Die paar deutschen Anfeuerungsrufe auf der Tribüne klangen seltsam hohl und verzagt, so als sollten sie nicht Timo Boll auf Trab bringen, sondern die Stimmung des Deutschen an Tisch zwei wiedergeben. Es war ein einsames, unwirkliches Spiel, das der Düsseldorfer Tischtennisspieler im Achtelfinale des olympischen Einzelturniers erlebte. Das chinesische Publikum war bereits gegangen. Ma Lin und Wang Liqin, die beiden Superspieler, hatten an den Parallel-Tischen mit ihren Gegnern bereits kurzen Prozess gemacht und ruhten sich längst schon wieder irgendwo aus.
Es wurde stiller und stiller um Timo Boll und seinen koreanischen Gegenspieler Oh Sang Eun, und je weiter das Match sich entwickelte, desto deutlicher war Boll eine seltsame Apathie anzumerken, so als wäre in seinem Inneren Olympia schon vorüber, obwohl er noch hier stand und weiterspielte. Zwischendurch konnte sich der 27 Jahre alte Boll sogar noch zur Gegenwehr aufraffen, nach drei verlorenen Sätzen gewann er den vierten, doch der fünfte Satz brachte ein rasches Ende. Mit einer 1:4-Niederlage, mit 9:11, 4:11, 9:11, 11:8 und 3:11 verlor er sein Achtelfinalspiel und beendete seine Mission Peking, die ihm zwar eine Silbermedaille mit der Mannschaft eingebracht hat. Doch im Einzel konnte er seinen Ruhm nicht mehren, der Weg zum deutschen Olympiastar brach jäh ab.
Boll, Süß, Ovtscharov: Alle Deutschen ausgeschieden
„Oh ist ein starker Spieler, der hier bisher ein makelloses Turnier bestritten hat“, sagt Boll. „Aber natürlich ärgert man sich trotzdem.“ Frustriert fahre er zwar nicht nach Hause, aber die Enttäuschung sitze tief. Einige Ballwechsel kommen ihm in den Sinn, deren Erinnerung ihn jetzt wurmt. Unnötige Leichtsinnsfehler, die einem Boll eigentlich nicht passieren dürften. „So etwas mache ich im Training nicht“, sagt er. An der kniffligen Auslosung habe es nicht gelegen, dass er sich nicht besser zurechtfand in diesem Achtelfinalmatch. „Das ließ sich nicht ändern.“ Der Koreaner Oh hatte mit seinem bisherigen Auftreten das ganze Feld beeindruckt. Und im Viertelfinale hätte Ma Lin auf Boll gewartet, der Mann, gegen den er im Mannschafts-Finale trotz entschlossener Gegenwehr nur einen Satz hatte gewinnen können. „Vielleicht hat uns ja das Mannschafts-Finale irgendwie den Wind aus den Segeln genommen“, sagt Boll, „ich weiß nicht.“
Auch die anderen beiden Deutschen verabschiedeten sich am Donnerstag von Olympia. Christian Süß verlor in der dritten Runde 0:4 gegen den Weißrussen Wladimir Samsonow, der dann allerdings später in einem schwer umkämpften Sieben-Satz-Spiel am Schweden Jörgen Persson scheiterte. Und der neunzehnjährige Dimitrij Ovtscharov unterlag im Achtelfinale Ko Lai Chak aus Hongkong 1:4.
„Natürlich sieht das dann ein bisschen hilflos aus“
Timo Boll schaute ins Leere. Alles war vorbei, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Er fühlte sich unvollständig und unvollkommen und dachte wahrscheinlich an frühere, bessere Zeiten zurück, vor seiner Rückenverletzung, die ihn weit zurückgeworfen hatte. Der Weg zu den Olympischen Spielen war schwer gewesen für ihn: „Ich habe unglaublich hart an mir gearbeitet.“ Doch in Peking spürte er, dass das nicht genügte.
Ein anderer Timo Boll, sagt er, ein Timo Boll an einem anderen Tag seines Lebens, hätte den Koreaner vielleicht schlagen können. Aber der Timo Boll von heute nicht. „Er hat sehr clever gespielt“, sagt er in seinem hessischen Singsang, „und hat genau die Schwächen angespielt, die ich im Moment habe.“ Das sind Probleme im Aufschlag-Rückschlag-Bereich, die einen Spieler besonders schnell so wirken lassen, als wäre er irgendwie der Dumme. „Natürlich sieht das dann ein bisschen ratlos und hilflos aus, wenn dir die Mittel ausgehen“, sagt Boll und es klingt so, als hätte es nicht nur so ausgesehen, sondern sich auch so angefühlt.
Das Turnier geht weiter, Timo Boll auch
Sogar der Händedruck zum Abschied von seinem koreanischen Gegner wirkte ein bisschen lasch, allzu ergeben, als hätte er die Niederlage schon lange erwartet. Er habe, sagt er, es nicht geschafft, sich vom Spielschema des Koreaners zu lösen. „Ich muss weiter an mir arbeiten“, sagt Boll. „ich bin noch nicht komplett.“ In der Runde der letzten sechzehn, dort, wo die Cracks erst anfangen zu brillieren, hat Boll seiner eigenen Einschätzung nach eben zurzeit nichts verloren. „Gegen die Besten hat es halt nicht gereicht“, sagt er. Doch der völligen Zerknirschung will er sich nun nicht ergeben.
Erstens muss nun endlich die Silbermedaille im Mannschaftskampf gefeiert werden. Deutschland ist in Peking zweitbeste Tischtennis-Nation hinter China und vor Korea geworden. Und zweitens ist er davon überzeugt, dass ihn am Donnerstag ein Spieler geschlagen hat, der es auch mit den chinesischen Siegmaschinen aufnehmen kann. „Gegen den muss Ma Lin erst einmal gewinnen“, sagt er mit einem kleinen Lächeln. Das Turnier geht weiter, Timo Boll auch. In London 2012 will er es noch einmal probieren mit der Einzelmedaille.
Kater
Jürgen Zwiebel (Konspirant)
- 22.08.2008, 12:13 Uhr
