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Olympia Mehr als der Medaillenspiegel

30.08.2004 ·  Fünf Ringe, fünf Blöcke: Welche Sportart welche Rolle bei Olympia gespielt hat - und wie die deutschen Athleten dabei ausgesehen haben. FAZ.NET-Spezial mit Bildergalerie.

Von Christian Eichler, Athen
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Olympische Spiele haben viele Bilanzen: organisatorische, finanzielle, politische, mediale, nationale, internationale, biochemische - ja, sportliche Bilanzen gibt es manchmal sogar auch.

Meistens wird das mit dem Medaillenspiegel gleichgesetzt. Aber das ist eine Verwechslung. Argentinien steht dort zum Beispiel ziemlich abgeschlagen mit zwei Goldmedaillen. Aber was für Goldmedaillen: im Fußball und im Basketball, den beiden populärsten Mannschaftsspielen der Welt. Es sind Medaillen, die fürs Herz sind, so wie die Erfolge der deutschen Handballmannschaft - nicht nur für die Statistik.

Fünf Blöcke unter den fünf Ringen

Das wahre Spiegelbild der Spiele muß ohne Spiegel auskommen. In dieser Bilanz zerfällt Olympia, das Ereignis der fünf Ringe, in fünf Blöcke. Block eins, das sind die drei großen olympischen Sportarten, deren Attraktivität trotz vielfältiger Probleme immer wieder überlebt: Leichtathletik, Schwimmen, Turnen. Block zwei sind die Mannschaftsspiele, die ganze Nationen begeistern und in denen sich auch in Athen, von Fuß-, Hand-, Basket- bis Volleyball, ein globaler Trend zur Dominanz der Defensive bestätigte - was deren Anziehungskraft nicht mindert. Block drei: junge Disziplinen, die den Spielen in nur wenigen Jahren eine eigene Nische, ein neues junges Publikum erschlossen haben, wie Beachvolleyball, Mountainbike, Triathlon. Block vier: jene klassischen, aber nicht klassisch olympischen Sportarten, für deren Profis Olympia kein Karriereziel, eher eine Abwechslung vom Alltag ist und die das Programm immer noch nicht entscheidend bereichern, wie Tennis und Straßenradfahren.

Block fünf schließlich: jene Masse an Sportarten, die in der breiten Öffentlichkeit nur während der Spiele wahrgenommen werden. Es sind Sportarten, die im Erfolgsfall im Medaillenspiegel landen, wie etwa in Deutschland Kanu, Judo, Bahnradfahren; im Mißerfolgsfall im öffentlichen Abseits, wie Ringen, Gewichtheben, auch Fechten; so gut wie nie aber, ausgenommen vielleicht durch die Ausnahmeathletin Birgit Fischer, in der öffentlichen Wahrnehmung, im Tagesgespräch der Zuschauer. Spätestens nach Peking 2008 wird man sich nicht nur in Deutschland fragen, ob man die Medaillenproduktion in manchen, global nicht mehr konkurrenzfähigen Branchen nicht besser freiwillig Chinesen und anderen Massenproduzenten überläßt.

Leichtfüßige Leichtathleten

Das Bild der Spiele, es steht und fällt immer noch mit den großen drei: mit dem Schwimmen, das in Athen eine einmalige Ansammlung von Superstars wie Phelps und Thorpe zu bieten hatte, das aber mit ziemlich altbackener Präsentation tat, als wär's ein regionales Sportfest; mit dem Turnen, das durch großartige Artistik begeisterte und durch skandalöse Kampfrichterentscheidungen empörte; vor allem aber die Leichtathletik, die immer noch am meisten bewegt. Dieser einst so leichte, begeisternde Kanon menschlicher Bewegungslust wird beinahe schon gewohnheitsmäßig mit Doping in Verbindung gebracht - und mit ihm Olympia selbst.

Die Schmierenkomödie um den Griechen Kenteris, dazu mindestens drei betrügerische Olympiasieger, all das hat das Bild nicht gebessert, vielleicht aber die Situation: Erst wo man richtig saubermacht, sieht man auch den Schmutz richtig. Viele Leichtathletiksieger begleitet der Verdacht nicht ohne Grund. Doch manche in Athen strahlten auch wieder jene Eigenschaft aus, die in der ersten Silbe der Sportart verewigt ist: schlanke, leichtfüßige, nicht bullige Sportler, Leichtathleten wie die Schweden Klüft, Olsson, Holm, wie die Amerikaner Wariner und Mack, wie die russische Hochspringerin Slesarenko, wie der Wunderläufer Bekele und wie der, der ihn besiegte: der grandiose Hicham El Guerrouj.

Der Augenschein ist kein Sauberkeitsbeweis. Aber die Anpassung der Körper an die neue Anti-Doping-Realität, die Wiederentdeckung der Leichtigkeit in der Leichtathletik: Sie ist ein sportlicher, ein olympischer, auch ein ästhetischer Gewinn.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2004
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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