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Freestyle-Snowboarder Angriff Weltmeisterschaft

 ·  Zum ersten Mal seit über zehn Jahren veranstalten die Snowboarder wieder ihre eigenen Weltmeisterschaften. Der Wettkampf in Oslo ist vor allem auch ein Angriff auf den Internationalen Skiverband.

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© picture-alliance/ dpa/dpaweb Die Freestyle-Snowboarder küren wieder ihre eigenen Weltmeister

Die kommende Woche wird in die Geschichte des Freestyle-Snowboardens eingehen. Erstmals seit 1999 findet eine Weltmeisterschaft statt, die nicht vom Internationalen Ski-Verband (Fis), sondern von den Snowboardern selbst organisiert wird. Die Organisation „Ticket to Ride World Snowboard Tour“ (TTR), die die größte Freestyle-Snowboard-Tour der Welt koordiniert, kürt in Zusammenarbeit mit dem Weltverband der Snowboarder, der „World Snowboard Federation“ (WSF), in Oslo erstmals Weltmeister in den olympischen Disziplinen „Halfpipe“ und „Slopestyle“.

Für Reto Lamm, den TTR-Präsidenten, ist die Veranstaltung eine Konsequenz der Entwicklung der vergangenen Jahre. „Unsere Tour ist immer größer und beliebter geworden. Da ist es logisch, dass wir eine Weltmeisterschaft organisieren.“ 2002 hat der Einundvierzigjährige die TTR mit Snowboard-Legende Terje Haakonsen und anderen Snowboardern gegründet. „Unser Ziel war es, die besten Veranstaltungen in einer Tour zu vereinigen.“ Nötig wurde das, weil die „International Snowboard Federation“ (ISF), die zwischen 1993 und 1999 auch Weltmeisterschaften organisierte, 2002 Konkurs anmelden musste.

„Wir haben keine WM im Februar“

In Oslo messen sich seit diesem Freitag die besten Snowboarder der Welt, sie werden sich über riesige Schanzen stürzen und aus der Halfpipe katapultieren. Es wird eine große Show, aber diese WM wird noch etwas ganz anderes. Keiner will es sagen, aber die Veranstaltung in Oslo ist vor allem auch ein Angriff auf den Internationalen Ski-Verband, mit dem die Snowboarder seit Jahren im Clinch liegen. Die Fis kürt seit 1996 bereits Snowboard-Weltmeister. Was die TTR um Präsident Lamm an den Fis-Weltmeisterschaften stört? „Hauptsächlich, dass sie von einem Skiverband organisiert werden“, sagt Lamm. Viele Fahrer in der Weltspitze sehen das ähnlich, nur wenige tauchen bei der Fis-WM auf.

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Die 47 Jahre alte Sahra Lewis ist Generalsekretärin der Fis, in den achtziger Jahren fuhr sie für die britische Alpin-Ski-Nationalmannschaft. Will man mit ihr über die Snowboard-Weltmeisterschaft im Februar reden, reagiert sie irritiert: „WM? Wir haben keine WM im Februar.“ Nach näherer Erklärung möchte sie die Veranstaltung der TTR nicht kommentieren, abgesprochen sei das mit der Fis nicht gewesen: „Das ist nicht unsere WM. Es geht ja auch nur um zwei Disziplinen.“ Gerade diese zwei Disziplinen bieten allerdings sehr viel Zündstoff.

Schon lange mit der Disziplin „beschäftigt“

Halfpipe ist schon seit 1998 olympisch, Slopestyle wird es zum ersten Mal in Sotschi 2014 sein. Wie schon vor den Spielen in Nagano 1998 hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) der Fis den Auftrag erteilt, ein Qualifikationssystem auszuarbeiten. Die Snowboarder wollten es diesmal anders machen als 1998. Damals wurden die Fis-Wettbewerbe von einigen Snowboardern, allen voran dem norwegischen Superstar Terje Haakonsen, boykottiert und Gegenveranstaltungen organisiert.

Diesmal ging die TTR auf die Fis zu und unterbreitete einen Vorschlag: Die Fis organisiert die Hälfte der Qualifikationswettbewerbe, die TTR die andere Hälfte. Vielen in der Snowboard-Szene ging das zu weit. Reto Lamm musste sich mit einer wütenden internen Opposition auseinandersetzen, vom „Handschlag mit dem Teufel“ war die Rede. Die Fis lehnte den Vorschlag im Oktober 2011 ab.

Fragt man Reto Lamm, warum die Fis mit der TTR zusammenarbeiten sollte, antwortet der Schweizer: „Die Disziplin Slopestyle wurde von der TTR entwickelt. Jetzt kommt Slopestyle zu Olympia und wir dürfen nicht die Qualifikation ausrichten. Die Fis greift die Disziplin von uns ab.“ Tatsächlich richtete die Fis 2011 zum ersten Mal einen Slopestyle-Weltcup und eine Slopestyle-Weltmeisterschaft aus. Gerade noch rechtzeitig, um als Organisator der Olympia-Qualifikation überhaupt in Frage zu kommen. Sahra Lewis beteuert allerdings, man habe sich bei der Fis schon lange mit der Disziplin „beschäftigt“.

