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Frauenfußball „Sehen Sie hier Männer auf dem Platz?“

14.06.2011 ·  Äquatorial-Guinea ist ein unbeschriebenes Blatt im Weltsport. Für die Frauenfußball-WM ist die Mannschaft erstmals qualifiziert. Der wundersame Erfolg ruft Misstrauen hervor.

Von Daniel Meuren, Bitburg
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Yao Farota Haoua ist schlecht gelaunt. Die Torhüterin des Frauenfußball-Nationalteams von Äquatorial-Guinea hat sich im Trainingslager in Bitburg an der linken Hand verletzt. Also ist die 31 Jahre alte Afrikanerin ausgerechnet jetzt zu einer Pause gezwungen, da es um die Stammplätze im Team für die Weltmeisterschaft und das Auftaktspiel gegen Norwegen am 29. Juni in Augsburg geht. „Das nervt mich gewaltig, weil ich immer besser in Form gekommen bin“, sagt die lädierte Schlussfrau.

Es geht alles ganz normal zu bei jenem Team, das als bislang einziges bereits seine Zelte in Deutschland aufgeschlagen hat. Seit Mitte Mai arbeitet der neben Nigeria einzige Teilnehmer aus Afrika in der Sportschule Bitburg an der WM-Form. Die Frauen kamen so früh, weil in ihrer Heimat gerade Regenzeit und somit ein schlechtes Klima für sportliche Arbeit herrscht. Sie können sich den Luxus leisten, weil ihr Heimatland einer der reichsten Staaten Afrikas ist. Die Ölvorkommen in dem von Staatspräsident Teodoro Obiang seit 1979 diktatorisch geführten und nur 700.000 Einwöhner zählenden Land an der Westküste des Kontinents ermöglichen den Luxus einer solchen Vorbereitung. Nur die Nationalteams aus Deutschland und den Vereinigten Staaten können noch ausgiebiger für das am 26. Juni beginnende Turnier trainieren.

Die frühe Ankunft im Gastgeberland überrascht dennoch: Denn die Beobachter der Frauenfußballwelt hatten eher ein Versteckspiel des Teams erwartet, das im vergangenen Herbst mit Vorwürfen konfrontiert wurde. Die nigerianische Nationaltrainerin Eucharia Uche hatte nach dem Qualifikationsturnier für die WM behauptet, dass drei Spielerinnen in Wahrheit Männer oder zumindest Transsexuelle seien und sich Äquatorial-Guinea die Qualifikation wie auch den Titel des Afrikameisters im Jahr 2008 mit unlauteren Methoden erschlichen habe. Wie Uche zu ihrer Erkenntnis gekommen ist, hat sie nie näher erläutert.

Eine begründete Anklage ist nach Auskunft des Fußball-Weltverbandes (Fifa) auch in Zürich nicht eingegangen. Für Yao Farota Haoua ist die Sache deshalb recht klar. „Vielleicht ist Uche ja ein wenig verrückt“, sagt sie. „Oder sehen Sie hier Männer auf dem Platz?“

Der Star Genoveva Anonma wirkt unverdächtig

Beim Blick auf die Mannschaft, die sich auf dem Trainingsplatz in der Eifel aufwärmt, kommt ein solcher Verdacht jedenfalls nicht auf, schon gar nicht beim prominentesten Opfer der Anschuldigungen. Genoveva Anonma, Kapitänin und in der deutschen Bundesliga gerade vom USV Jena zum deutschen Meister Turbine Potsdam transferierte Torjägerin, wirkt eher zierlicher als alle ihre Mitspielerinnen. In der deutschen und auch in der nigerianischen Nationalmannschaft wäre sie mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar die körperlich unauffälligste Akteurin überhaupt.

