25.06.2011 · Neuanfang nach dem Absturz: Stephan Gross, der erste deutsche Amateur-Europameister im Golf, zahlt als Profi Lehrgeld. Um wieder an alte Erfolge anknüpfen zu können, folgt er dem Erfolgsrezept von Martin Kaymer.
Von Wolfgang Scheffler, Moosinning„Bei Trainingsrunden sieht man keinen großen Unterschied. Meine Drives landen dort, wo seine landen“, behauptet Stephan Gross. Aber der 23-jährige Heidelberger fügt sofort an, dass dies wenig bedeutet: „Martin Kaymer ist nicht der große Proberunden-Spieler.“ Soll heißen: Erst im Wettkampf macht der Weltklassegolfer aus Mettmann richtig ernst. „Martin ist unter Druck unheimlich stark. Vor allem ist er sehr konstant. Und er bringt auch anständige Ergebnisse zusammen, wenn er wie derzeit nicht so gut drauf ist.“ Am Freitag schaffte der Rheinländer sogar mehr: Mit 68 Schlägen rückte er bei der BMW International Open im Golf Club München Eichenried auf den 15. Platz vor.
Vor allem verkürzte er seinen Rückstand auf die beiden Spitzenreiter Henrik Stenson (Schweden) und George Coetzee (Südafrika) auf vier Schläge, was laut Kaymer auf diesem Platz nicht viel sei. Gross dagegen brach nach 69 Schlägen am ersten Tag am Freitag ein: 79 Schläge. So schaffte von 15 deutschen Startern neben Kaymer nur der Ratinger Marcel Siem (Neunter mit drei Schlägen Rückstand) den Cut - ein weiterer Rückschlag für einen Profi, der furios in die Profikarriere gestartet war.
2009 wurde Gross als erster Deutscher Amateur-Europameister, was ihm im selben Jahr einen Start bei der British Open in Turnberry ermöglichte. Unmittelbar nach diesem Major war mit Handicap +4,4 ins Profilager gewechselt. Auf Anhieb kämpfte er sich erfolgreich durch alle drei Stufen der Qualifikation für die European Tour und schien wahr zu machen, was Kaymer einst vorausgesagt hatte: „Von ihm wird man auf der European Tour noch viel hören.“ Doch so schnell wie er nach oben gekommen war, stürzte er auch ab. Er verlor prompt die Spielberechtigung und muss sich derzeit auf der EPD Tour durchschlagen. Aber selbst in einer der dritten Ligen des europäischen Golf tut er sich schwer. In der Geldrangliste dieser Turnierserie liegt er derzeit nur auf Rang zwölf.
„Ich bin jetzt in den richtigen Händen“
„Bei mir ging es früher nur aufwärts“, erinnert sich Gross an seinen mit viel Vorschusslorbeer bedachten Start in den neuen Job. „Letztes Jahr war ein schweres Jahr. Ich habe in meinen ersten Profijahren nicht hart genug gearbeitet. Ich habe mich zu sehr von meinem Privatleben ablenken lassen. Mein Einstellung war einfach falsch“, sagt Gross selbstkritisch. Problem erkannt - und eine Lösung hat er auch schon gefunden. Er folgt jetzt einfach dem Erfolgsrezept von Kaymer.
Seit vergangenem Jahr hört er wie Kaymer und Siem auf den Rat von Günter Kessler im Golf Club Hummelbachaue in Neuss. Wie Kaymer lässt er seinen Körper vom Kölner Physiotherapeuten Rolf Klöttschen für die Belastungen von Profigolf stählen. Um seinen beiden Coaches nahe zu sein, wohnt er zeitweise in Köln. „Das Gesamtpaket stimmt jetzt einfach. Ich bin jetzt in den richtigen Händen. Wenn ich mich genau daran halte, was die mir sagen, habe ich eine gute Chance.“
Also bemüht er sich umzusetzen, was Kessler an seinem Schwung ändern will. Das hat nicht auf Anhieb geklappt, zumal es bei Gross nicht mit kleinen Korrekturen getan war. „Das braucht Zeit“, sagt Gross, „ich muss einfach Geduld haben.“ Erst in den letzten Wochen spürt Gross einen Aufwärtstrend, zumal er vor dem Turnier vor den Toren Münchens noch intensiver an seinem Spiel gearbeitet hatte.
„Die erste Hürde ist problemlos“
Denn Gross hat sich für den Rest des Jahres viel vorgenommen. Acht Turniere auf der EPD Tour stehen noch an. Sein Ziel ist es, sich unter die Top Five der Geldrangliste dieser Turnierserie zu schieben. Diese fünf Profis erhalten die Spielberechtigung für die Challenge Tour, die zweite Liga in Europa, und sind automatisch für die zweite Stufe der Qualifikation startberechtigt. Aber selbst, wenn das nicht klappen sollte, wäre das kein Beinbruch: „Die erste Hürde ist problemlos. Die traue ich mir jederzeit zu. Erst ab der zweiten Stufe wird es richtig schwer. Auf alle Fälle will ich zurück auf die European Tour.“
Spät, aber vielleicht nicht zu spät hat der Linkshänder Gross, der Golf mit rechts spielt, eingesehen, dass man den Übergang vom Spitzenamateur zum Tourspieler nicht mit links schafft. Der nordirische US-Open-Sieger Rory McIlroy, der bis zur British Open pausiert und der in Eichenried mitspielende Italiener Matteo Manassero (30. mit sechs Schlägen Rückstand), beide wie Gross ehemalige Amateur-Europameister, haben diesen Schritt scheinbar mühelos vollzogen Aber das sind Ausnahmetalente. Und Ausnahmefälle, wie Gross mittlerweile weiß. Für alle anderen gibt es nur einen Weg: viel harte Arbeit.