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TTR-Präsident Reto Lamm „Die Fis greift Slopestyle von uns ab“

10.02.2012 ·  An diesem Freitag beginnt die Snowboard-Weltmeisterschaft in Oslo. Im FAZ.NET-Interview spricht TTR-Präsident Reto Lamm über die Hintergründe der Veranstaltung und den Kampf der Snowboarder mit dem Internationalen Skiverband.

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Herr Lamm, Sie sind seit der Gründung der Snowboard-Plattform „Ticket to Ride World Snowboard Tour“ (TTR) 2002 Präsident dieser Organisation, die mittlerweile die größte Freestyle-Snowboard-Tour der Welt koordiniert. Ab dieser Woche richten Sie in Oslo das erste Mal eine eigene Weltmeisterschaft aus. Was stört Sie an den Snowboard-Weltmeisterschaften, die der Internationale Skiverband (Fis) alle zwei Jahre organisiert?

Hauptsächlich, dass diese Snowboard-Weltmeisterschaften von einem Skiverband organisiert werden. Die TTR repräsentiert die Snowboard-Kultur. Fast alle Leute, die bei uns arbeiten, kommen aus der Geschichte des Snowboardens. Wir wollen, dass sich der Sport so schnell und so gut wie möglich weiterentwickelt, und zwar im Sinne der Fahrer. Deshalb haben wir zum Beispiel mit den Fahrern ein spezielles Bewertungssystem entwickelt. Unsere Tour ist bei den Fahrern beliebter als der Fis-Weltcup, wir bekommen mehr Aufmerksamkeit und zahlen mehr Preisgeld. Deswegen sollten wir auch die Weltmeister in den Freestyle-Disziplinen Halfpipe und Slopestyle küren. Das werden wir ab sofort alle vier Jahre machen.

Ist das auch eine Konsequenz darauf, dass die Fis bei der Qualifikation für Olympia 2014 nicht mit Ihnen zusammenarbeiten will?

Nein, das ist einfach die Folge eines natürlichen Prozesses. Unsere Tour ist immer größer und beliebter geworden. Da ist es logisch, dass wir eine Weltmeisterschaft organisieren.

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Sie haben der Fis im vergangenen Jahr den Vorschlag unterbreitet, dass die TTR die Hälfte der Qualifikations-Wettbewerbe für die olympischen Spiele in Sotschi 2014 organisiert und die Fis die andere Hälfte. Vielen Snowboardern ging dieser Vorschlag zu weit. Vom „Handschlag mit dem Teufel“ war die Rede. Trotzdem hat die Fis letztendlich abgelehnt. Wie haben Sie das erlebt?

Wir haben uns im Frühjahr 2011 das erste Mal mit der Fis getroffen und unser Interesse bekundet, bei der Qualifikation für Sotschi 2014 eine Rolle zu spielen. Die Vertreter der Fis haben gemeint, es gäbe vielleicht eine Möglichkeit. Eine Gruppe aus Vertretern der Fis, der TTR und der nationalen Snowboard-Verbände hat daraufhin versucht, ein Qualifikationssystem zu entwickeln, das für alle Organisationen zufriedenstellend ist.

Wie war die Stimmung bei diesem Gespräch?

Ich habe schon gemerkt, dass die Fis Probleme hat, mit uns zusammenzuarbeiten. Das IOC hätte grundsätzlich nichts gegen eine Kooperation gehabt. Es muss aber alles über die Fis laufen, die sehr viel Macht innerhalb des Internationalen Olympischen Kommitees hat. Es ist schwierig, sich mit einem Konkurrenten einigen zu müssen.

Trotzdem haben Sie dann der Fis Ihren Vorschlag unterbreitet.

Genau. Und das, obwohl eigentlich alle Snowboarder das Gefühl hatten und haben, dass die TTR 100 Prozent der Wettkämpfe ausrichten sollte. Wir sind der Fis sehr weit entgegen gekommen, weil eine logisch geregelte Olympiaqualifikation für die Entwicklung unseres Sports maßgebend ist. Unser Angebot wurde im Fis-Kongress laut Protokoll nur nebensächlich diskutiert. Es wurde festgelegt, dass der Skiverband alle Qualifikations-Wettbewerbe organisiert. Nichtsdestotrotz sind wir noch in Gesprächen mit der Fis, aber die Chancen, dass wir in Sotschi noch eine Rolle spielen können, sind praktisch gleich null.

