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Schefflers Golf-Kolumne Der Kampf um die bourgeoise Freiheit

 ·  Jhonattan Vegas ist ein erfolgreicher Golfspieler - mit einem mächtigen Gegenspieler: Venezuelas Präsident Hugo Chavez will das Land in einen sozialistischen Musterstaat verwandeln - und darin ist kein Platz für Golf.

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Für die rund 5000 Golfer in Venezuela sind die Aussichten trübe, für den besten Golfer des Landes sind sie dennoch glänzend. Jhonattan Vegas qualifizierte sich im Vorjahr als Siebter der Geldrangliste der Nationwide Tour für die PGA Tour - als erster Venezuelaner. Am Sonntag, bei seinem zweiten Start als volles Mitglied der lukrativsten Turnierserie der Welt, schaffte der 26-jährige Südamerikaner bei der Bob Hope Classic in La Quinta in der kalifornischen Wüste seinen ersten Turniersieg. Er kassierte 900.000 Dollar Preisgeld, sicherte sich seinen Arbeitsplatz bis Ende 2013 und qualifizierte sich für das Masters Anfang April in Augusta im amerikanischen Bundesstaat Georgia.

„Eines der Dinge, die ich für mein Land tun möchte, ist es, Golf zu den Leuten zu bringen. Ich möchte, dass die Leute Golf besser kennenlernen“, sagte Vegas. In dem erdölreichen Land ist Golf ein Privileg der reichen Oberschicht. „Wir haben uns dieses Stigma selbst zuzuschreiben, denn bisher haben wir nichts dafür getan, dass auch einfache Leute Golf spielen können“, sagt Vegas. Er will das ändern - und das ist bitter nötig. Denn Präsident Hugo Chavez will das Land in einen sozialistischen Musterstaat verwandeln - und darin ist kein Platz für Golf.

Sieben Golfplätze hat Chavez schon schließen lassen

Chavez hatte schon 2009 in einer seiner gefürchteten, oft stundenlangen Sonntagsansprachen im Fernsehen Golf als „bourgeoisen Sport“ bezeichnet und sich darüber lustig gemacht, dass viele Golfer in Wagen über den Platz fahren: „Das spricht für die Faulheit dieser Leute.“ Er hatte weiterhin angekündigt, etliche Clubs zu enteignen und das Land für sozialen Wohnungsbau und Schulen zu nutzen.

Chavez hat es nicht bei vollmundigen Ankündigungen belassen. In den vergangenen Jahr hat er von den einst 23 insgesamt sieben Golfplätze schließen lassen, darunter auch den auf der beliebten Ferieninsel Isla Margarita. „Unglücklicherweise werden in Venezuela Golfplätze geschlossen, statt wie in anderen Ländern neue zu bauen“, sagt Jhonattan Vegas. Auch den Platz, auf dem er das Golfspiel erlernte, gibt es nicht mehr.

Unbeschwerte Jugendtage mit Golf, Bowling und Tennis

Vater Carlos Vegas arbeitete in einem der abgelegenen Ölcamps in Morichal am Orinoco-Fluss. Der heute 55 Jahre alte Vegas Senior verkaufte Lebensmittel an die Arbeiter und pflegte als Greenkeeper den Neun-Loch-Platz. Für seine vier Söhne gab es nicht viel Abwechselung. „Wir hatten alle Freiheiten, vor allem aber hatten wir genug, um unsere Leben angenehm zu gestalten“, erinnert sich Vegas junior an seine unbeschwerte Jugendtage.

