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Stabhochspringer Björn Otto Fehlen nur noch die sechs Meter

 ·  Erst Zweiter bei der Hallen-WM, nun Zweiter bei der Freiluft-EM: Stabhochspringer Björn Otto ist mit 34 Jahren zum Stammgast auf dem Siegerpodest geworden. Und will weiter hoch hinaus.

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© AFP Der Sonne entgegen: Flugfan Björn Otto

Die tiefen Lachfalten um seine stahlblauen Augen weisen ihn als Mann aus, der schon einiges erlebt hat und mit sich im Reinen ist. Nicht nur an diesem Abend, an dem er als EM-Zweiter allen Grund hat, sich zu freuen. Auch sonst umweht Björn Otto, der immer so aussieht, als hätte er die Sonne im Gesicht und den Wind in den Haaren, die Aura der Unabhängigkeit.

In einem grandiosen Stabhochsprung-Wettkampf gewann der dunkelblonde Rheinländer am Sonntag bei den Europameisterschaften in Helsinki mit persönlicher Bestleistung von 5,92 Metern die Silbermedaille. Es war seine zweite in dieser Saison nach Platz zwei bei der Hallen-WM im März. Und so langsam, im doch schon fortgeschrittenen Wettkampf-Alter von 34 Jahren, gewöhnt sich Otto an seinen neuen Stammplatz auf den Siegerpodesten. „Ob das der beste Wettkampf meines Lebens war?“ Darauf wollte er sich nicht festlegen. Nur so viel: „Es war mit Sicherheit ein starker Wettkampf.“ Und es war für ihn natürlich auch Genugtuung und Gewissheit, dass er in letzter Zeit „alles richtig gemacht hatte“.

In den vergangenen Jahren hatte Björn Otto dagegen häufig genug Kämpfe außerhalb der Stadien ausfechten müssen. Besonders bitter war es, als der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ihn 2011 nicht mit zur WM nach Daegu nahm, obwohl er die Qualifikationsnorm erfüllt hatte: 5,80 Meter hatte er in Landau überwunden, die Anlage war, in den Worten Ottos aber „nur mit der Wasserwaage justiert und nicht mit einem Laser“, wie es die Statuten vorgeschrieben hätten. Damals hatte er kurz überlegt, seine Karriere zu beenden, besann sich dann aber eines Besseren. Statt zu springen, ging er fliegen. Gleitschirmfliegen ist seine zweite große Leidenschaft neben Stabhochspringen. „Wenn ich meine Ruhe haben will, mache ich das Handy aus und nehme den Schirm“, erklärt er seine Ausweichstrategie. Er lässt die Welt dann zwar nicht hinter, aber doch unter sich. Und zwar weit. Auf 4000 Meter hat er sich schon in die Höhe geschwungen, 140, 150 Kilometer lang ist er ein Dreieck über die Alpen geflogen. Da denkt man dann nicht mehr über Zentimeter und Normen nach.

Auf dem Boden der Tatsachen wundert er sich aber doch, als Problemfall zu gelten. „Ich hatte schon Sorge, dass sie mich auch dieses Jahr nicht mitnehmen.“ Bei den deutschen Meisterschaften war er nur Vierter geworden. Und die besten drei sollten eigentlich zur EM. Doch die Matte in Wattenscheid war so schlecht, dass Otto bei einem Versuch fast den Eindruck hatte, „mit dem Rücken auf den Boden zu knallen“. Die Anlage wurde dann zwar verstärkt, aber sein Tag war gelaufen, und die Trials waren dadurch nicht wirklich regulär. Und weil er gute Vorleistungen mitgebracht hatte, wurde Otto dann doch mit zur EM genommen. Da war er endlich mal Begünstigter, und das, gerade weil er Leidtragender war.

Schon in den Jahren 2000 bis 2007 gehörte der in Frechen geborene und für die LAV Bayer Uerdingen/Dormagen springende Athlet zu den Topleuten seines Fachs. Doch in einer Disziplin, die mit Spitzenleuten wie Lobinger, Stolle, Ecker oder Börgeling reicher gesegnet war als jede andere in der deutschen Leichtathletik, war er oft genug der vierte Mann, was so viel zählt wie das fünfte Rad am Wagen. Seinen bislang einzigen Titel gewann er im Jahr 2005 als Sieger der Universiade, den Weltspielen der Studenten.

Student ist Björn Otto noch immer, und zwar kein schlechter. Die Diplomprüfung in Biologie bestand er mit der Note 1,0, seine Diplomarbeit liegt in den letzten Zügen: „Nach Olympia gebe ich sie ab“, sagte er. Danach kommt eine Zäsur in seinem Leben. Weiter springen? In den Beruf einsteigen? „Ich habe für mich beschlossen, Olympia abzuwarten und dann zu entscheiden, was passiert.“ Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass er auch in London um die Medaillen mitspringt. Beim hochklassigen Showdown in Helsinki waren die besten vier der Weltrangliste dabei, neben dem französischen Überflieger Renaud Lavillenie drei Deutsche: Raphael Holzdeppe, Malte Mohr und Otto. Bei 5,82 Meter mussten alle vier in die Verlängerung. Und hier spielte Otto die Erfahrung des Alters aus: „Ich hatte schon genug Wettkämpfe, bei denen ich in dritte Versuche musste.“ Er behielt die Nerven und schaffte die Höhe, genau wie Lavillenie. Holzdeppe und Mohr scheiterten.

Otto dagegen blieb „weiter im Tunnel“ und genoss dort das große Finale, bei dem ihm der Part der besten Nebenrolle zufiel. Denn Star des Abends war Europameister Lavillenie. Der 25 Jahre alte Franzose überflog 5,87 Meter, 5,92 und zum guten Schluss auch noch 5,97 Meter im ersten Versuch. Zwar waren die 6,02 Meter dann für beide eine Nummer zu groß, doch Otto wollte sich noch nicht für immer von der Vorstellung verabschieden, sie überwinden zu können: „Sechs Meter sind das Ziel, ja klar.“

ACHIM DREIS

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Jahrgang 1969, Sportredakteur.

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