07.08.2008 · Illegitime Innovation oder alternativloser Fortschritt der Medizin? An tödlichen Muskelleiden werden neue Wege zur „Optimierung“ entwickelt, die sich rasch als Dopingmethoden von ganz neuer Qualität etablieren könnten.
Von Joachim Müller-JungDie drei Autoren des jüngsten Doping-Berichtes aus dem Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag waren längst nicht die ersten, die von einer „sehr wahrscheinlich“ bevorstehenden „neuen Qualität“ des Dopings kündeten. Aber ihr Bericht, vor wenigen Monaten in Berlin vorgestellt, bringt das Gen- oder Molekular-Doping am Schluß ihres wissenschaflichen Kapitels über Grundlagen und Anwendungsperspektiven auf einen entscheidenden Punkt: „Auf längere Sicht könnte sich ein bedeutsamer Verbreitungsweg im Bereich der Anti-Aging-Medizin ergeben, nämlich dann, wenn zugelassene Mittel beispielsweise für die Therapie von überdurchschnittlichem Muskelabbau alltäglich werden“.
Hier wird, ohne konkreter zu werden, ein Forschungsgegenstand in den Fokus der Dopingdiskussion gerückt, der eine neue Dimension des alten medizinischen Dilemmas - Mißbrauch medizinischer Erfindungen - aufzeigt. Für Experten zumindest gilt unbestritten: Die Einfallstore, welche die Hochleistungsmedizin heute bietet, waren nie so groß. Und die Gefahr von, wenn auch indirekten, „Verstrickungen“ bei Ärzten und Forschern nie so groß. Sollte man deshalb von „illegitimen Innovationen“ sprechen?
Wo beginnt die Krankheit?
Das haben die Darmstädter Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette unlängst in einem bemerkenswerten Beitrag der „Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin“ (Bd. 59, S.5) getan? Und wie wären diese etwa aus der Anti-Aging-Medizin stammenden „Optimierungsverfahren“ sportjuristisch einzustufen? Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung zumindest gibt sich auf der Anreizseite keinen Illusionen hin: „Weil ein Muskelabbau übllicherweise bereits im mittleren Lebensalter einsetzt, und die Frage, wann dieser so stark ist, dass er als pathologisch angesehen werden kann, nicht eindeutig beantwortet werden kann, scheint die Zahl potenzieller Konsumenten enorm und die Höhe möglicher Umsätze ebenso.“
Medizinisch gesehen ist fortschreitende Muskelschwäche ein diffuser Begriff. Aber es gibt eine Gruppe von - fast allesamt genetisch stark geprägten - Muskelschwundkrankheiten, über die in den zurückliegenden zehn bis fünfzehn Jahren teilweise ein so enormes Wissen angehäuft wurde, dass sich der Gedanke tatsächlich aufdrängt, hier werden bei allen gewiss untadeligen Versuchen, endlich brauchbare Therapien zu entwickeln, die qualitativ neuen Einfallstore für Muskeldopingtäter zwangsläufig mitgeöffnet.
Geneingriffe gegen Muskeldystrophie
Im Mittelpunkt dabei immer wieder: Duchenne Muskeldystrophie. Diese Erbkrankheit, der Mutationen im Dystrophin-Gen und entsprechende Defekte in dem betreffenden Protein zugrunde liegen, trifft einen von etwa 3500 Jungen. Sie beginnt bei Kindergartenkindern mit leichter Muskelschwäche, was allenfalls am häufigen Stolpern oder Fallen zu erkennen ist, und führt innerhalb weniger Jahre dazu, dass Treppen nicht mehr bestiegen, die Arme nicht mehr gehoben und schließlich - oft schon in der Pubertät - der Rollstuhl unumgänglich wird. Bis die Jugendlichen volljährig werden, sind viele schon ein Pflegefall.