„Ich glaube, dass die Nigerianerinnen schlechte Verliererinnen und neidisch sind, dass wir sie als ein ganz kleines Land 2008 bei der Afrikameisterschaft geschlagen haben“, sagt Anonma. „Mich berühren diese Dinge deshalb überhaupt nicht. Für mich ist nur klar, dass jemand nicht solch einen Mist erzählen darf, wenn er keine Beweise hat.“

Zwei Verdächtige fehlen

Misstrauen erregt freilich die Tatsache, dass die beiden weiteren vermeintlichen „Spieler“ im Kreis der guineischen Frauen in Bitburg nicht dabei sind. Die Geschwister Salimata und Bilguisa Simpore seien eben nicht nominiert worden für die WM, sagt Delegationsleiter Jen-Paul Mpila. Das ist zumindest erstaunlich, da Salimata Simpore immerhin im Qualifikationsturnier zu den Leistungsträgerinnen im Team gehörte und auch entscheidende Tore schoss.

Gerüchten zufolge hat sich Salimata Simpore ein Kreuzband im Knie gerissen, die Schwester deshalb auch auf einen Einsatz verzichtet. Die Fifa verzichtete wegen fehlender formaler Voraussetzungen auf Untersuchungen. Frauenchefin Tatjana Haenni erklärt nur kryptisch zur bevorstehenden WM-Premiere in Deutschland: „Wenn sie da sind, dann sind sie da, weil es berechtigt ist.“

Fifa setzt Normen für Geschlechtstest

Etwas deutlicher wurde die Fifa indes in der vergangenen Woche, als sie sich den Normen des Internationalen Olympischen Komitees für Geschlechtstests anpasste. Demnach überträgt der Weltverband die Verantwortung an die Nationalverbände, die die Regelkonformität ihrer Spielerinnen durch „aktive Untersuchung möglicher Abweichungen bei sekundären Geschlechtsmerkmalen zu überprüfen und die jeweiligen Befunde vollständig zu dokumentieren“ hätten.

Der Weltverband verzichtet auf routinemäßige Tests und greift erst dann ein, wenn es begründete Anträge auf Untersuchung einer Teilnehmerin gibt. Zum Schutz der Spielerinnen vor leichtfertigen Verunglimpfungen behält sich die Fifa Sanktionen gegen Verbände vor, die Anträge unberechtigt einreichen.

In Angola sollen drei Männer mitgespielt haben

Offensichtlich ist, dass die Fifa in Afrika nicht nur in diesem Fall als Sportverband überfordert ist. Bei einem Olympia-Qualifikationsspiel zwischen Angola und Namibia sollen im Januar drei männliche Nachwuchskicker zum Einsatz gekommen sein. FAZ.NET dokumentiert in den Bildern zu diesem Artikel Dokumente, die den Verdacht erhärten. Auf Mannschaftsfotos erscheinen drei Spielerinnen tatsächlich wie Jünglinge, die angolanischen Pässe des Trios mit den weiblichen Vornamen Veronica, Flora und Patricia sind erstaunlicherweise alle am 12. Januar und somit erst drei Tage vor dem Duell ausgestellt worden.

Und nach Protesten der Namibierinnen, die in jenem Spiel nach Darstellung ihrer Trainerin Jaqueline Shipanga aufgrund überharter Zweikampfführung gerade jener körperlich überlegenen „Männer“ mehrere Verletzungen hinzunehmen hatten, saß das Trio im Rückspiel nur auf der Tribüne - nach Ansicht von Jaqueline Shipanga, deren Team trotzdem in die nächste Runde einzog, ein „Schuldeingeständnis“.

Auch zu jenem Fall hält sich die Fifa bislang zurück, obwohl sie bei den Spielen jeweils Beobachter vor Ort hatte. Namibia habe aber keinen offiziellen Protest eingereicht, was Jacqueline Shipanga bestreitet.

Spielt Brasilien bei der WM gegen Brasilianerinnen?