„Wir sind nicht nur ein Skiverband“

Der 23 Jahre alte Allgäuer Elias Elhardt ist einer der besten deutschen Snowboarder. Im vergangenen Dezember gewann er die TTR-Veranstaltung „Relentless Big Air Stuttgart“. Bei einem Fis-Wettkampf ist er noch nie gestartet. In Zukunft will er überhaupt keine Wettkämpfe mehr fahren, er geht lieber in die Berge und dreht Videos. Olympia interessiert ihn nicht, der Konflikt zwischen der TTR und der Fis eigentlich auch nicht. „Lächerlich“ findet es Elhardt aber doch, „dass ein Skiverband die Olympia-Qualifikation für die Snowboarder organisiert“.

„Wir sind nicht nur ein Skiverband“, entgegnet die Generalsekretärin des „Internationalen Ski-Verbandes“. „Wir sind ein Dachverband für viele verschiedene Sportarten, die mit Schnee zu tun haben.“ Den Ärger vieler Snowboarder kann sie also nicht verstehen? „Ich kann alle Meinungen und alle Sichtweisen verstehen.“

Warum will die Fis also nicht mit der TTR zusammenarbeiten? In einem ersten Gespräch bezeichnet es Sahra Lewis als Hauptproblem, dass die TTR ein kommerzielles Unternehmen sei. Zweimal sagt sie das wörtlich. Der Präsident der TTR, Reto Lamm, weist das im Interview auf faz.net zurück: „Die TTR ist kein kommerzielles Unternehmen. Wir sind in Graubünden in der Schweiz als gemeinnütziger Verein eingetragen.“ Konfrontiert man Lewis damit, fühlt sie sich missverstanden.

IOC würde jede Zusammenarbeit begrüßen

Sie habe gemeint, dass die TTR nicht wie ein Verband strukturiert sei und einige Veranstaltungen auf der Tour kommerzielle Großereignisse seien. In der Zeitschrift „Snowboarding“ wird Sahra Lewis von der Chefredakteurin allerdings mit genau dem gleichen Argument zitiert. Als „kommerzielles Unternehmen“ bezeichnet Sarah Lewis die TTR in einem Artikel wörtlich.

Was spricht also gegen die Kooperation mit der TTR? Das sei kein Verband und kein Teil der olympischen Bewegung, sagt Lewis. Das klingt, als dürfe die Fis gar nicht mit der TTR zusammenarbeiten. Auch im Gespräch mit der Chefredakteurin des „Snowboarder“ sprach sie davon, dass sie kein Mandat habe, die TTR einzubinden. Beim IOC, der institutionalisierten Olympischen Bewegung, von der die Fis ihr Mandat hat, heißt es allerdings auf Nachfrage: „Das IOC würde jede Zusammenarbeit zwischen der Fis und der TTR begrüßen.“ Allerdings müsse alles über die Fis laufen.

Die Snowboarder müssen kooperieren

Die Entscheidung liegt also in den Händen der Fis. Die Snowboarder müssen kooperieren, wollen sie überhaupt eine Rolle spielen. Nachdem die Fis den Vorschlag der TTR abgelehnt hatte, bot sie eine Zusammenarbeit auf niedrigerer Ebene an. Es müsse erst „Vertrauen und Verständnis zwischen den Organisationen gebildet werden“, bevor man auf der höchsten Ebene, bei der Olympia-Qualifikation, zusammenarbeiten könne, hieß es in einem Brief an Reto Lamm. Außerdem könnten sich Wettkämpfe der TTR-Tour bei der Fis für eine Doppeleinschreibung bewerben. Auf einem TTR-Event könnten dann Punkte für den Fis Weltcup, also auch für die Olympiaqualifikation, gesammelt werden.

Es gibt einzelne Veranstalter, die das Angebot wahrnehmen wollen. Dem Präsidium der TTR geht es nicht weit genug. „Wir fühlen uns nicht respektiert“, sagt Reto Lamm. Er muss jetzt auch wieder mit den Leuten in den eigenen Reihen kämpfen, die mit der Fis nichts zu tun haben wollen. Durch die Zurückweisung sehen die sich bestätigt.

Lamm redet leise, er hat keine Lust mehr auf diesen Kampf. Er ist nicht nur der Präsident der Snowboarder, er ist selber Teil der Geschichte des Sports: 1994 gewann er mit einem Vorwärtssalto den ersten „Air&Style“, einen der bedeutendsten Snowboard-Wettkämpfe der Welt. Terje Haakonsen wurde damals Vierter. Jetzt kümmert sich Lamm erst einmal um Oslo. „Wir werden nicht aufhören, unseren Weg zu gehen“, sagt er. Alle vier Jahre soll es in Zukunft eine TTR-Weltmeisterschaft geben. „Irgendwann werden wir auch eine Rolle bei der Olympiaqualifikation spielen“, sagt er und zögert kurz. „Wenn alles seinen logischen Weg geht.“

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