Außer der Bowling-Bahn, den Tennisplätzen und dem Golfplatz, die die Ölfirma für die Arbeiter angelegt hatten, gab es nicht viel Abwechslung. Der kleine Jhonattan schwang ab und zu das Racket und vergnügte sich beim Bowling. Doch am liebsten trieb er sich auf dem Golflatz herum. Schon als zweieinhalbjähriger Knirps imitierte er mit seinem vom Großvater gebastelten Eisen 3 die Schwünge des Vaters. Alsbald konnte er mit den Schlägern so gut umgehen, dass er im Alter von 17 Jahren die Jugendmeisterschaften des Landes gewann. Der Lohn: eine Reise zu den Jugend-Weltmeisterschaften auf den Plätzen von Torrey Pines in La Jolla (Kalifornien). Vegas belegte den sechsten Platz. Etliche College-Coaches erkannten das Talent des Jungen.

Siege auf den Profitouren können die Wahrnehmung von Golf ändern

Mit 17 Jahren nahm ein Golfstipendium an der Universität von Texas in Houston an. Damals kannte er exakt zehn englische Wörter - und dennoch schloss er ein paar Jahre später das College mit dem Hauptfach Kinesiologie ab, bevor er 2008 ins Profilager wechselte. Die Jahre fern der Familie waren hart, vor allem als sein Vater arbeitslos wurde. Carlos Vegas hatte wie 2,8 Millionen Venezuelaner 2003 eine Petition für eine Abberufung von Chavez unterschrieben.

Die Regierung veröffentlichte die Namen im Internet - und viele der Unterzeichner sahen sich danach Repressalien ausgesetzt: „Sie machten mein Leben zur Qual“, erinnert sich Carlos Vegas. „Ich musste auf einmal doppelt so viel Steuern zahlen. Wenn ich ein Haus kaufen wollte, dauerte es doppelt so lange. Dabei gehöre ich keiner politischen Partei an. Ich hatte nur als Bürger ein Referendum unterzeichnet.“ Drei Jahre suchte er vergeblich einen Job, aber auch in dieser Zeit sorgte er dafür, dass seine Söhne Jhonattan, Julio und Billy in Amerika, ihrem Traum eines Tages mit Golf spielend ihr Geld verdienen können, verfolgen konnten.

Vegas kämpft gegen einen Präsidenten, der ideologische Vorbehalte hat

Mittlerweile hat Carlos Vegas wieder Arbeit. Vergangene Woche war er mit seiner Frau Maritza dabei, wie sein Filius bei dem Traditionsturnier über fünf Runden im Stechen gegen den Vorjahressieger Bill Haas und Gary Woodland gewann. Vegas, mit 1,91 Meter Körpergroße und 104 Kilo ein Kraftpaket und einer der „Längsten“ im Profigolf, hatte im Play-off am zweiten Extra-Loch seinen Abschlag ins Wasser verzogen, rettete aber mit einem Putt aus vier Metern das Par und den Sieg - und das nachdem ihm der Vater am Abend zuvor bis in die Dunkelheit eine Putting-Lektion erteilt hatte.

„Mit Jhonattan auf der Tour werden viel mehr Leute in Venezuela Golf im Fernsehen anschauen, auch Leute, die nicht Golf spielen“, sagt Juan Rutt, der Präsident der PGA of Venezuela, dem Dachverband der Profigolfer. Es gibt Beispiele, wie Siege auf den Profitouren die Wahrnehmung von Golf änderten. Camilo Villegas ist in seiner Heimat Kolumbien mittlerweile ein Volksheld, die ehemalige Weltranglistenerste Lorena Ochoa auch nach ihrem Rücktritt in Mexiko ein Idol - zwei Länder, in denen Golf ebenfalls ein Sport für die Reichen ist. Jhonattan Vegas hat es ungleich schwerer: Er kämpft gegen einen Präsidenten, der gegen Golf ideologische Vorbehalte hegt.

Wolfgang Scheffler beobachtet in seiner wöchentlichen Kolumne die Golf-Welt und schreibt über Kurioses, Lustiges und Skurriles. Alle Texte finden Sie auf der FAZ.NET-Sonderseite „Schefflers Golf-Kolumne”.

Quelle: FAZ.NET
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