06.08.2008 · An diesem Mittwoch beginnen für die deutschen Fußballfrauen die Sommerspiele. Im F.A.Z.-Interview spricht Spielführerin Birgit Prinz über ihre olympischen Sehnsüchte, chinesische Kleinstädte und die Nähe zu den brasilianischen Fußballspielern.
182 Länderspiele, 121 Tore. Kein Fußballprofi kann eine Bilanz wie die 30 Jahre alte Frankfurterin Birgit Prinz aufweisen. Sie hat schon alles gewonnen, bis auf Gold. Doch ihr Ziel in Peking heißt: das Olympische Dorf. An diesem Mittwoch (11 Uhr, live im ZDF) beginnen für die deutschen Fußballfrauen - zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung - mit der Partie gegen den WM-Zweiten Brasilien die Sommerspiele. Weitere Gruppengegner sind Nigeria und Nordkorea. „Brasilien wird extrem motiviert sein“, sagt Spielführerin Birgit Prinz im F.A.Z.-Interview.
Die Mannschaft hat in Shenyang direkt nach den Brasilianern trainiert. Gab's da bei Ronaldinho und Co. etwas zu bestaunen?
Ich habe da nichts Tolles gesehen. Flanken, Torschuss, und danach haben sie gedehnt. Ich bin nun wirklich nicht der Typ, der es supergroßartig findet und in Ekstase gerät, wenn brasilianische Männer vor mir spielen. Das sind eben auch nur Fußball spielende Männer. Wir haben danach ja selbst trainiert. Da bin ich nicht so auf brasilianische Männer fokussiert.
Ein paar Spielerinnen haben sich trotzdem mit Ronaldinho fotografieren lassen. Hatten Sie auch Kontakt, Sie kennen sich ja schon von ein paar Gala-Shows. Und ganz ehrlich: Ist Ronaldinho eigentlich noch zu dick?
Wir kennen uns nur vom Sehen. Wir sagen „hallo“ zueinander, aber richtig kennen ist natürlich zu viel gesagt. Und ob Ronaldinho zu dick ist: Keine Ahnung, so genau habe ich ihn mir nicht angeschaut.
Haben sich vielleicht die Brasilianer mit der erfolgreichsten Fußballspielerin der Welt ablichten lassen? Olympia ist ja ein Ort der Begegnung.
Das ging gar nicht. Unser Training fing ja an, das ging fließend ineinander über. Das war kein „meet and greet“.
Sie leben ja auch im selben Hotel mit den Brasilianern und noch sechs anderen Teams, kommt man sich da näher?
Das ist leider ziemlich voneinander getrennt. Jede Mannschaft hat ihre eigene Etage, auf der sie lebt, und auch ihren eigenen Speiseraum. Deswegen trifft man sich kaum.
Fußball auf dem Außenposten Shenyang: Ist das eher wie eine Fußball-WM, oder gibt es dort doch etwas, das an Olympia erinnert?
Bisher nicht viel. Wir sind schon ziemlich weitab vom Schuss, was Olympia angeht. Wir haben eigentlich gar keinen Kontakt zu anderen Sportlern. Bei den letzten beiden Olympischen Spielen waren wir zum Glück relativ erfolgreich. Und irgendwann, ab Halbfinale oder Finale, dürfen sogar Fußballer ins Olympische Dorf. Die Kontakte sind es doch, was Olympia außergewöhnlich macht. Ich fände es toll, wenn wir von Anfang an dort wären. Es ist für mich ein echtes Ziel, ins Olympische Dorf zu kommen.
Das Turnier beginnt ja auch schon vor der Eröffnungsfeier. Wären Sie gerne dabei gewesen?
Von solchen Illusionen habe ich mich schon länger verabschiedet. Wir sind immer weit weg, wir fangen immer vorher an – da habe ich mir schon lange keine Hoffnung mehr gemacht, einmal bei einer Eröffnungsfeier dabei zu sein.
Sie klingen traurig.
