14.07.2011 · Thomas Björn ist nur als sechster Ersatzmann ins Feld der British Open gerückt, und liegt nach der ersten Runde der Vormittagsstarter mit fünf unter Par in Führung - gemeinsam mit dem englischen Amateur Lewis.
Von Wolfgang Scheffler, SandwichGibt es so etwas wie Wiedergutmachung im Golf? „Nein, kein Golfplatz, kein Loch schuldet irgendjemand etwas“, behauptet Thomas Björn. Auch wenn man dieser Aussage nicht widersprechen mag: Am Donnerstag ist der vierzigjährige Däne auf dem Platz des Royal St. George's Golf Club in Sandwich ein bisschen für das große Missgeschick entschädigt worden, das ihm vor acht Jahren, als die British Open zuletzt im äußersten Südosten Englands zu Gast war, widerfahren war.
Der Platz, der ihm 2003 so übel mitspielte, war dem Skandinavier am Donnerstag viel freundlicher gesinnt - und das, obwohl die äußeren Bedingungen mit Kühle, Wind und Schauern nicht gerade für niedrige Ergebnisse geschaffen schienen, und der große Favorit Rory McIlroy (Nordirland) mit 71 Schlägen auf Platz 51 landete. Umso schöner und überraschender war, dass Björn mit 65 Schlägen, fünf unter dem Par von 70 für den 6594 Meter langen Platz, in Führung lag - gemeinsam mit dem englischen Amateur Tom Lewis.
Natürlich wurde beim Nachkarten wieder die Erinnerung an jenen herrlichen Sommertag vor acht Jahren aufgefrischt, als Björn bis kurz vor Schluss wie der sichere Sieger ausgesehen hatte. Mit drei Schlägen Vorsprung war er auf die letzten vier Löcher gegangen - was sollte da noch passieren? Aber der Spitzenreiter wurde brutal aus allen Siegträumen gerissen: Auf ein Bogey am 15. Loch folgte das Desaster an Loch 16, einem 149 Meter langen Par 3 - trotz der sieben tiefen Topfbunker, die rund um das Grün plaziert sind, für Weltklassespieler kein schweres Loch. Björn schlug den Ball mit etwas zu viel Rechtsdrall (Fade), der Ball landete in einer dieser aus der Luft wie Mondkrater wirkenden Sandkuhlen. Zweimal hieb „Major Tom“, wie er von den Kollegen genannt wird, nicht fest genug auf den Ball ein, zweimal rollte der Ball vom Grün zurück in den Sand und vor die Füße des entgeistert wirkenden Skandinaviers.
Erst beim dritten Versuch gab er dem Ball genug Fahrt mit, aber durch das Doppelbogey lag er gleichauf mit dem Amerikaner Ben Curtis, der seine Runde bereits beendete hatte. Ein weiteres Bogey von Björn an Loch 17 - und Curtis, damals in der Weltrangliste nur auf Rang 396 geführt, gewann bei seiner ersten Teilnahme an einem der vier Majors gleich die wichtigste Trophäe im Golf. Was diese Niederlage noch bitterer machte: Hätte Björn nicht am ersten Tag nach einem missglückten Bunkerschlag seinen Schläger voller Ärger in den Sand gehauen und zwei Strafschläge kassiert, hätte er trotz des Einbruchs auf den letzten Löchern gesiegt. So musste er sich mit einem Schlag Rückstand gemeinsam mit Vijay Singh aus Fidschi mit Platz zwei begnügen.
Wie eine kleine Revanche
Mit dem Namen des Profis aus der Südsee verbindet sich eine weitere seltsame Wende der Rückkehr-Geschichte von Björn auf dem Platz, auf dem er die bittersten Stunden seiner Laufbahn erlebte und den er seitdem nie mehr besucht hatte. Erst als Singh wegen einer Rückenverletzung am Montagabend seine Teilnahme absagte, rückte Björn als sechster Ersatzmann ins Feld. Obwohl in den vergangenen drei Wochen, als er in Deutschland, Frankreich und Schottland wenig zuwege brachte, Golf für ihn nur noch Mühsal war, hatte er in der vagen Hoffnung, als Nachrücker ins Feld zu kommen, die Reise an die Küste von Kent angetreten.
Erst nach intensiven Übungseinheiten mit seinem englischen Coach Peter Cowan in Sandwich am Mittwoch kehrte der alte Schwung zurück. Nach nur einer Proberunde ging ihm plötzlich alles spielerisch leicht von der Hand, so leicht, dass er sich am 16. Loch, jenem Horrorloch von 2003, ein breites Grinsen nicht verkneifen konnte. Diesmal landete sein Ball ganz nah am Loch, das siebte und letzte Birdie (bei zwei Bogeys an den Löcher 9 und 18) war nur noch Formsache. Auch wenn er es nicht aussprach: Es muss sich angefühlt haben wie eine kleine Revanche.
Ob es Björn allerdings gelingt, in diesem Jahr Versäumtes nachzuholen, daran mag nicht einmal er selbst nach dem ersten Tag so recht glauben. „Wenn man älter wird, fällt einem Golf nicht mehr so leicht wie in jungen Jahren“, sagte Björn. Nach dem Tod seines Vaters im Frühjahr war er in ein tiefes Loch gefallen, die Erinnerung an seinen elften und letzten Sieg auf der European Tour Anfang des Jahres in Qatar ist ebenso verblasst wie die an seine glorreichen Tage, als er 2001 unter den Top Ten der Weltrangliste stand, als er zweimal (1997 und 2002) zum siegreichen europäischen Ryder-Cup-Team gehörte, als er 2005 bei der PGA Championship Platz zwei belegte.
Derzeit taucht er in der Weltrangliste erst auf Rang 80 auf, ein Außenseiter bei dieser British Open. „Jeder weiß, dass auf Links Courses alles passieren kann“, sagte Björn. Er bezog sich auf sein Missgeschick vor acht Jahren. Aber vielleicht ist es ja, wider alle Wahrscheinlichkeit, auch das Motto für 2011.