29.06.2011 · Das an der Westküste Zentralafrikas gelegene Äquatorial-Guinea hat erstmals ein Team bei einer WM, der Star ist Genoveva Anonma. Verdächtigungen und Ungereimtheiten begleiteten die Vorbereitung. Im F.A.Z.-Interview spricht sie darüber.
Das Team von Äquatorial-Guine ist der Exot im Teilnehmerfeld der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen. Aber die Westafrikanerinnen sorgen auch für Verwirrung: Die Schwestern Simpore, die des falschen Geschlechts verdächtigt wurden, reisten erst gar nicht nach Deutschland (siehe: Frauenfußball: „Sehen Sie hier Männer auf dem Platz?“). Jade Boho wurde kurz vor Turnierbeginn suspendiert wegen Verstößen gegen die Fifa-Regularien(siehe: Äquatorial-Guinea: Eine Suspendierung und viele Zweifel). Im Interview spricht die beste Spielerin Genoveva Anonma über die Vorwürfe und den Stolz ihres Landes.
Erklären Sie uns, wie Äquatorial-Guinea mit nur 700.000 Einwohnern sich für eine Fußball-WM qualifizieren kann?
Äquatorial-Guinea ist tatsächlich ein Land, dass nicht viele Menschen kennen. Aber wir haben seit einigen Jahren im Frauenfußball gute Strukturen aufgebaut, die es uns ermöglicht haben, uns als Mannschaft immer mehr zu verbessern. Wir haben angefangen, Spiele zu gewinnen und jetzt haben wir die Gelegenheit genutzt, uns zu qualifizieren.
Ihr Land ist wegen der Ölvorkommen eines der wohlhabendsten Länder Afrikas. Ist das der Grund für den Aufschwung?
Sicher gibt uns das die Chance, uns im Fußball zu verbessern. Wir werden ordentlich für unsere Erfolge belohnt. Viele Mädchen sind deshalb auch motiviert, sich für Siege einzusetzen.
Nach Angaben des Weltverbandes Fifa spielen aber nur 350 Frauen in Ihrem Land. Wie kann man dann eine Mannschaft zur WM bringen?
Ich weiß nicht, wie das gezählt wird. Da wir kein sehr breites Ligensystem haben, kann es sein, dass nur so wenige Frauen organisiert spielen. Aber für unsere Nationalmannschaft wird alles akribisch organisiert, sodass wir gute Bedingungen haben für Bestleistungen.
Ist Ihre Mannschaft durch die Qualifikation für die WM der Stolz des Landes?
Natürlich werden wir sehr beachtet. Unsere Landsleute freuen sich mit uns und sie werden auch mit uns mitfiebern.
Sind Sie persönlich ein Idol?
Vor unseren Spielen stehe ich sicher am stärksten im Fokus. Ich bin nun mal auch schon lange in der Nationalelf und die erste Spielerin, die einen Vertrag in Europa unterschrieben hat. Ich bin auch als Kapitänin in der Rolle, für die Mannschaft Verantwortung übernehmen zu müssen und für meine Mitspielerinnen da zu sein.
Es heißt, bei Ihren Spielen wäre das Stadion deutlich voller als bei der Männer-Nationalmannschaft. Ist Frauenfußball in Ihrer Heimat bedeutsamer als das Männerspiel?
Man kann sagen, dass die Männer bis zu unserer Qualifikation für die WM viel mehr Fans hatten als wir. Aber nun haben wir vielleicht sogar mehr Leute, die hinter uns stehen und uns unterstützen.
Sie haben sieben Brasilianerinnen im Team, die eingebürgert wurden. Besteht Ihre Mannschaft nur aus Legionärinnen?
Nein, wir sind zwar nur sechs Spielerinnen, deren Familien schon seit Generationen in Äquatorial-Guinea leben. Und wir haben tatsächlich viele Mitspielerinnen, die aus Brasilien, Kamerun, Nigeria oder Burkina Faso stammen. Eine Kameradin von mir stammt auch aus Spanien (die mittlerweile wegen Unstimmigkeiten bei ihrem Verbandswechsel vom Turnier ausgeschlosssene Jade Boho). Ohne diese Zuwanderer wären wir nicht in der Lage, so stark zu sein. Aber egal, woher sie kommen: Wir alle spielen mit großem Stolz für die Farben unseres Landes.
