14.07.2011 · Martin Kaymer fühlt sich für die British Open, die am Donnerstag beginnen, gut gerüstet. Der deutsche Profi genießt die Ruhe vor der Herausforderung auf dem anspruchsvollen Platz - in Sandwich interessiert sich kaum einer für Kaymer.
Von Wolfgang Scheffler, SandwichWenn sich jedes Jahr die besten Golfer der Welt zum ältesten und wichtigsten Turnier der Welt treffen, ist alles anders: „Bei der British Open geht es nicht darum, schönes Golf zu spielen. Es geht darum, sein Ergebnis zusammenzuhalten. Es ist kein normales Turnier, es ist eine Kämpfer-Woche“, sagt Martin Kaymer. Denn bei den Gipfeltreffen auf Küstenplätzen an britischen Gestaden, auf so genannten Links Courses, müssen die Golfer meist nicht nur dem unberechenbaren britischen Sommerwetter trotzen.
Auch für die 140. Auflage, die von Donnerstag bis Sonntag im Royal St. Georges Golf Club in Sandwich an der englischen Südostküste stattfindet, müssen die 156 Spieler laut Vorhersage mit starkem Wind und etlichen Regenschauern rechnen. Neben Wetterfestigkeit sind weitere Tugenden gefragt: Die Akteure müssen sich damit abfinden, dass auf diesen Mondlandschaften ähnelnden Plätzen mit den welligen Fairways und Grüns Bälle nach guten Schlägen in missliche Lage verspringen oder schlechte Schläge unverhofft belohnt werden. Mit anderen Worten: Bei „The Open Championship“, wie das Turnier offiziell heißt, ist das Spiel nicht so planbar wie auf den manikürten Spielwiesen ihres normalen Arbeitslebens. „Hier kann man nicht sagen, ich nehme aus 135 Meter ein Wedge oder aus 150 Meter ein Eisen 9“, sagte Kaymer, „hier ist Kreativität gefragt.“
Alles Gründe für den 26 Jahre alten Profi aus Mettmann, diese einzigartige Woche als einen Höhepunkt des Jahres zu genießen: „Es ist mein Lieblingsturnier. Es ist eine Riesenherausforderung.“ Zum vierten Mal stellt sich Kaymer diesem ultimativen Golftest. Wenn man dem Genossen Trend glaubt, dann muss man den deutschen PGA-Champion zu den Favoriten zählen: Über die Plätze 80 und 34 war er im vergangenen Jahr in St. Andrews schon auf Platz sieben angekommen, wobei er auf den letzten drei Löchern noch ein besseres Abschneiden verspielte: „Ich hätte Zweiter werden müssen.“
„Ich spiele von Tag zu Tag besser“
Aber noch ist ja Zeit, Versäumtes nachzuholen, zumal er auch bei seinem letzten Turnier, der Open de France in der Nähe von Paris, den Sieg verschenkte: „Ich hätte das Turnier gewinnen müssen, aber mir sind am Anfang der Schlussrunde ein paar Fehler unterlaufen. Aber es war für wichtig, mit einem guten Ergebnis zur British Open zu kommen.“ Auch wenn es nur zum vierten Platz in Frankreich reichte, kündet diese Plazierung nach eher durchwachsenen Wochen von der Rückkehr zur alten Form. „Seit ich in München mit meinem Trainer Günter Kessler viel trainiert habe, läuft es besser. Ich spiele von Tag zu Tag besser, und mein Selbstvertrauen wächst jeden Tag“, sagt der Rheinländer.
Auch wenn Altmeister Bernhard Langer, der noch am Mittwoch davon sprach, trotz seiner Daumenverletzung auf jeden Fall anzutreten, den Platz an der Bucht von Sandwich für den vielleicht schwersten, mit Sicherheit aber für den unfairsten der acht Open-Plätze hält, schreckt das Kaymer nicht. Er kann keinen großen Unterschied zu den Anforderungen der anderen britischen Anlagen erkennen. Allen Plätzen sei gemein, dass sie, wie ansonsten nur noch das Masters, mental unheimlich ermüdend seien.
Um sich gegen diese psychische Strapaze zu wappnen, ließ es Kaymer in Sandwich ruhig angehen. Am Montag, als die Sonne vom Himmel strahlte und der Wind eine Pause einlegte, spielte er 18 Löcher, am Dienstag und Mittwoch ließ er es bei kühlen Temperaturen (13 bis 17 Grad) und starkem Wind, der mit mehr als 30 Kilometer pro Stunde über den Platz blies, bei neun Löchern am Morgen bewenden, um am Nachmittag zu entspannen. Mit etlichen Kollegen, die allesamt bei der schwedischen Agentur Sportyard seines Managers Johan Elliot unter Vertrag stehen, darunter die Australier Aaron Baddeley und Geoff Ogilvy, sowie der Schwede Henrik Stenson und der Spanier Alvaro Quiros, wohnt er in einem angemieteten Haus in der Nähe des Platzes.
„Ich hatte bisher eine ruhige Woche“
„Wir haben 12 oder 14 Schlafzimmer. Wir haben sogar unseren eigenen Koch dabei, einen Schweden, der echt leckere Speisen bereitet. Wenn man seine Ruhe haben will, kann man sich auf sein Zimmer zurückziehen. Wenn man Gesellschaft sucht, geht man ins Wohnzimmer. Dort trifft man dann Kollegen, mit denen man Billard oder auf dem hauseigenen Platz Tennis spielen kann“, schildert Kaymer die häusliche Idylle der Konkurrenten.
Trotz seiner herausragenden Weltranglistenposition – die Hackordnung führt ihn noch vor dem großen Favoriten Rory McIlroy auf Platz drei – interessiert sich für den Rheinländer in Sandwich kaum jemand. Während bei der Pressekonferenz des Nordiren der Interview-Raum überfüllt war, wollten nur eine Handvoll internationaler Journalisten mit dem Deutschen sprechen. Kaymer ist es ganz recht, dass er in Sandwich unter dem Radar blieb. „Ich hatte bisher eine ruhige Woche.“ An diesem Donnerstag ist es damit vorbei: Gemeinsam mit dem südafrikanischen Titelverteidiger Louis Oosthuizen und dem langjährigen amerikanischen Weltranglistenzweiten Phil Mickelson schlägt er um 14:21 Uhr Ortszeit (15:21 MESZ) ab – eine Gruppe, die viele der erwarteten 40.000 Zuschauer begleiten werden.
DER ULTIMATIVE GOLFTEST
DANY FRANKY (danyandfrank)
- 14.07.2011, 14:15 Uhr