Wie gesagt: Wir haben nicht die Chance, richtig an Olympia teilzunehmen. Ich verbinde mit Olympia den Gedanken von gemeinsamen Spielen, von vielen Athleten. Aber Zeit, uns andere Mannschaften und andere Wettkämpfe anzuschauen, haben wir nur, wenn wir früh ausscheiden. Denn selbst wenn wir ins Olympische Dorf kommen sollten, haben wir nur noch wenig Zeit vor unseren Spielen. Schade, sehr schade.
Der große China-Fan sind Sie ja nicht. Ein anstrengendes Land für eine Frau mit ausgeprägtem Eigensinn?
Der Eigensinn ist nicht das Problem. Ich habe es letztes Jahr schon gesagt: Ich finde es einfach anstrengend, wenn immer und überall Verkehr ist, wenn immer und überall Menschen sind. Ich habe mich damit arrangiert. Shenyang ist ja eine ruhigere Kleinstadt, da klappt es ja ganz gut. Die haben nur 4,5 Millionen Einwohner. Das ist echt knuffig.
Wie müssen Sie sich in diesen Tagen als Individualisten anpassen – gegenüber den Gastgebern und dem Team?
Es ist kein Problem mehr für mich, innerhalb einer Mannschaft zu funktionieren. Das mache ich ja jetzt schon lange. Und in China zu sein ist auch keine neue Situation für mich. Es wird jetzt noch mehr auf die Sicherheit geachtet als bei der WM im letzten Herbst. Aber ansonsten ähnelt sich alles. Ich bin hier nicht als Naivchen reingetappt. Ich habe kein Problem damit, dass die Olympischen Spiele in China stattfinden. Es lag nicht in meiner Entscheidungsgewalt.
Als Weltmeister ist man automatisch Favorit auf Gold. Sehen Sie das auch so?
Wenn man nicht sagt, dass wir der einzige Favorit sind, dann ja. Wenn man vor nicht mal einem Jahr Weltmeister geworden ist, dann muss man Mitfavorit sein.
Hat man mit so viel Erfahrung am Tag vor einem Turnier schon ein Gefühl, wie es laufen wird?
Manchmal schon. Aber dieses Jahr nicht. Diesmal ist die Unbekannte größer. Wir hatten weniger Zeit, uns perfekt vorzubereiten als bei der WM. Aber die Mannschaft hat in ähnlicher Zusammensetzung schon gezeigt, dass sie stark ist. Wir haben gute Einzelspieler, funktionieren aber besonders gut als Mannschaft. Das löst sich nicht in einem Jahr auf. Das ist eine Stärke, die uns niemand nimmt.
Die Niederlage im WM-Finale hat Brasilien und vor allem ihrem Star Marta sehr zu schaffen gemacht – welche Reaktion erwarten Sie heute von den Brasilianerinnen?
Brasilien wird extrem motiviert sein. Es wird auf jeden Fall ein umkämpftes, körperbetontes, enges Spiel geben. Die Zweikampfhärte wird auch ein Fakt sein, der das Spiel entscheiden wird. Es wird ein intensives Spiel. Wir müssen kompakt zusammenstehen und unsere Zweikämpfe gewinnen, darauf wird es ankommen.
Die Vorrundengruppe ist sehr schwer mit Brasilien, Nigeria und Nordkorea. Fürchten Sie, dass Sie früh nach Hause fahren müssen?
Ich will es mir nicht vorstellen. Aber in dieser Gruppe ist es absolut möglich. Wir haben sehr starke Gegner, gegen die man auch problemlos verlieren kann, ohne wirklich schlecht zu spielen.
Sie haben alles in Ihrer Karriere gewonnen – nur noch keine Goldmedaille. Wie wichtig ist Ihnen Gold in Peking?
Ich bin niemand, der sich an Medaillen oder Titeln hochzieht. Ich kann natürlich sagen: Ich will Gold gewinnen. Aber das ist nichts, woran ich wirklich konkret arbeiten kann. Ich brauche konkrete Zielvorstellungen, die ich konkret umsetzen kann. Mein Ziel ist es, von Spiel zu Spiel weiterzukommen. Ich will ein gutes Turnier spielen. Aber die Goldmedaille ist nicht das, was mich motiviert.