Es muss nicht überraschen, dass der Weltverband auch bei einem weiteren Vorwurf gegenüber Äquatorial-Guinea nicht aus eigenem Antrieb eine detektivische Ader entdeckt. Mehr als ein Dutzend der Spielerinnen aus dem Bitburger Kader sind offenkundig nicht in Äquatorial-Guinea geboren, sondern eingebürgert worden. Vor allem der Einsatz von sieben naturalisierten Brasilianerinnen stellt die Sinnhaftigkeit eines Weltturniers mit Teilnehmern von allen Kontinenten in Frage. Ein Verbandsvertreter von Äquatorial-Guinea behauptet zwar, dass die Spielerinnen meist schon in zweiter Generation in Afrika lebten und auch alle Brasilianerinnen den Fifa-Statuten gemäß eingebürgert worden seien. Die Tatsache, dass die Südamerikanerinnen aber fast durchweg für brasilianische Klubs spielen, weckt zusätzliches Misstrauen.

Denn gemäß Artikel 17d der Fifa-Statuten müssen eingebürgerte Sportler, so weder ihre Vorfahren noch sie selbst in dem Land geboren sind, mindestens fünf Jahre dauerhaft dort gelebt haben. Nationaltrainer Marcelo Frigerio, ebenfalls Brasilianer und erst im März verpflichtet, leugnet auch gar nicht, dass er einige der brasilianischstämmigen Spielerinnen aus 16 Jahren Trainerarbeit in seiner Heimat kenne. „Sie haben aber einen Pass von Äquatorial-Guinea. Damit ist die Sache für mich als Trainer erledigt“, sagt der Fußballlehrer. Folglich könnte es zu einem kuriosen Spiel kommen: Brasilien könnte auf sieben Brasilianerinnen im Trikot Äquatorial-Guineas treffen. Für den Fall einer überraschenden brasilianischen Niederlage dürfte ein Protest fällig werden.

„Sonst könnten wir nicht mithalten“

Genoveva Anonma sieht die Sache hingegen recht locker. Die Spielführerin gibt frank und frei zu, dass lediglich sechs Spielerinnen im Kader „richtige“ Äquatorial-Guineerinnen seien. Neben Brasilianerinnen seien Nigerianerinnen und Kamerunerinnen im Team. „Wir brauchen diese Verstärkungen, da wir ein sehr kleines Land sind“, sagte sie. „Sonst könnten wir nicht mithalten.“

Das aber gelingt ihrer Mannschaft auf geradezu erstaunliche Weise. Seit 2002 hat das Land erst zwei Dutzend offizielle Länderspiele bestritten und dabei eine erstaunliche Konkurrenzfähigkeit auf seinem Kontinent entwickelt. In einem Länderspiel in Bitburg gegen Belgien werden sich die Afrikanerinnen freilich erstmals mit einem nicht-afrikanischen Konkurrenten auseinandersetzen müssen. „Und das ist vielleicht auch unsere Chance auf eine Überraschung“, sagt Genoveva Anonma. „Niemand kennt uns, alle unterschätzen uns.“

Nicht so fit wie Männer

Für ihre Chance zur Überraschung arbeiten die Spielerinnen in Bitburg hart. Die Hauptsprache ist dabei Portugiesisch, auch wenn sich die guineischen Spielerinnen untereinander in den offiziellen Landessprachen Spanisch und Französisch unterhalten. Die Wahl ist dem brasilianischen Trainer geschuldet, der während des Aufwärmprogramms noch entspannt auf einer Bank neben dem Spielfeld sitzt und seinen Assistenten die Vorarbeit verrichten lässt. Frigerio erzählt locker, dass er im März den Trainerjob in Äquatorial-Guinea vor allem auch aus finanziellen Gründen angenommen habe. „Sie können sich nicht vorstellen, wie reich dieses Land ist. Da wird überall gebaut und die reichen Unternehmer aus China oder Indien sind dort engagiert.“

Dann steht Frigerio auf und übernimmt die Leitung des Trainings. Plötzlich geht es ambitioniert zu auf dem Platz. In hohem Tempo verschieben die Mannschaftsblöcke von rechts nach links und wieder zurück. Das Team wirkt fit. Aber nicht so fit wie eine Männermannschaft.

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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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