14.02.2012 · Zur Snowboard-WM in Oslo kehren die norwegischen und finnischen Fahrer dorthin zurück, wo sie ihre Tricks gelernt haben, ehe sie den heimischen Bergen entwachsen sind.
Von Sebastian Eder, OsloLangsam senkt sich das Flugzeug, und der norwegische Boden kommt näher. Schnee liegt genug für die Snowboard-Weltmeisterschaften, die dieser Tage in Oslo ausgetragen werden. Eines braucht es außer Schnee aber eigentlich auch noch zum Snowboarden, und das ist weit und breit nicht zu sehen: Berge.
Die Landschaft erinnert weniger an ein Gebirge als an die Oberfläche eines Ozeans. „Um Snowboard-Weltmeister zu werden, brauchst du nicht in den Bergen aufzuwachsen“, sagt Roope Tonteri. Weltmeister ist der Neunzehnjährige zwar noch nicht, aber er hat gute Chancen, es im Laufe der Woche zu werden. Er steht auf Platz eins der Slopestyle-Weltrangliste.
Am Sonntag wird in dieser Disziplin, die über einen Parcours mit Schanzen und anderen Hindernissen führt, in Oslo von der Ticket-to-Ride-Tour (TTR) das erste Mal ein Weltmeister gekürt. Tonteri kommt aus Finnland, dort sind die Berge noch kleiner als in Norwegen. Der höchste Gipfel liegt nicht einmal 1400 Meter über dem Meeresspiegel, in Norwegen sind es immerhin knapp 2500 Meter.
Trotzdem kommen immer mehr und immer bessere Freestyle-Snowboarder aus den beiden nordischen Ländern. Sie stellen das Gros der Weltklassefahrer, drei der ersten fünf der Overall-Weltrangliste sind Nordeuropäer, da kommen nicht einmal die Amerikaner mit, die aus einem schier unerschöpflichen Talentreservoir schöpfen. Und ein Land mit hochalpinen Möglichkeiten wie Österreich kann von so vielen Topleuten nur träumen, selbst die Schweiz hinkt da hinterher.
„Gerade weil wir nur kleine Berge haben, fahren wir unglaublich oft durch die Parks“, sagt Tonteri. Finnen und Norweger sitzen nicht ewig in Gondeln, sie bauen keine Schanzen auf zugeschneiten Hängen, sie fahren nicht auf langen Abfahrten im Tiefschnee durchs Gelände.
Sie haben bescheidene Funparks mit „Kickern“, wie die Snowboarder ihre Schanzen nennen, und mit anderen Hindernissen. Sie haben keine großen Abfahrten, aber sie können große Sprünge machen, einen nach dem anderen, den ganzen Tag, Trick auf Trick. „Man kann dabei immer andere Sachen ausprobieren, langweilig wird das nicht“, sagt Tonteri.
Es gibt Snowboarder, die sehen das anders. Der Allgäuer Elias Elhardt zum Beispiel, einer der besten Slopestyler der Welt. Er fährt keine Wettkämpfe mehr, sondern lässt sich im Gelände filmen und verdient damit sein Geld. Das ist sein Snowboarden. Er wolle „mehr als anfahren, Trick, gerade landen und bremsen“, erklärt er. Ihn befremde auch, dass viele der guten Wettkampf-Snowboarder aus Gegenden kämen, „von denen ich nicht mal weiß, ob es dort überhaupt Berge gibt“.
Iaane Korpi, 26 Jahre alt, kommt aus einer solchen Gegend. Auch er ist Finne. Auch er führt eine TTR-Weltrangliste an, die Overall-Wertung, in der die Ergebnisse aller drei Disziplinen (Slopestyle, Halfpipe und Big Air) erfasst werden. „Es gibt einfach unterschiedliche Arten von Snowboarden“, sagt Korpi. „Wir fahren in Parks und in der Halfpipe. Das haben wir immer gemacht, das ist unser Snowboarden.“
Es ist ein Snowboarden mit großer Tradition, begründet von Terje Haakonsen, dem mittlerweile 37 Jahre alten Norweger, dem einflussreichsten und charismatischsten Fahrer in der Geschichte der Sportart. Haakonsen, der die meiste Zeit des Jahres auf Hawaii lebt, ist in Oslo dabei - das hat er sich nicht nehmen lassen. Er startet in der Quarterpipe.
Es hat also durchaus Sinn, dass die erste Freestyle-Weltmeisterschaft der Snowboarder seit mehr als zehn Jahren in einer Stadt ausgetragen wird, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt und trotzdem eine Wintersport-Stadt ist. Die älteste Skisprungschanze der Welt, am berühmten Holmenkollen, steht hier. Aber wo sind die Snowboarder?
Ein Linienbus fährt hinaus aus Oslo, ein paar vereinzelte Wintersportler sitzen darin. Sie haben zwei Bretter und Stöcke dabei, Langläufer auf dem Weg zur Loipe. Irgendwann hält der Bus, aus der Ferne ist eine Halfpipe zu erkennen. Daneben nimmt ein Slopestyle-Parcours die einzig zu erkennende Piste eines kleinen Hügels in ihrer gesamten Breite in Beschlag. Ein paar Langläufer ziehen an der Bushaltestelle vorbei einsam ihres Weges.
Torgeir Bergrem sitzt am Fuß des kleinen Berges. Er ist 20 Jahre alt und hat gerade die Pressekonferenz seines Teams hinter sich gebracht. Bei den Weltmeisterschaften startet er für Norwegen. „In Amerika erkennen mich mehr Menschen auf der Straße als hier“, sagt Bergrem. „Die meisten Norweger wissen nicht mal, was Freestyle-Snowboarden ist.“
Das mag auch daran liegen, dass den skandinavischen Snowboardern ihre Berge und Schanzen irgendwann doch zu klein werden. „Du hast hier die besten Voraussetzungen, um ein guter Freestyler zu werden“, findet Bergrem. „Aber wenn du einer bist, dann musst du nach Amerika, in die großen Parks, dort wo alles perfekt ist.“
Die beiden Weltranglisten-Führenden, Tonteri und Korpi, erholen sich auf einer Bierbank vom ersten Training. Auch sie sind daheim zu Weltklassefahrern gereift und verbringen seither den Großteil des Jahres weit weg von ihrer Heimat. „Mittlerweile sind die Schanzen in Finnland und Norwegen tatsächlich zu klein für uns“, bekräftigt Korpi.
Für diese Woche gilt das nicht. Oslo hat ein paar Millionen Kronen investiert, um den besten Snowboardern der Welt Schanzen und Pipes zu bieten, wie es sie sonst nur in den richtigen Bergen gibt. Und so kehren die besten Nordeuropäer zu ihren Wurzeln zurück, um in der Heimat Weltmeister zu werden.