Aber auch beim Beachvolleyball haben wir „es“ schon gesehen - und dabei sogar ein bisschen lieb gewonnen.

Von Bernd Steinle, Peking
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Es war ein weiterer wunderschöner Augustmorgen in Peking, als wir nach dem Aufwachen den üblichen Gang ans Fenster antraten. Wieder mal reichte der Blick bis auf die gegenüberliegende Straßenseite, bevor er sich hinter dem nächsten Hochhaus im Dunst verlor. Der zweite Blick aber blieb am Fenster hängen.

Denn da saß ein dickes, wulstiges Etwas. Streckte uns seinen behaarten, fast daumengroßen Unterleib entgegen, an dem zwei gewaltige, transparente Flügel klebten. Das Etwas rührte sich nicht. Das war die erste gute Nachricht. Die zweite war: Das Etwas saß draußen.

Ein irres Surren, Summen und Brummen

Tags darauf ahnten wir, was das Etwas war. Aus dem Chaoyang Beachvolleyball Park drangen beunruhigende Nachrichten über den Angriff von Riesengrillen. Angelockt vom Flutlicht bei Nachtspielen, taumelten sie orientierungslos auf die hell erleuchte Spielfläche, störten die Beachvolleyballer in ihrer Konzentration, knallten hemmungslos auf ihre Körper und hinterließen Angst und Schrecken und gelegentlich auch blaue Flecken. Für jeden entomologisch interessierten Menschen gab es da nur eins: auf in den Chaoyang Beachvolleyball Park. Zur Expedition ins Tierreich. Nachts, wenn die Riesengrillen kommen.

Das Erste, was im Chaoyang Beachvolleyball Park auffällt, ist der Lärm. Ein irres Surren, Summen und Brummen. Wir hatten das in abgeschwächter Form zuvor schon gehört, in irgendwelchen Grünanlagen, aber da dachten wir, von unseren fundierten Ansichten über China geleitet, das käme, um die natürliche Atmosphäre zu steigern, vom Band. Nun merkten wir, das war, wie so viele fundierte Ansichten über China, Quatsch. Das waren die Riesengrillen.

Es wurde ein schöner Abend im Chaoyang Park

In der Arena hörten wir sie dann nicht nur, wir sahen sie auch. Überraschend kontrolliert flogen sie durchs Scheinwerferlicht, ganz so, als hätten sie inzwischen mit den seltsamen Besuchern im Park ihren Frieden gemacht. Ab und an verirrte sich eine von ihnen aufs Spielfeld, aber da kam dann umgehend der Riesengrillen-Volunteer angelaufen, der mit einem Riesengrillen-Volunteer-Kescher den Störenfried sicher vom Platz trug. Keine fiesen Attacken, keine Tiefflüge, keine Panikschreie. Stattdessen tanzten, rockten und klatschten die chinesischen Zuschauer angesichts der fremden Beachvolleyball-Welt, als hätten sie nie was anderes getan.

Es wurde ein schöner Abend im Chaoyang Park. Bevor wir in dieser Nacht zu Bett gingen, führte der letzte Gang wie immer zum Fenster. Normalerweise wegen der Aussicht. Diesmal wegen der Grille. Natürlich war sie weg. Wir haben ihresgleichen seither nicht wieder gesehen. Aber wir gehen jetzt öfter mal zum Beachvolleyball.

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Jahrgang 1970, Sportredakteur.

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