„Viel hilft viel“ lautet eine alte Läuferregel, und wer im Langstreckenbereich was werden will, muss Kilometer fressen. Manchmal ist weniger aber auch mehr, vor allem, wenn die leicht reduzierte Quantität mit erhöhter Intensität und wohl gesetzten Pausen einhergeht. Wozu eine solche Anpassung führen kann, zeigt die Laufbahn von Arne Gabius.
In diesem Jahr steigerte der deutsche Dauermeister seine Bestzeit über 5000 Meter um rund 13 Sekunden auf 13:13,43 Minuten. Und an diesem Mittwoch gewann er bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Helsinki im reifen Alter von 31 Jahren seine erste internationale Medaille. Hinter dem britischen Weltmeister Mo Farah, der seiner Favoritenstellung in einem taktisch geprägten Rennen gerecht wurde und in 13:29,91 Minuten den ersten Titel dieser EM gewann, belegte Gabius in 13:31,83 Rang zwei vor dem für die Türkei startenden gebürtigen Kenianer Polat Kemboi Arikan (13:32,63).
Ein Deutscher in einem Langstreckenlauf vorne mit dabei? Was zumindest ungewöhnlich klingt, ist im Fall Gabius keine übermäßige Überraschung, sondern vielmehr das Ergebnis einer strategischen Neuordnung, die sich an diesem Abend erfolgreich niederschlug.
Vor einem Jahr hatte der Läufer sich von seinem Trainer getrennt. Und das war nicht irgendein Lauflehrer, sondern sein eigenes Idol: Dieter Baumann. Der Olympiasieger selbst räumte damals ein, als Trainer gescheitert zu sein, da sich sein Athlet nicht mehr verbessert hatte. Der selbst drückte sich diplomatisch aus: „Wir haben in all den Jahren gemeinsam das Fundament gelegt.“ Und darauf baue er nun ganz alleine „blindlings in die Höhe“.
Sein Leitmotiv: Talent nicht verschwenden. Und deshalb trotzte er sogar den Worten des früheren Weltmeisters Bernard Lagat, der warnte: „trainier dich nicht selbst.“ Doch Niels Arne Gabius wagte den Schritt. Als Einzelgänger reduzierte er seinen Umfang um 20 Kilometer pro Woche. Er schwört darauf, sein Kapital zu pflegen, und das ist sein Körper, nimmt sich heraus, an einzelnen Tagen auch mal nicht zu laufen, und er hält gerne ausgiebig Mittagsschlaf.
Der Hobbykoch achtet sehr genau, was er zu sich nimmt, um keinen Ballast mitzuschleppen, kauft seine Lebensmittel im Bioladen, isst seit 16 Jahren kein Fleisch mehr. Bei 1,86 Meter Körpergröße wiegt er 67 Kilo. Andererseits läuft er jeden einzelnen seiner immer noch weit über hundert wöchentlichen Trainingskilometer im Schnitt eine Minute schneller als früher.
Dies hat er einem anderen Altmeister abgeschaut, dem auf Kuba geborenen Amerikaner Alberto Salazar, der als Läufer dreimal den New-York-Marathon gewann und heute eine Laufschule betreibt. Daneben leistete Gabius sich eine zweite radikale Veränderung, die ihm deutlich mehr Freiraum gewährte. Der früher oft unter Zeitdruck leidende Läufer hat seine Approbation zum Arzt abgeschlossen, und widmet sich nun bis zu den Olympischen Spielen nur dem Sport.
Vorbei die Zeiten, als er morgens um fünf aufstehen musste, um vor dem Dienst als Arzt im Praktikum seine ersten Runden zu drehen. Ans Aufgeben habe er freilich nie gedacht, durchziehen war sein Motto. „Ich habe mein Studium fertig, ich bin jetzt Arzt“, sagte er am Mittwoch freudestrahlend: „Das ist ein Kindheitstraum.“ Und nun hat er auch noch eine Medaille: „Auch das ein Traum.“
Während der kompletten zwölfeinhalb Runden heftete sich Gabius an die Fersen des Favoriten. Ließ zunächst den Russen Anatoliy Rybakow alleine vorneweg laufen, und störte sich auch nicht daran, dass nach vier Kilometern noch ein ganzer Pulk Mitläufer aussichtsreich im Rennen lag.
Der nächste Weiße unter 13 Minuten?
Er selbst erinnerte sich im Ziel nur noch in einzelnen Bildern an den Wettkampf. „800 Meter vor dem Ziel war ich mir sicher, dass ich mit Mo mithalten kann, wenn er das Tempo anzieht“. Vor der letzten Runde war das Feld der 25 dann auf sieben aussichtsreiche Anwärter zusammengeschrumpft. Doch erst auf der Gegengerade attackierte der künftige Europameister. Nur der Franzose Yohan Durant und Arikan konnten neben Gabius folgen – doch beide hatten im langen Endspurt auf den letzten 200 Metern keine Chance gegen den Deutschen: „30 Meter vor dem Ziel war ich mir sicher, ich hab’s geschafft.“
Hinter der Ziellinie war nur einer glücklicher als der Silbermedaillengewinner, und es war nicht der Sieger – sondern sein Bruder Jan, der auf der Tribüne frenetisch jubelte und eine Deutschland-Fahne in den Innenraum warf. Seit sich Arne 2005 von seiner Geburtsstadt Hamburg nach Tübingen aufgemacht hatte, um unter Baumann seine Grenzen auszutesten, sehen sich die beiden Brüder nicht mehr so oft. Nun galt das Motto: geteilte Freude ist doppelte Freude.
Am Ende seiner Leistungsfähigkeit ist der zweitschnellste Europäer des Jahres – der weltweit hinter dutzenden Afrikanern gleichwohl nur als Nummer 36 plaziert ist - wohl noch nicht angekommen. Nach einem gemeinsamen Traininglager in Kenia, an dem neben 800-Meter-Weltmeister David Rudisha und Marathon-Star Paula Radcliffe auch Mo Farah teilnahm, prophezeite der ihm: „Du bist der nächste Weiße unter 13 Minuten.“