Hundertmeterläufer gelten in der Welt der Leichtathleten als bequem. Sie sind extrem schnell, wenn es drauf ankommt, doch ansonsten lassen sie es gerne locker angehen. Lange schlafen gehört eher zu ihren Vorlieben als lange laufen.
Geradezu einschneidend in die Gewohnheiten ist deshalb ein Zeitplan wie der der Europameisterschaften, die an diesem Mittwoch in Helsinki beginnen. Die Vorläufe über 100 Meter der Frauen sind auf 10 Uhr Ortszeit angesetzt (9 Uhr MESZ). Ein Termin, zu dem sich die Sprinterinnen normalerweise gerne noch einmal im Bett rumdrehen.
Deshalb wird der Biorhythmus auf Frühstart eingestellt. Sprint-Bundestrainer Thomas Kremer will keinen verschlafenen Auftakt sehen und hat wohlweislich frühes Aufstehen in den Trainingsplan geschrieben: Sechs Uhr ist Weckzeit für die Starterinnen, damit sie am Mittwoch um zehn hellwach sind.
37 Teilnehmerinnen stehen auf der Meldeliste für die fünf Vorläufe, nur 16 erreichen die zweite Runde, die ebenfalls noch am Mittwoch über die Bühne gehen wird (20.05 Uhr Ortszeit). „Einen lockeren Lauf mit 90 Prozent kann sich keine leisten“, sagt Kremer: „Wer nicht sofort Vollgas gibt, kommt nicht ins Halbfinale.“
„Das ist schon ein enormer Sprung“
Sowohl die Titelverteidigerin Verena Sailer als auch die aufstrebende Tatjana Pinto bringen Jahresbestzeiten von 11,19 Sekunden mit in den hohen Norden, das lässt bei einer Kontinentalmeisterschaft hoffen.
Gleichwohl dämpft Kremer übertriebene Erwartungen in die erst 19-jährige Tatjana Pinto, die er auch als Heimtrainer seit einem Vierteljahr betreut: „Sie hat sich in diesem Jahr von 11,46 auf 11,19 gesteigert, das ist schon ein enormer Sprung.“ Jetzt müsse man sehen, ob sie diese Leistung auch bei der EM noch einmal bestätigen könne.
Tatjana Lofamakanda Pinto, Münsteranerin mit portugiesisch-angolanischen Wurzeln, dachte selbst, die Uhr sei defekt, als sie im Vorlauf der Kurpfalz-Gala in Weinheim Ende Mai ihre persönliche Bestzeit aufstellte. Vor lauter Schreck verzichtete sie danach auf den Endlauf, den Verena Sailer gewann.
Die Europameisterin aus Mannheim galt bislang als die unangefochtene Vorläuferin im deutschen Sprint. Doch plötzlich sieht sie sich einer ebenbürtigen Konkurrentin gegenüber, die zudem noch sieben Jahre jünger ist. „Tatjana macht mich nicht nervös“, sagt Verena Sailer. Im Gegenteil sei sie froh, „dass noch eine andere schnelle Läuferin da ist“.
Kraftvoll und energisch, leichtfüßig und elegant
Die gibt das Kompliment zurück: „Verena ist eine Hammersprinterin und für alle Jüngeren ein Vorbild.“ Konkurrenz macht schnelle Beine, das spürte das Publikum auch bei den deutschen Meisterschaften Mitte Juni, als Verena Sailer sich noch einmal knapp in 11,22 Sekunden vor Tatjana Pinto (11,26) behauptete.
So einfach die Aufgabe, 100 Meter geradeaus zu laufen, ist, so unterschiedlich fällt dabei die Umsetzung aus: Kraftvoll und energisch trommelt Verena Sailer über die Bahn, leichtfüßig und elegant Tatjana Pinto. Dass im Ziel bei beiden ähnlich gute Zeiten herauskommen, erklärt Bundestrainer Kremer lakonisch: „So ist Sprint.“
„Das persönliche Leitbild des perfekten Laufs“
Wichtig sei, dass es sich für die Läuferin gut anfühle. „Sie sind unterschiedliche Typen, und an den Typen entlang entwickeln wir das persönliche Leitbild des perfekten Laufs.“ Und das kann individuell höchst unterschiedlich aussehen.
Wobei Kremer schon eine Annäherung an den internationalen Standard anstrebt - und das ist natürlich die Art, wie Usain Bolt läuft. Nicht mehr der Abdruck nach hinten sei das maßgebliche Element, sondern die Fußarbeit vor dem Körper. Tatjana Pinto komme diesem Technikbild schon sehr nahe, so Kremer, der ihr gutes Bewegungsverständnis lobt.
Holzübergabe entscheidet über Wohl und Wehe
Da nicht nur Verena Sailer und Tatjana Pinto zum deutschen Sprintteam in Helsinki gehören, sondern neben der dritten Einzelstarterin Anne Cibis (26 Jahre) noch die beiden erst 21-jährigen Leena Günther und Yasmin Kwadwo als Alternativen für die Staffel, sieht der Bundestrainer bereits eine Generation heranwachsen, an der man noch sehr viel Spaß haben werde.
Am vergangenen Sonntag trafen sich alle noch einmal zum Staffeltraining in Frankfurt, um vor dem Abflug nach Helsinki Wechsel zu trainieren. Diese neuralgischen Momente der Holzübergabe entscheiden binnen Zehntelsekunden über Wohl und Wehe eines Staffellaufs, umso wichtiger ist das blinde Zusammenspiel der Abläufe.
Sailer und Pinto können um Medaillen mitlaufen
Doch bevor sie am kommenden Wochenende gemeinsam ins Rennen gehen, starten die Sprinterinnen erst mal jede für sich im Einzelrennen. Nimmt man die Meldezeiten als Maßstab, dann könnten sowohl Tatjana Pinto als auch Verena Sailer um Medaillen mitlaufen. Und dafür müssten sie am Donnerstag nicht mal früh aufstehen, das Finale ist für 18.30 Uhr angesetzt.