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Christina Obergföll Das Versprechen einlösen

 ·  Christina Obergföll will endlich einmal bei großen Titelkämpfen den Speer am weitesten werfen. Bei der EM gilt die Deutsche als Favoritin. Gemäß ihrer selbstverordneten Gelassenheit macht sie sich nicht verrückt.

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© dpa Die Suche nach dem Glücksspeer: Christina Obergföll

Als Christina Obergföll in dieser Woche zum ersten Mal wieder das Olympiastadion von Helsinki betrat, huschte ihr ein Lächeln übers Gesicht. Mit der traditionsreichen Sportstätte verbindet die Speerwerferin „eine Erinnerung, die ich hoffentlich nutzen kann“. Bei den Weltmeisterschaften 2005 war hier einst ihr Stern aufgegangen, als sie völlig überraschend die Silbermedaille gewonnen hatte.

Etliche Meisterschaften und Medaillen später ist es nun an der Zeit für die mittlerweile Dreißigjährige aus Offenburg, endlich ihren ersten großen Titel zu gewinnen. „Wo ich schon mal hier bin . . .“, sagt Christina Obergföll selbst und lässt das Satzende bewusst offen. Gegen eine weitere Medaille hätte sie „nichts einzuwenden“, so viel kündigt sie an, aber ob es endlich mit dem Sieg klappt?

Nach ihrem Coup von Helsinki war sie auch 2007 WM-Zweite geworden, und bei den Olympischen Spielen von Peking rettete sie sogar die Ehre der deutschen Leichtathletik, weil ihre Bronzemedaille die einzige Ausbeute des gesamten Teams war.

Doch wie es so ist im Leben: Als sie danach dachte, ihre Speere seien vom Glück beflügelt, musste sie häufiger als Geschlagene die Arena verlassen. Fünfte wurde sie bei den Heimspielen 2009 in Berlin, was aus deutscher Sicht nicht weiter ins Gewicht fiel, weil Steffi Nerius damals beim letzten Wettkampf ihrer langen Laufbahn der goldene Wurf zum WM-Sieg gelungen war.

Obergfölls Wurftechnik bezeichnete ihr Trainer Werner Daniels damals als Kartenhaus. „Wenn man eine Karte herauszieht, fällt alles in sich zusammen.“ Als das fragile Gebilde dann wieder stabiler stand und sich die Sportstudentin völlig sicher war, endlich „dran“ zu sein, stahl ihr eine andere Teamkollegin die Schau: Bei der EM 2010 in Barcelona gewann Linda Stahl den Titel. Obergföll blieb wieder „nur“ Silber.

Dabei ist es ja nicht so, dass sie es nach den Blitzerfolgen zu Beginn ihrer Karriere zu leichtfertig angegangen wäre. Im Gegenteil trainiert die Badenerin eher zu viel. Und sie selbst hat auch schon eingeräumt, dass ihr manchmal die Lockerheit im entscheidenden Moment fehle. Besonders klar wurde dieses Manko 2011: Nachdem sie zuvor sämtliche Meetings gewonnen hatte, bot sie bei der WM in Daegu eine völlig verkrampfte Darbietung und landete auf Rang vier.

Ihre beiden Speerwurf-Vertrauten verzweifelten auf der Tribüne: neben Trainer Daniels auch ihr Lebensgefährte Boris Henry - selbst früher Weltklasse-Speerwerfer und heute Bundestrainer der deutschen Männer. Als dann ausgerechnet Henrys Schüler Matthias de Zordo am Tag danach Gold holte, war wenigstens ein Teil der Speer-Partner wieder glücklich.

Die Konkurrenz konzentriert sich auf Olympia

Am Anfang ihrer Karriere hatte Obergföll völlig unkonventionell agiert. Ihre Würfe waren unbeständig, ihr komplizierter Stil galt sogar als gesundheitlich problematisch. Doch dann schleuderte sie bei der WM 2005 im zweiten Versuch den 800 Gramm schweren Speer auf 70,03 Meter - Europarekord, Silbermedaille. Zu diesem Zeitpunkt war sie die einzige Frau neben der Kubanerin Osleidys Menéndez, die den Speer über die magische Grenze geworfen hatte. Danach gelang ihr das Kunststück freilich auch nur noch einmal: 70,20 Meter warf sie 2007.

Den Europarekord ist sie zwischenzeitlich wieder los geworden. Olympiasiegerin Barbora Spotakova (Tschechien) stellte einen neuen Weltrekord auf (72,28), Weltmeisterin Maria Abakumowa (Russland) schaffte 71,99 Meter. Beide können ihr in Helsinki aber nicht in die Quere kommen, denn sie verzichten auf die Teilnahme. Sie konzentrieren sich auf Olympia. Dass die EM deshalb eine Meisterschaft zweiter Klasse sei, lässt Christina Obergföll nicht gelten. „Was die anderen entschieden haben, hat mit mir nichts zu tun.“

Leichtathletik-EM: Hoffnungsträger für Helsinki

Auch, ob der Termin in den Trainingsplan passt, diskutiert sie nicht mehr: „Jetzt bin ich hier, jetzt ziehe ich das auch voll durch.“ Und gemäß ihrer selbstverordneten Gelassenheit macht sie sich auch nicht verrückt, dass sie in der Qualifikation am Mittwoch nur 59,49 Meter warf. „Das war Pflichtprogramm.“ Auch die anderen Deutschen wirkten müde: Katharina Molitor kam auf 58,34 Meter, Linda Stahl auf 59,65.

An eine Wiederholung ihrer Goldstunde von Barcelona glaubt die Titelverteidigerin sowieso nicht mehr: „Da steht mir sicher Christina im Weg.“ Und da war sie wieder: die Favoritenrolle. Obergföll pariert gekonnt: „Ich freue mich auf die besondere Atmosphäre.“ Speerwerfen ist in Finnland Nationalsport. Und der Stadionturm gibt in der Höhe vor, was in der Weite eine Traummarke wäre: 72,71 Meter - exakt die Siegesweite des finnischen Speerwurf-Olympiasiegers von 1932, Matti Järvinen.

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Jahrgang 1969, Sportredakteur.

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