26.06.2008 · Keine Randale, keine wütenden Fans: Auf dem Frankfurter Roßmarkt haben mehrere tausend Fans zusammen den Sieg der deutschen Nationalmannschaft gesehen. Aufgeregt waren alle - zu Ausschreitungen ist es nicht gekommen.
Von Katharina IskandarAls Michael Ballack kurz vor dem Anpfiff in Basel von Freundschaft und Völkerverständigung spricht, wird es auf dem Roßmarkt für einen Moment still. Deutsche stehen neben Türken, sie beäugen sich, als nähmen sie sich zum ersten Mal an diesem Abend wahr. Dann nicken sich einige zu, lächeln.
Es ist nur kurzer Moment - aber er ist bezeichnend für die Stimmung in der Frankfurter Innenstadt an diesem Abend. Denn entgegen mancher Befürchtung bleibt es während des EM-Halbfinales zwischen Deutschland und der Türkei weitgehend ruhig. Keine Randale, keine wütenden Fans. Stattdessen schon in der ersten Halbzeit Jubel auf beiden Seiten - bei der türkischen Führung ebenso wie beim deutschen Ausgleich.
Tausende Schlachtenbummler auf dem Roßmarkt
Die „City Arena“ ist voll wie nie zuvor. Schon kurz nach sieben Uhr waren Tausende Schlachtenbummler auf den Roßmarkt geströmt. Junge Männer mit türkischen Fahnen um die Schultern stehen neben dickbäuchigen Mittvierzigern im Deutschland-Trikot. Viele junge Frauen sind unter den Fans. Sie tragen rot-weiße Tops oder schwarz-rot-goldene Spangen im Haar. Aufgeregt aber sind alle.
Und tatsächlich wird es ein aufregender Abend. Von möglichen Konfrontationen will oder gar Gewalt will an diesem Abend niemand mehr etwas wissen. „Der Bessere wird gewinnen. Und dann ist es auch gut so“, sagt ein junger Türke - und erntet prompt Applaus von einem Deutschen, der in der Nähe steht. Auch die Polizei gibt sich gelassen. Bisher hat es keine besonderen Vorfälle gegeben, weder am Rossmarkt noch an der Konstablerwache, wo ein privater Veranstalter ein zweites „Public Viewing“ aufgebaut hat.
Und im Übrigen haben sich die Ordnungshüter bestens vorbereitet. Hunderte Polizisten sind in den beiden Arenen und in der gesamten Innenstadt unterwegs. Unter ihnen sind auch „Kommunikatoren“, die schon bei der Fußball-WM vor zwei Jahren dafür gesorgt haben, dass es erst gar nicht zu Ausschreitungen kam. Fallen ihnen aggressive Fans auf, sprechen sie sie an - freundschaftlich und mit Erfolg, denn fast immer werden Streitereien beigelegt.
„Man braucht nur Tore, Tore, Tore“
Während die Polizei die Szenerie beobachtet, wird es auf der Großbildleinwand zweimal dunkel. Doch der Ton- und Bildausfall tut der guten Stimmung keinen Abbruch - er steigert eher noch die Spannung. Viele der Besucher haben sich bisher jedes Spiel auf dem Roßmarkt angeschaut, haben die Fahnen vom Dachboden geholt, die dort seit der WM lagen, und sich das eine oder andere neue Accessoire in den Landesfarben zugelegt. Dass das „Public Viewing“ diesmal nicht am Main stattfindet, bedauern die wenigsten. Bei einem solchen Halbfinale, meint ein Jugendlicher, brauche man eine keine „extravagante Location“ - „einfach nur Tore, Tore, Tore“.
Die gibt es auch in der zweiten Halbzeit. Erst jubeln die Deutschen, dann - wieder einmal kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit die Türken. Doch dann macht plötzlich das Team von Bundestrainer Joachim Löw das, was sonst immer die türkischen Mannschaft gemacht hat - sie gewinnt in letzter Minute. Und in der „City Arena“ erreicht die Aufregung ihren Höhepunkt.