13.08.2008 · Beim 1:1 gegen Belgien vergibt das deutsche Hockey-Team der Herren zwar viele Tor-Gelegenheiten, aber nicht die Chance auf die Teilnahme am Halbfinale. Dann sollten sie aber ihre Chancen besser nutzen als am Mittwoch.
Von Peter Penders, PekingEs gibt angeblich ein Gesetz im Sport. Aber an dieses Gesetz muss man sich nicht halten. Deshalb hat es auch niemand aufgeschrieben. Und so heißt es „das ungeschriebene“ Gesetz. Es besagt, dass die Mannschaft, die viele, viele Torchancen auslässt, am Ende noch bestraft wird. Etwa beim zweiten Spiel der deutschen Hockey-Nationalmannschaft der Herren am Mittwoch. Sekunden vor dem Abpfiff hatte Belgien eine Strafecke zugesprochen bekommen. Es sah nach einem bösen Ende für den Weltmeister aus.
Doch die gesetzmäßige Bestrafung blieb aus. Deutschland hielt das 1:1. Damit hat sich die Ausgangslage im Kampf um einen der beiden Halbfinalplätze nicht wesentlich verändert. „Dann hauen wir jetzt eben Korea weg“, sagte Torwart Max Weinhold. Als hätte er einen ganz wunderbaren Plan im Kopf.
Pfosten, Latte, Pech
Chancen, so eine Strategie schon gegen Belgien zu üben, hatte die Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes zur Genüge. Aber irgendetwas kam im letzten Moment immer noch dazwischen. Am häufigsten war es Holz. Daraus bestehen die beiden Pfosten und die Latte des Tores. Den Pfosten traf der deutsche Strafeckenspezialist Christopher Zeller bei erster Gelegenheit nach fünf Minuten, die Lattenunterkante gar beim zweiten Versuch nach neun Minuten.
„Wir hätten sie vom Platz geschossen, wenn wir 2:0 führen und dann hätten kontern können“, sagte Zeller, der wohl Beste auf seiner Position, diesmal in der Rolle des Pechvogels. Kontern bis zur Demontage. So gut hätte es laufen können: Denn Zeller, Matthias Witthaus, Florian Keller und Tibor Weißenborn sind nicht nur die technisch besten Spieler, sondern auch die Schnellsten. Eine Kombination, die viel verspricht.
Ein Herr namens Adam Commons
Ob es so gekommen wäre? Alles graue Theorie - so grau wie der Himmel über Peking mit seiner smokverseuchten Luft. Spiele unter großer Hitze bei hoher Luftfeuchtigkeit kennen die Hockeyspieler auch von Länderspielen in Malaysia, Pakistan oder Indien. Aber die Bedingungen bei Olympia erscheinen allen noch eine Spur anstrengender. „Deshalb ist es wichtig, hier in Führung zu gehen“, erklärte Zeller. Diesen Plan hatten sie umgesetzt. Mit einem Rückhandtreffer von Matthias Witthaus in der 18. Minute. Doch Charlier gleich kurz darauf aus, durchkreuzte mit seinem Treffer die Einführung der Kontertaktik.
Vor nicht allzu langer Zeit war die belgische Mannschaft noch ein Gegner, der für die großen Hockeynationen nur zur Laufkundschaft zählte. Nicht nur die Deutschen wählten ihren Nachbarn gern als Sparringspartner, um sich auf ein großes Turnier vorzubereiten. Aus und vorbei. Hinter dem Aufstieg Belgiens zu einem gefährlichen Gegner steckt nicht nur die gute Jugendarbeit, sondern wohl auch ein Herr namens Adam Commons. Der Australier ist seit Anfang 2007 für die belgische Nationalmannschaft verantwortlich. Er veränderte sie so stark, dass man die Auswahl nicht mehr wieder erkennt. „Das ist ja keine Gurkentruppe, und deshalb ist so ein 1:1 zwar ärgerlich“, sagte Bundestrainer Markus Weise, „aber auch keine Sensation.“
Witthaus: „Irgendwie ist gegen Belgien der Wurm drin“
Commons hat selbst Hockey auf höchstem Niveau gespielt. Als Gegenspieler war er stets so willkommen wie einst Fußball-Verteidiger Jürgen Kohler in besten Zeiten bei den Stürmern aus aller Welt. Commons gab nie auf, lief wie vor ihm nur der VW Käfer. Diese Mentalität hat er schnell auf seine Spieler übertragen . Die scheinen allein aus Sorge vor dem Unmut des neuen Coaches Fehler weitgehend zu vermeiden. Als gegen Deutschland eine einstudierte Variante bei einem Freischlag misslang, bekam der Australier einen Tobsuchtsanfall. Weitere Missgeschicke unterliefen ihnen nicht. Dazu kam etwas Glück. Nach Kellers Pech traf Moritz Fürste in der 44. Minute nur den Innenpfosten.
„Irgendwie ist gegen Belgien der Wurm drin. Die liegen uns nicht“, sagte Witthaus. Diesen Eindruck hatten die Belgier schon bei der EM im vergangenen Jahr hinterlassen, als sie im Spiel um Platz drei überraschend siegten und sich direkt für Peking qualifizierten. Die Deutschen mussten danach den Umweg über ein Turnier in Japan nehmen. Das Wiedersehen in Peking bot also die Gelegenheit, die Machtverhältnisse klar zu stellen. Doch als eine verspätete EM-Revanche hatte niemand diese Partie bezeichnen wollen. „Das ist kein Wild-West-Film, in dem man Rache nimmt“, sagte Weise. Vielleicht sieht Commons das anders. Er hat sein letztes Länderspiel verloren, vor sechs Jahren gegen Deutschland in Malaysia. Es war das WM-Finale, und das vergisst man nicht.