30.08.2004 · Der übertriebene Patriotismus der Griechen, die chronische Schwäche der Deutschen, das Dauerthema Doping - eine Bilanz der Tage von Athen. Mit Bildergalerie.
Von Hans-Joachim Waldbröl, AthenDie patriotisch beschworene Heimkehr der Spiele an den Ort ihres Ursprungs war schon lange vor der Anreise von zehntausend Sportlern aus 202 Ländern als griechische Heimsuchung der olympischen Familie verschrien. Prognosen von Skeptikern und Kritikern machen das Publikum zwar neugierig auf die Vorführung. Aber im Sport zählen weder Befürchtungen vor dem Anpfiff noch der unsichere Stand der Dinge zur Halbzeit, sondern allein das Endergebnis. Und danach haben im internationalen Streitfall "Athen 2004" die Pessimisten wie die Optimisten verloren - die Realisten jedoch gewonnen.
Die Gesamtnote lautet nach sechzehn sportlich abwechslungsreichen, sportpolitisch aufregenden Tagen schlicht: "befriedigend". Ein besseres Abschlußurteil haben sich die ehrgeizigen Griechen, die unverhohlen mit dem unüberbietbaren Prädikat "Best Games ever" aus dem Munde der höchsten Olympier gerechnet hatten, durch eine schlechte Teilnote verdorben. Für den technischen Part der gigantischen Aufführung, die gelungene Organisation, die durch den größtmöglichen Aufwand garantierte Sicherheit, gab es zwar ein glattes "gut". Aber der künstlerische Wert des Gesamtwerks, dessen Gelingen auch von der einnehmenden Atmosphäre in der Stadt, von der herzlichen Anteilnahme der Zuschauer an den Auftritten aller Athleten abhängt, war allenfalls "genügend".
„Unsere Spiele“
Man war gewarnt: Hatten die griechischen Gastgeber nicht immer schon von "unseren Spielen" gesprochen? Ein Anspruch, der von ihren geschichtsbewußten Gästen wohl zugunsten der stolzen Hellenen ausgelegt wurde. Ein wohlwollendes Mißverständnis, wie sich während der vergangenen Wochen zeigte. Es ist zwar unbestritten, daß die Spiele eine antike Erfindung sind, die rund siebenhundert Jahre vor Christus in Olympia ihren Anfang nahm; daß dieses aufsehenerregende Ereignis unter dem Kürzel Olympia 1896 in Athen wieder auflebte; daß die Spiele mit einiger Berechtigung schon zur Hundertjahrfeier hierher hätten zurückkehren sollen. Aber heute, nach der Schlußfeier im modernen Olympiastadion, ist klarer denn je zu erkennen und deutlicher als damals zu verstehen, warum Athen mit seiner Bewerbung für die Jahrhundertspiele von 1996 beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nicht gut ankam. Die Griechen traten seinerzeit nicht als Bieter im Wettbewerb gegen andere Interessenten auf, sondern als freche Forderer: Die Spiele gehören uns, rückt sie endlich heraus!
Bildergalerie: Das waren die Spiele in Athen
Die Sportgeschichte wiederholt sich, wenn auch in anderer Form. Als Athen endlich mit acht Jahren Verspätung sein Urheberrecht moralisch eingeklagt hatte, führten sich die Organisatoren des Mammutereignisses, dessen Bewältigung auch größere Städte und Länder finanziell wie organisatorisch leicht überfordern kann, wie völlig autonome Eigentümer auf. Dabei sind alle Ausrichter nur Besitzer auf Zeit, die vom IOC die olympischen Ringe geliehen bekommen. Während der schleppenden Vorbereitung wie im Verlauf der Veranstaltung wurden noch so gute Ratschläge als anmaßende Einmischung in die inneren Angelegenheiten beleidigt abgewehrt.
Die „Doping-Spiele“
Die flammende Rede des griechischen Staatspräsidenten Stefanopoulos, der zum Auftakt alle Kritiker am Arbeitsstil und Arbeitstempo seiner Landsleute schroff in die Schranken verwies, hat sich zwischen der Eröffnungsfeier und der Schlußzeremonie als programmatisch erwiesen: Laßt uns mal machen, wir verstehen unser Geschäft. Kümmert ihr euch um eure eigenen Schwierigkeiten, davon gibt es mehr als genug. Recht gesprochen, wenngleich die Wirklichkeit dann doch von vielen Zwischentönen und Mißklängen geprägt wurde und die griechische Beteiligung am bedeutendsten Imageschaden des Weltsportfestes unübersehbar ist.
Die "Doping-Spiele"- dieser Beiname charakterisiert jetzt das jahrzehntelang geschönte Erscheinungsbild eines olympischen Sports, dessen Wahrhaftigkeit noch nie so stark in Frage gestellt wurde. Paradox genug, daß dies ausgerechnet durch eine neue Ehrlichkeit hervorgerufen wird, die der belgische IOC-Präsident Rogge eingeführt hat. Und die mehr Dopingsünder bloßstellte als jemals zuvor. Die Benachteiligung beklagen am lautesten die deutschen Athleten, die wohl schon viele Jahre lang so gründlich auf den Mißbrauch der Medizin kontrolliert werden, wie das erst allmählich in anderen Ländern geschieht. Daß sich die Medaillenzähler hierzulande angesichts der mageren Ausbeute vor allem darauf herausreden, deutsche Sportler wären nur wegen ihres "natürlichen" Wettbewerbsnachteils so schwach, ist allenfalls die halbe Wahrheit. Über die verschwenderischen Strukturen des deutschen Fördersystems, das die Leistungen der Athleten offenbar nicht auf den Punkt bringen kann, wird zu reden sein.
„Ihre Spiele“
Ins Gerede gekommen sind die betrügerischen Spielchen, die Sportler mit den Spielen treiben, durch einen als Helden verehrten Griechen: Konstantinos Kenteris, Olympiasieger über 200 Meter von Sydney 2000 und in den Augen seiner Anhänger der große Favorit für die Heimspiele, hatte sich einem Dopingtest entzogen. Das war schon des öfteren passiert, aber noch nie so dreist eingefädelt. Erst nach juristischer Intervention des IOC und durch drängende internationale Diplomatie konnte Kenteris bewegt werden, die olympische Bühne zu verlassen, bevor er in Schande weggeschickt worden wäre.
Doch das Publikum im Olympiastadion sprach ihn frei und forderte seinen Einsatz. Das ist eine verständliche nationale Emotion. Aber daß die anderen Athleten angebuht und ausgepfiffen wurden, damit hat sich das griechische Publikum, das an den meisten Sportstätten ausschließlich Interesse an den Auftritten der Landsleute laut werden ließ, für eine weltoffene Veranstaltung disqualifiziert. Das waren tatsächlich "ihre" Spiele - nicht die der ganzen olympischen Familie.