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Thomas Obliers „Uns Berti“ für Nigerias Frauen

 ·  Thomas Obliers ist der heimliche Coach des deutschen Gegners Nigeria (20.45 Uhr). Als Sportlicher Leiter gibt er beim Training den Ton an. Seine Mission: „Ein bisschen mehr taktische Ordnung“. Seine Methoden: Arbeit, Arbeit Arbeit.

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Thomas Obliers ist ein Fußballtrainer der alten Schule. Wenn der Sportliche Leiter der nigerianischen Frauenfußball-Nationalmannschaft in seinem liebenswerten Ruhrpott-Dialekt über seine Trainingsmethoden redet, dann spricht er vor allem über eines: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Man sollte meinen, wenn ein Deutscher die Mission übertragen bekommt, ein afrikanisches Frauenteam für die WM in Deutschland in Form zu bringen, dann tauchten bei seiner Arbeitsplatzbeschreibung Begriffe wie Eingehen auf eine fremde Mentalität oder Fußball-Völkerverständigung auf. Er aber destilliert alles zum Wesentlichen. Seinem Verhältnis zu den Spielerinnen tut das keinen Abbruch. Er hat mit seiner Art die Herzen der Afrikanerinnen gewonnen. „In meinen ersten Trainingseinheiten habe ich meine Mädels richtig hart gefordert. Laufen, Rennen, Kraftübungen“, sagte Obliers. Den Begriff „Mädels“ verwendet er übrigens, ohne sich Sorgen darüber zu machen, ob er politisch korrekt klingt. „Die Mädels waren völlig fertig, aber wenn es vorbei war, dann haben sie zusammen getanzt und zusammen gelacht. Ich finde die Mentalität einfach klasse.“

Damit meinte Obliers die Natürlichkeit und Lebensfreude der Spielerinnen, die Dinge wie Erwartungsdruck und Versagensangst nicht zu kennen scheinen. Wie beispielsweise die 35 Jahre alte Starspielerin Perpetua Nkwochad, die mutig von der „Chance aufs Halbfinale oder gar den Weltmeistertitel“ spricht, wenn sie auf die Chancen Nigerias bei der Frauen-WM angesprochen wird.

Eine einmalige Möglichkeit

Aber es gibt auch unliebsame Erscheinungen im nigerianischen Frauenfußball, die Obliers lieber nicht thematisieren will. Wie die vermeintliche Homosexuellenfeindlichkeit im Verband, über die in den vergangenen Tagen die Boulevardmedien berichteten. Angeblich sollen in der Vergangenheit lesbische Spielerinnen aussortiert worden sein. Oder dass während der Vorbereitung eine Priesterin auf spirituellem Weg eine „Reinigung der Geister“ angestrebt habe. Obliers verweist bei diesem heiklen Thema darauf, dass Nigeria ein sehr religiöses Land sei, was er zunächst einmal respektiere.

Tatsächlich betet die Mannschaft täglich vor dem Training gemeinsam. Und das nicht nur, wenn wie im derzeitigen Kader ausschließlich Christinnen mitspielen. „Es gibt nur wenige Muslimas, die in Nigeria Fußball spielen“, sagt Perpetua Nkwocha, die bekannteste Spielerin des Landes, in dem gut die Hälfte der 150 Millionen Einwohner islamischen Glaubens ist. „Wenn wir aber mal eine dabeihaben, integrieren wir sie im Gebet.“

Obliers sammelt seit April solche Erfahrungen. Als die Bundesligasaison des SC Bad Neuenahr beendet war, erhielt der 42 Jahre alte Fußballlehrer das Angebot aus Afrika. Obliers griff sofort zu, weil man schließlich „nur einmal im Leben die Möglichkeit hat, bei einer WM im eigenen Land dabei sein zu können“. Also ist er nun so etwas wie ein Berti Vogts für Frauen. Der ehemalige deutsche Nationalspieler und Bundestrainer hatte die nigerianischen Männer 2006 in Deutschland betreut. „Die vergleichen mich auch gerne mit ‚Uns Berti'. Das empfinde ich als Ehre“, sagt Obliers. Genaugenommen ist er freilich nur der „Uns Icke“, weil er formal wie Thomas Häßler 2006 nur der zweite Mann neben Cheftrainerin Eucharia Uche ist.

„Das war sicher der Schock“

In der Praxis sah das in den ersten Vorbereitungswochen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja und auch im österreichischen Ort Saalfelden freilich so aus, dass Obliers den Ton angab. „Ich sollte ihnen einfach ein bisschen mehr taktische Ordnung verpassen“, erklärt der heimliche Nationaltrainer seinen Arbeitsauftrag. Genau diese fehlte Nigeria bei der demütigenden 0:8-Niederlage im vergangenen November bei einem Testspiel gegen Deutschland in Leverkusen.

„Das war sicher der Schock für den Verband, der mir den Posten gebracht hat“, sagt Obliers. Nach Ansicht von Ulrike Ballweg hat der Landsmann in des Gegners Diensten seinen Job gut erledigt. „Sie spielen jetzt geordneter, mit Viererkette, vier Mittelfeldspielern und zwei Stürmern“, sagt die deutsche Assistenztrainerin.

„Für 90 Minuten Nigerianer“

In den Zeiten vor Obliers galt Nigeria als ein unberechenbarer Gegner ohne erkennbares Spielsystem. Bei der U-20-WM im Vorjahr erreichten sie mit einer heutzutage höchst unorthodox anmutenden Manndeckung übers gesamte Feld das Finale gegen den späteren Sieger Deutschland. Nun präsentierten sich die neun Europa-Legionärinnen und ihre Mitspielerinnen aus der Heimat bei der 0:1-Auftaktniederlage gegen Frankreich deutlich moderner.

„Auf internationalem Niveau hast du mit Manndeckung keine Chance“, sagt Obliers. „Da würden uns Teams wie das deutsche überrollen.“ Obliers hat schon die halbe deutsche Nationalmannschaft bei seinen Bundesligastationen in Duisburg und Bad Neuenahr in der täglichen Trainingsarbeit kennengelernt. „Deshalb ist das für mich ein komisches Gefühl, nun gegen all diese Mädels in einem deutschen Stadion zu spielen“, sagt Obliers. „Aber ich bin in diesen 90 Minuten Nigerianer.“

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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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