Diesen mehr oder wenig ausgelieferten kranken Menschen medizinisch zu helfen, ihnen endlich etwas substanziell Wirksames zu bieten, ist der Grund für Entwicklungen, wie man sie etwa an den amerikanischen Johns Hopkins Medical Institutions vorantreibt. Dort war vor einem knappen Jahr an den damals schon berühmten „Muskelmäusen“, bei denen ein Muskelwachstumm hemmendes Protein - Myostatin - blockiert worden war, ein weiterer Geneingriff vorgenommen worden. Dieser sorgte dafür, dass große Mengen eines Proteins namens Follistatin produziert werden. Damit wurde das muskelhemmende Myostatin zusätzlich blockiert und die Mäuse bildeten plötzlich viermal so kräftige Muskeln wie üblich aus.
Einige Monate später schließlich präsentierten Genforscher der Ohio State University, dass eine einzige Injektion nackter Follistatin-Gene in den Oberschenkel von Mäusen auch fern liegende Muskelpakete zum Wachstum anregte und dazu noch - angeblich ohne Nebenwirkungen auf Herz und Fortpflanzungsvermögen - zuvor aufgetretene Entzündungsherde in den Muskeln der Tiere weit schneller als üblich heilen ließ.
Stammzellenverjüngung für Muskelwachstum
Die Muskeldystrophie-Mäuse spielen, seitdem sie im Sommer 1997 an der Washington University School of Medicine gezüchtet worden waren, eine zentrale Rolle in der Erforschung der Muskelphysiologie. So auch auf dem jüngsten Feld, das einige der beteiligten Wissenschaftler mit ungehemmt euphorischen Kommentaren begleiten: „Stammzellforscher geben alten Muskeln neuen Pep“, verkündeten vor wenigen Wochen kalifornische Forscher aus Berkeley. Hintergrund waren Experimente, die „müden“ Stammzellen alter Mäuse, die noch in der Muskulatur ruhen, zur Vermehrung und Ausreifung zu bringen.
Tatsächlich hatten die Forscher offenbar zwei entscheidende Eingriffspunkte in der Signalkaskade der Zellen gefunden, die unter normalen Umständen die Stammzellen träge und alt werden lassen. Verhinderten sie allerdings die Bildung eines der beteiligten Proteine - des „Transforming Growth Factors“, kurz TGF-beta - und stimulierten sie damit gleichzeitig einen Zellrezeptor namens „Notch“ auf der Oberfläche der Zellen, verjüngten sich die lahmen Stammzellen in den Muskeln regelrecht. Die so behandelten alten Mäuse regenerierten plötzlich ihre Muskeln, wie die Forscher in „Nature“ berichteten, genauso effektiv wie ihre jugendlichen Artgenossen.
Potente Zelltransplantate
Vor kurzem schließlich gaben Forscher des Harvard Stem Cell Institute in der Zeitschrift „Cell“ bekannt, dass sie die entscheidende Stammzell-Population aus der Skelettmuskulatur, die man gewissermaßen wie Knochenmark-Stammzellen transplantieren und zum Muskelersatz zumindest der Muskeldystrophie-Mäuse verwenden kann, isoliert und in der Kultur erfolgreich vermehrt haben.
Die potenten Zelltransplantate übernahmen an den operierten Stellen quasi das Kommando und führten bereitwillig zum Aufbau von Muskelgewebe - und zwar nicht nur in geschädigtem Gewebe, sondern „mit hoher Effizienz auch in gesunden Muskeln“. Die Stammzellen übernahmen nach dem Transfer dauerhaft die Stammzellnischen in den Muskelfasern und liefen darin offenbar nicht einmal Gefahr, durch die aggressiven Immunzellen im fremden Körper angegriffen und abgestoßen zu werden.
„Das sollte zu analogen Untersuchungen für eine Zellersatzbehandlung beim Menschen ermutigen“, schreiben die Wissenschaftler. Bis es soweit ist, dürften noch Jahre der klinischen Forschung ins Land gehen. In ihren Startlöchern sitzen gewiss längst nicht mehr nur Therapeuten.
Was man nicht verhindern kann (will), soll man nicht scheinheilich verbieten
Matthias Fiedler (msalcapone)
- 07.08.2008, 14:16 Uhr
Brachial weitergedacht
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 07.08.2008, 14:59 Uhr
ich bin auch erstaunt, wie negativ hier...
W.P. Bayerl (Dr.Bayerl)
- 13.08.2008, 15:23 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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