17.07.2011 · Martin Kaymer muss auf seinen zweiten Major-Titel nach 2010 warten. Bei der 140. British Open kann der Weltranglisten-Dritte im Sturm von Sandwich mit Dominator Darren Clarke nicht mithalten. Der Nordire ist in seinem Element.
Von Wolfgang Scheffler, SandwichAm letzten Loch konnte Darren Clarke sogar darüber schmunzeln, dass sein Ball ein, zwei Zentimeter vor dem Loch liegen blieb. Das Bogey am allerletzten, dem 72. Loch der 140. British Open, konnte der 42-jährige Nordire locker verschmerzen. Der krasse Außenseiter, in der Weltrangliste nur auf Rang 111 geführt, ein Mann, für den die britischen Wettbüros vor dem Turnier eine Quote von 1:200 angeboten hatten, wurde am Sonntag an der englischen Kanalküste nach einer Schlussrunde von 70 Schlägen zum „Champion Golfer of the Year“ gekürt, so der offizielle Titel des Gewinners des ältesten und wichtigsten Turniers der Welt.
An einem stürmischen Tag, an dem der Wind mit bis zu 50 Kilometer in der Stunde über den Platz des Royal St. George's Golf Club in Sandwich pfiff und zwischendurch immer wieder heftige Regenschauer auf Spieler und die 40.000 Zuschauer niedergingen, ließ sich der Routinier durch nichts aus Ruhe bringen. Nicht dadurch, dass Phil Mickelson die ersten zehn Löcher in sechs unter Par spielte und vorübergehend zu ihm aufschloss, nicht dadurch, dass sein Mitspieler Dustin Johnson zeitweise bis auf zwei Schläge herankam.
Doch während Mickelson nach furiosem Beginn noch vier Bogeys unterliefen und Johnson seine Chancen mit einem Schlag ins Aus am 14. Loch schwinden sah, hielt der bullige Profi aus Portrush sein Ergebnis zusammen: Er gewann mit 275 (68+68+69+70) Schlägen den Siegespreis von 1,025 Millionen Euro. Clarke siegte mit drei Schlägen Vorsprung vor den beiden Amerikanern Mickelson (278/70+69+71+68) und Johnson (278/70+68+68+72). Der Däne Thomas Björn (279/65+72+71+71) belegte den vierten Platz. Der Weltranglistendritte Martin Kaymer verspielte am Wochenende durch zwei Runden von 73 Schlägen seine gute Ausgangposition. Nachdem er noch bei Halbzeit mit nur einem Schlag Rückstand auf die Spitze in Lauerstellung gelegen hatte, langte es für 26-jährigen Weltranglistendritten aus Mettmann mit 283 (68+69+73+73) Schlägen nur zum 12. Platz.
Mit Vettel über den Nürburgring
„Dass Clarke siegte, ist für alle eine Riesenüberraschung, zumal er ja lange nichts gewonnen hat - und dann noch in diesem Alter“, sagte Kaymer. Das stimmte zwar nicht ganz: Erst im Frühjahr hatte Clarke auf Mallorca seinen 13. Erfolg auf der European Tour gefeiert - der erste Sieg nach drei dürren Jahren. Kaymer wartet jetzt seit seinem dritten Sieg in Abu Dhabi Anfang des Jahres auf einen weiteren Erfolg. Am Sonntag kosteten ihn etliche Fehler, aber auch ein bisschen Pech, als seine Abschläge in den tiefen Topfbunkern auf den Fairways landeten, eine bessere Plazierung: „Die ersten neun Löcher habe ich wirklich nicht gut gespielt. Als ich am zehnten Abschlag stand, war es mein Ziel, die zweiten neun Löcher unter Par zu spielen. Da habe ich mich wirklich gut zurück gekämpft.“ So zog der Rheinländer am Ende der Woche ein zufriedenes Fazit: „Spielerisch bin ich sehr zufrieden. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann ich wieder vorne mitspielen kann.“
Vorläufig allerdings gönnt sich der Profi aus Mettmann eine schöpferische Pause. Erst beim Bridgestone Invitational (4. bis 7. August), einem Turnier der World Golf Championship, bereitet er sich auf seine Titelverteidigung bei der PGA Championship in Atlanta (11. bis 14. August) vor. Aber zunächst einmal schnuppert er in einen anderen Sport rein. Am Mittwoch lässt er sich von Weltmeister Sebastian Vettel in einem Formel-1-Rennwagen über den Nürburgring chauffieren.
Ein fast vergessener Routinier
Clarke dagegen kehrt als gefeierter Sportheld in seine Heimat zurück. Mit seinem ersten Erfolg bei einem der vier Majors setzte Clarke die Siegesserie von Profis aus dem kleinen Nordirland (1,8 Millionen Einwohner) fort. Graeme McDowell, der diesmal am Cut scheiterte, und Rory McIlroy, der mit 286 Schlägen auf dem 25. Platz landete, hatten die letzten beiden US Open gewonnen - und jetzt triumphierte ein fast vergessener Routinier. „Ich spiele jetzt zwanzig Jahre bei der British Open mit. Ich habe es wieder und wieder versucht. Und so nahe ich ein paar Mal dran war, so oft ich mich über das Spiel geärgert habe, hatte ich nie den Glauben verloren, dass ich ein Major gewinnen kann - und jetzt habe ich es geschafft“, sage der überglückliche Sieger.
Noch nie in der langen Geschichte der British Open hat ein Spieler mehr Anläufe gebraucht, um die Siegestrophäe, den berühmten Claret Jug (Rotweinkanne), für ein Jahr mit nach Hause zu nehmen - und niemand, der ihm diesen späten Erfolg neidete. Stellvertretend für alle sagte Mickelson: „Er ist ein toller Kerl und ein guter Freund. Ich freue mich sehr für ihn.