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Polens Botschafter distanziert sich „Geschmackloses, martialisches Kampfgeschrei“

05.06.2008 ·  Nach den Entgleisungen in polnischen Massenblättern vor dem ersten EM-Gruppenspiel zwischen Deutschland und Polen spricht der polnische Botschafter in Berlin von „idiotischen Geschmacklosigkeiten“. Auch die seriösen Tageszeitungen des Landes kritisieren ungewohnt einmütig einen „Appell an primitive Instinkte“.

Von Konrad Schuller, Warschau
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Nach den Entgleisungen in der Berichterstattung eines polnischen Boulevardblatts hat der Botschafter des Nachbarlandes, Marek Prawda, scharfe Kritik geübt. „Das ist eine idiotische Geschmacklosigkeit. Ich wünsche dieser Zeitung alles Schlechte, möchte aber darauf hinweisen, dass die seriösen polnischen Medien diese Entgleisung in ihrer Berichterstattung ebenfalls geißeln“, sagte Prawda der Tageszeitung „Die Welt“.

Die Stimmung in den heimischen Zeitungen vor dem ersten EM-Gruppenspiel zwischen Deutschland und Polen am Sonntag in Klagenfurt sei „eigentlich eine völlig andere, sie ist sehr sachlich. Ich finde es besonders schlimm, dass diese Sache in einer Zeit veröffentlicht wird, in der die Fans in Kontakt kommen. So etwas ist völlig unnötig und sollte eigentlich ignoriert werden. Ich bin aber sicher, dass sich eine Koalition der Vernunft durchsetzen wird“, sagte Prawda.

„Leo, bring uns Ihre Köpfe“

Der „Super-Express“ hatte am Mittwoch eine Fotomontage publiziert, auf der Polens Nationaltrainer Leo Beenhakker die abgeschlagenen Köpfe seines deutschen Kollegen Joachim Löw und des deutschen Mannschaftskapitäns Michael Ballack in der Hand hält. Die Schlagzeile lautet: „Leo, daj nam ich glowy!“ („Leo, bring uns Ihre Köpfe“).

Die Boulevardzeitung „Fakt“ wiederum zeigte Beenhakker mit Schwert und Ballack mit Pickelhaube. „Leo, wiederhole Grunwald“, verlangte das Springer-Verlag herausgegebene Blatt in Anspielung an den polnisch-litauischen Sieg bei der Schlacht gegen den Deutschen Orden im Jahr 1410. Beenhakker distanzierte sich am Mittwoch von den martialischen Titeln. (Siehe auch: Vor der EM: Polens Revolverblätter schießen scharf)

Ungewöhnliche Einigkeit

Immerhin hat Polens Botschafter mit seiner Beobachtung recht, dass sich die die seriösen polnischen Medien von der martialischen Berichterstattung distanzieren. Dafür muss in normalen Zeiten eigentlich ein Wunder geschehen, oder eine nationale Tragödie, bevor „Gazeta Wyborcza“ und „Rzeczpospolita“ das Gleiche schreiben. Es muss schon ein Papst sterben, oder Polen muss die Fußball-Europameisterschaft zugesprochen bekommen, damit die beiden einflussreichsten seriösen Tageszeitungen dieses Landes für einen Tag die Giftpfeile von der Sehne nehmen, mit denen sie sich sonst genussvoll wechselseitig eindecken.

Dann ist der permanente Theaterdonner der Warschauer Publizistik unterbrochen, und die scharfzüngigen Kosmopoliten von der „Gazeta“ liegen sich mit den wortgewaltigen Patrioten von der „Rzepa“ für einen Moment der Rührung in den Armen. Einen solchen Augenblick hat es nun wieder gegeben: die „Rzeczpospolita“ und die „Gazeta“ die sonst gerade in Bezug auf Berlin immer wieder liebevoll ihre Feindschaft pflegen, verteidigten am Donnerstag einmütig Deutschland, oder genauer: die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.

„Appell an primitive Instinkte“

Anlass dieser Anomalie waren die ungewöhnlich blutrünstigen Boulevard-Berichte von „Super Express“ und „Fakt“. Gar nicht witzig haben das „Gazeta“ und „Rzepa“ gefunden. So sehr die beiden Zeitungen sonst auch miteinander in Fehde liegen, so sehr widerspiegeln sie nämlich zugleich die in Polen verbreitete Überzeugung, das bei allem Genuss an der gesalzenen Polemik alles von übel ist, was das Land lächerlich macht.

Schon die Zwillinge Kaczynski haben nicht zuletzt deshalb die Gunst der Nation verloren, weil viele Polen zuletzt das Gefühl hatten, die Welt lache sie aus.

Ähnlich geht es jetzt „Fakt“ und „Super Express“. Die „Gazeta“ kritisiert ihr martialisches Kampfgeschrei mit einem freundlichen Hinweis auf den deutschen Pazifismus der Nachkriegsjahre, und die sonst durchaus nicht immer nur freundliche „Rzeczpospolita“ schreibt, mit Deutschland solle man „hart verhandeln“, aber bitte nicht an „primitive Instinkte“ appellieren. Manchmal geschehen ja an der Weichsel noch kleine Wunder.

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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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