08.06.2008 · Die Schweizer Stimmung erreichte schon am ersten Tag den Tiefpunkt: Ein unglückliches 0:1 gegen Tschechien, und Kapitän Frei fällt verletzt für das Turnier aus. „Die ganze Schweiz weint mit Frei“, titelte eine Schweizer Zeitung. „Es ist fatal“, sagte Trainer Kuhn.
Von Christian Kamp, BaselSo harmlos, so verhängnisvoll. Sie sah doch gar nicht so schlimm aus, diese Szene kurz vor der Pause. Knapp 43 Minuten waren gespielt im St.-Jakob-Park, als Alexander Frei im Mittelfeld mit Zdenek Grygera kollidierte, ein harmloses Foul des Tschechen allenfalls. Doch je länger Frei, der Schweizer Kapitän, liegen blieb, desto deutlicher wurde den Beobachtern in Basel und vor den Fernsehern: Hier ist etwas passiert, das die Stimmung beim Europameisterschafts-Gastgeber nachhaltig trüben würde. Der Betroffene selbst wusste es sofort.
„Er lag da und sagte schon im ersten Augenblick, dass es etwas Schlimmes ist“, berichtete sein Teamkollege Marco Streller nach dem 0:1 der Schweizer im Eröffnungsspiel gegen Tschechien. Die Diagnose vom späten Abend bestätigte die Befürchtungen: Teilabriss des Innenbandes im linken Knie, mindestens sechs bis sieben Wochen Pause für den 28 Jahre alten Dortmunder.
„Die ganze Schweiz weint mit Frei“
Man konnte mit ihm fühlen, als er, gestützt von zwei Betreuern, unter Tränen vom Platz humpelte. „Die ganze Schweiz weint mit Frei“, titelte eine Schweizer Zeitung am Sonntag. Und auch wenn das etwas viel Pathos gewesen sein mochte, ist doch eines klar: Mit dem Verlust ihres Sturmführers sind die Aussichten der Schweizer auf ein Weiterkommen in der Gruppe A mit Portugal und der Türkei auf ein Minimum gesunken – von der leisen Hoffnung auf den Titel, wie Trainer Jakob Kuhn sie immer wieder formuliert hat, ganz zu schweigen. „Es ist fatal, seinen Captain im ersten Spiel so zu verlieren“, sagte Kuhn. Der sonst so fröhlich dreinblickende Trainer wirkte fahl und mitgenommen, als er Worte für den doppelten Niederschlag finden sollte: „Ich mache mir schon Sorgen für die nächsten Spiele.“
Bis zu seiner Verletzung war Frei der beste Mann in einem Schweizer Team, das zwar keinen brillanten, aber leidenschaftlichen und kämpferischen Fußball bot, der an den meisten Tagen zu mindestens einem Punkt gegen die reservierten Tschechen gereicht hätte. Natürlich war es Frei, dem sich die beste Chance zum Führungstreffer bot. Und wer weiß, welchen Verlauf das Spiel, vielleicht sogar die ganze EM genommen hätte, wenn Cech im Tor der Tschechen in der 21. Minute nicht Freis Schuss aus kurzer Distanz pariert hätte. So aber klagte Kuhn, dass „Fußball oft nicht nach Gerechtigkeit“ gehe. Die Verbitterung hatte auch damit zu tun, dass die Tschechen in den 90 Minuten genau einmal aufs Tor geschossen hatten – es war der Siegtreffer durch Václav Sverkos (71. Minute). Und damit, dass der italienische Schiedsrichter Rosetti der Schweiz in der Schlussphase noch einen Handelfmeter (Ujfalui) verwehrte.
Was ist die Mannschaft wert ohne ihren Rekordtorschützen?
Haften aber blieb das Bild des weinenden Frei. „Es ist vorbei“, sagte Kuhn – und zögerte kurz. „Das Spiel, nicht die EM.“ Natürlich machten sich die Schweizer noch am Abend selbst Mut. „Wir sollten uns nicht auf einen Spieler reduzieren“, sagte Abwehrchef Patrick Müller. Trainer Kuhn verwies auf das Beispiel der Portugiesen, die 2004 auch ihr Auftaktspiel verloren und dann noch ins Finale kamen. Aber was ist seine Mannschaft noch wert ohne ihren Rekordtorschützen?
Erst im letzten Test vor Turnierbeginn, beim 3:0 gegen Liechtenstein, hatte Frei seine Länderspieltore 34 und 35 erzielt und damit die bis dahin von Kubilay Türkyilmaz gehaltene Bestmarke übertroffen. Überhaupt waren es erst die Wochen vor der EM, in denen die Schweizer ihr Selbstvertrauen wiederentdeckten. Vier Spiele nacheinander hatten sie zuvor verloren und dabei nur ein Tor erzielt – die Rückkehr des lange verletzten Frei beim 0:4 gegen Deutschland sollte endlich die Wende zum Besseren sein. Sein künftiger Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld hatte ihm noch am Tag vor dem Spiel zugetraut, Torschützenkönig dieser EM zu werden.
„Es ist brutal für ihn und für uns“
Gegen Tschechien musste man nur die unzulänglichen Versuche von Marco Streller sehen, um zu wissen, wie schwer es für die Schweizer wird, auf höchstem europäischem Niveau Tore zu erzielen. Wie man es nicht macht, zeigte auch der für Frei eingewechselte Hakan Yakin nach gut einer Stunde bei seinem Kopfball aus bester Position: neben das Tor. Frei war da gerade auf Krücken auf die Bank zurückgekehrt – es wird ihn noch mehr geschmerzt haben Die Sorge der Schweizer Fußball-Nation ist das eine, Freis persönliches Leid das andere. „Es ist brutal für ihn und für uns“, meinte sein Teamkollege Benjamin Huggel. „Aber vor allem für ihn.“
Ein ganzes Jahr lang hatte Frei immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Eine Hüftoperation, zwei Muskelfaserrisse – zusammen machte das achteinhalb Monate Pause. Weil Thomas Doll ihm bei Borussia Dortmund auch wenig Rückhalt gegeben hatte, mag es ein kleiner Trost gewesen sein, dass zumindest der Draht zu seinem neuen Trainer stimmt: Jürgen Klopp, obwohl als Experte im Fernsehstudio, erfuhr als einer der Ersten von der Diagnose und teilte sie mit Bedauern dem Publikum mit. „So eine Situation ist tragisch“, sagte er. Für die Schweiz war es längst ein verdorbener Abend. „Kopf hoch“, titelte zwar ein Sonntagsblatt. Es dürfte aber allen schwer gefallen sein: Frei, seiner „Nati“ und dem Gastgeberland, das doch gerade erst dabei war, die große EM-Begeisterung für sich zu entdecken.