Sie haben in den vergangenen zwei Jahren für den USV Jena in der Bundesliga gespielt, künftig stürmen Sie für Potsdam. Wie kamen Sie nach Deutschland?
Ich habe bei der Afrikameisterschaft 2008 mit meiner Mannschaft den Titel gewonnen. Danach kam Jena auf mich zu und bot mir ein halbes Probejahr an. Als ich kam, hatte die Mannschaft nur acht Punkte. Wir haben die Saison dann erfolgreich beendet und ich habe einen regulären Vertrag bekommen.
Sprechen Sie Deutsch?
Sehr wenig. Ich versuche, mit Toren zu sprechen.
Kommen Sie damit zurecht?
Mit meinen Mannschaftskolleginnen in Jena kam ich zurecht. Aber darüber hinaus war es schwer, in Jena Menschen zu finden, die Spanisch oder Französisch sprechen. Aber ich mag Deutschland. Dieses Land ermöglicht mir, professionell Fußball zu spielen. Es ist für mich etwas Besonderes, die WM in meiner zweiten Heimat zu spielen.
War Fußball in Ihrer Kultur für Mädchen schon immer möglich?
Es gab und gibt auch heute noch kaum organisierte Möglichkeiten für Mädchen und Frauen. Aber vom Gesetz und unserer Kultur her ist es jedem Mädchen und jeder Frau genauso wie den Männern gestattet, zu machen, was man will. Viele Eltern erlauben ihren Töchtern aber dennoch nicht, Fußball zu spielen. Aber ich durfte als Kind auf der Straße mit den Jungs spielen, auch wenn meine Mutter sich lange Sorgen gemacht hat um mich. Heute ist sie stolz auf mich.
Es gab Anschuldigungen aus Nigeria und von anderen afrikanischen Mannschaften, dass Sie und zwei weitere Spielerinnen Ihres Teams – die der Verband dann nicht für das Turnier in Deutschland nominierte – in Wahrheit Männer oder transsexuell seien. Wie gehen Sie mit diesen Vorwürfen um?
Als Nigeria diesen Mist in Umlauf gebracht hat, war ich ehrlich gesagt sprachlos. Wenn du jemanden anklagst, musst du Beweise haben. Ich glaube, dass Nigeria nur etwas neidisch war, weil wir uns als kleines Land so entwickelt und ihnen 2008 erstmals die Afrikameisterschaft abgenommen haben. Vielleicht sind Sie neidisch darauf, dass ich einen Vertrag in Europa bekommen habe, und sie haben mich deshalb beschuldigt, ein Mann zu sein. Das hat in Afrika Tradition, das hat Kamerun auch schon gemacht. Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich wohl kaum einen Vertrag in Europa bekommen.
Hat die Fifa Sie nach den Anschuldigungen kontaktiert?
Die Fifa war bei uns in Guinea, um die Sache zu klären. Ich war zu jener Zeit allerdings in Deutschland bei meinem Klub. Sie konnten aber natürlich nur feststellen, dass es bei uns in der Mannschaft keine Männer gibt, weil wir noch nie Männer in unserer Frauen-Nationalmannschaft hatten.
Haben Sie Angst, dass die Vorwürfe vor oder während der WM erneuert werden?
Wenn wir Männer im Team hätten, dann müssten wir tatsächlich Angst haben. Aber wir müssen keine Angst haben, da wir keine Männer im Team haben.
Äquatorial-Guinea hat noch nie gegen eine nicht-afrikanische Mannschaft gespielt. Nun treffen Sie auf Brasilien, Norwegen und Australien. Haben Sie viel Respekt?
Natürlich haben wir Respekt, besonders vor so großen Mannschaften wie Brasilien, das in den vergangenen Turnieren immer gut war, oder Norwegen, das schon Olympiasieger und Europameister war. Wir werden aber unser Bestes versuchen, um auch gegen diese Teams gewinnen zu können. Auf jeden Fall wird uns diese Erfahrung helfen, uns weiter zu verbessern.
Das Gespräch führte Daniel Meuren.