Fühlen Sie sich von der FIS übergangen?

Wir sind mit Recht frustriert. Die Disziplin Slopestyle zum Beispiel wurde von der TTR entwickelt und von den Fahrern und den TTR-Event-Organisatoren weiterentwickelt. Jetzt kommt Slopestyle zu Olympia und wir dürfen nicht die Qualifikation ausrichten. Die Fis greift die Disziplin Slopestyle von uns ab. Sie organisiert die Olympiaqualifikation, stellt sich dadurch auf die höchste Ebene in der Hierarchie des Sports, und beendet dann die Entwicklung. Es wird ein Deckel auf den Sport gesetzt, ein Reglement gemacht und dann bleibt das für Jahre so. Für die Fahrer wird es sehr schwer sein, noch Einfluss zu nehmen.

Die Fis bezeichnet die angeblich kommerzielle Ausrichtung der TTR als Hindernis für eine Zusammenarbeit.

Wir sind kein kommerzielles Unternehmen, da haben sich die Leute von der Fis vielleicht falsch informiert. Wir sind in Graubünden in der Schweiz als gemeinnütziger Verein eingetragen. Was wir auf der Tour einnehmen, stecken wir in den Sport. Ein paar Mitarbeiter werden bezahlt um die Tour auf die Beine zu stellen. Unsere Fahrer zahlen keine Gebühren. Wir haben Sponsoren, genau wie die Fis und sind insgesamt ähnlich organisiert. Ich als Präsident mache das nebenberuflich, wie fast alle bei der TTR. Ich verdiene spesendeckend. Ich mache das, weil ich Snowboarder bin und Snowboarden liebe.

Die FIS hat auch einen Vorschlag gemacht: Auf einem TTR-Wettkampf könnten Fahrer Punkte für den Fis-Weltcup, also auch für die Olympia-Qualifikation, sammeln. Kein fairer Kompromiss?

Wir haben diesen Vorschlag auch diskutiert, aber mittlerweile sind wir erneut an einem Stillstand angekommen. Wir fühlen uns nicht respektiert. Wir sind der Fis sehr weit entgegengekommen und unser Vorschlag wurde nicht mal richtig angeschaut. Viele innerhalb der TTR wollen wieder einmal nichts mehr mit der Fis zu tun haben, was ich schade finde, aber verstehen kann. Mit denen müssen wir uns intern auch wieder auseinandersetzen.

Was heißt das alles für die Zukunft?

Wir könnten jetzt aufgeben. Ich finde aber, wir sind es der Snowboard-Kultur und der Geschichte des Snowboardens schuldig, dass wir versuchen, den Sport da zu platzieren, wo er hingehört. Die TTR wird immer größer. Wir haben jetzt unsere eigene WM und müssen dabei auch keine Rücksicht mehr auf andere Organisationen nehmen. Wir werden nicht aufhören, unseren Weg zu gehen. Irgendwann werden wir auch eine Rolle bei der Olympia-Qualifikation spielen, wenn alles mit Logik weiterverfolgt wird.

Ihre Vorgängerorganisation, die „International Snowboard Federation“ (ISF), ist auch daran zerbrochen, dass die Qualifikation für den Halfpipe-Wettbewerb bei Olympia 1998 von der FIS organisiert wurde. Kann das der TTR auch passieren?

Nein, die ISF war ganz anders organisiert als die TTR. Wir haben Show- und Großevents bei uns auf der Tour, die viel mehr Zuschauer zusammentreiben, als die klassischen Events, die die ISF früher organisiert hat. Auf unserer Tour gibt es riesige Spektakel wie die US Open und den Air&Style. All diese Wettbewerbe sind sehr erfolgreich und werden es auch in Zukunft sein.

Das Gespräch führte Sebastian Eder

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