„Der Hals dreht sich“, ruft Kathrin Klaas freudestrahlend, und demonstriert sogleich, dass mit ihren Wirbeln alles in Ordnung ist. Gesundheit ist ja bekanntlich das Wichtigste, gerade auch für Leistungssportlerinnen, und die Hammerwerferin der LG Eintracht Frankfurt balancierte in den vergangenen Wochen auf einem ziemlich schmalen Grat.
Beim Diamond-League-Meeting im amerikanischen Ort Eugene war sie am 1. Juni gleich beim ersten Versuch ausgerutscht und im Ring aufgeschlagen. Die Platzwunde am Hinterkopf musste mit fünf Stichen genäht werden, der Wettkampf war für sie natürlich beendet. „Die Saison nimmt immer interessantere Wendungen“, nahm die 28-Jährige die Episode zunächst selbstironisch hin. Sie hatte keine Kopfschmerzen und twitterte hinaus in die Welt, alles sei okay.
Eine Woche später, die Fäden waren mittlerweile gezogen, hatte sie dann plötzlich ein weiteres Erlebnis der turbulenten Art, doch nun fand sie es nicht mehr witzig. „Nach einer Trainingsreihe mit zwanzig Würfen spürte ich plötzlich einen Impuls im Kopf und konnte nicht mehr gerade gehen.“ Sie hatte extreme Gleichgewichtsstörungen, „wie mit drei Promille“, und machte sich nun doch ernsthaft Gedanken und Sorgen um ihre Gesundheit. „Ich konnte meine Mitte nicht finden“, beschreibt sie die gruselige Situation.
Hammerwerferinnen finden normalerweise auch nach vier schnellen Drehungen noch den Ausgang, ihr Raum-Lage-Empfinden ist berufsbedingt exzellent. An den Moment, in dem sie nun als schwankendes Häufchen Elend im Stadion sitzend auf ihre Mutter wartete, die sie in eine Klinik zur Untersuchung bringen sollte, erinnert sie sich als einen der unangenehmsten ihres Lebens. Was ist dagegen eine EM-Qualifikation?
Neurologe, Chiropraktiker, Hals-Nasen-Ohren-Arzt
„Ich bin völlig relaxt“, erklärte sie am Freitag in Helsinki, nachdem sie den Einzug ins Finale der besten zwölf (Sonntag, 15 Uhr) geschafft hatte. Gut sei es zwar nicht gewesen, was sie abgeliefert hatte, aber immerhin kamen 68,52 Meter raus - das reichte für Platz vier. „Es kann nur besser werden.“ Während des Ärzte-Hoppings vor drei Wochen hatte die Hessin aus Haiger gedacht, sie könne nie wieder Hammerwerfen.
Neurologe, Chiropraktiker, Hals-Nasen-Ohren-Arzt - keiner wusste so recht, wo ihre Beschwerden herkamen. Schließlich kam sie dem Geheimnis auf die Spur. Ein eigentlich schon ausgeheilt geglaubter alter Faserriss im rechten Halsmuskel, knapp unterm Ohr, wo der Gleichgewichtssinn beheimatet ist, war neu traumatisiert worden. Der Muskel hatte komplett „dicht gemacht“, wie sie sagt, und sobald sie den Arm streckte, also Spannung aufbaute, ging das Schwindelgefühl wieder los und der Zug auf Kopf, Hals und Kiefer war kaum erträglich.
Zudem hatte sie einen Bandscheibenvorfall im Halswirbel erlitten, allerdings zur Seite, nicht nach hinten, was nicht ganz so schlimm ist. Ursache erkannt, Behandlung eingeleitet, „und nun bin ich da“. Auf etwa 80 Prozent schätzt die WM-Vierte von 2009 ihren Fitnesszustand: „Technik ist da, Schnelligkeit ist da, nur Kraft fehlt noch.“
Natürlich ist Gesundheit das Wichtigste, aber als Sportler will man eben auch gewinnen. Und selten war die Gelegenheit so günstig wie in Helsinki. „Ich bin hier als Drittbeste gemeldet, und nachdem Betty nun ausgeschieden ist, stehe ich auf zwei“, rechnet Kathrin Klaas vor: „Das ist eine Situation, die ich noch nicht hatte.“
„Natürlich will ich eine Medaille“
Üblicherweise steht sie im Schatten ihrer Vereinskameradin Betty Heidler, die schon Welt- und Europameisterin war, in Helsinki aber nach einer völlig verpatzten Qualifikation überraschend ausgeschieden ist. Kathrin Klaas dagegen liegt weiterhin aussichtsreich im Rennen. „Ich freue mich auf Sonntag“, sagt die nur 1,68 Meter große Athletin mit strahlenden Augen zum Abschied - und scheut sich auch nicht vor dem großen Satz: „Natürlich will ich eine Medaille.“