24.05.2008 · Nicht drei Spieler werden aussortiert, sondern 23 ausgewählt, heißt die Sprachregelung bei der Fußball-Nationalmannschaft vor der Auslese am Mittwoch. Jones, Marin, Helmes, Neuville, Odonkor und Trochowski sind die Kandidaten, von denen drei „Adios“ sagen müssen.
Von Roland Zorn, PalmaThomas Hitzlsperger freut sich schon auf die kurze Heimreise am Montagnachmittag. „Wir fliegen ja auch nach Deutschland“, hat der Stuttgarter Fußball-Nationalspieler gesagt, „um schönes Wetter zu haben.“ Auf Mallorca nämlich regnete es am Samstag teils heftig, und für diesen Sonntag ist eine Fortsetzung des feucht-grauen Wetters angekündigt.
Verkehrte Welt. Die Nationalmannschaft ist aber auch nicht zum Vergnügen im Golfparadies rund um das edle Mannschaftsquartier in Son Vida, sie arbeitet sich auf der Urlauberinsel Schritt für Schritt voran zur Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, die in knapp zwei Wochen beginnt.
Sonne satt - in Kaiserslautern
Ein Etappenort vor dem Ziel wird am Dienstag Kaiserslautern sein, wo zum Länderspiel gegen Weißrussland Sonne satt und Temperaturen um die 28 Grad erwartet werden. Eine Hitze, von der Hitzlsperger auf Mallorca derzeit nur träumen kann. Immerhin wird der Profi mit den meisten Einsätzen in der Ära des Bundestrainers Joachim Löw (sechzehn) noch am Dienstagabend mit der Gewissheit auf die Balearen zurückjetten, dass er beim großen Saisonfinale dabei sein wird. Von den Streichkandidaten, die mit ihm an Bord sitzen werden, wenn der Flieger vom Rhein-Main-Flughafen zurück nach Palma de Mallorca düst, ist Stammspieler Hitzlsperger weit entfernt.
Wenn Löw bis zum Meldeschluss am Mittwochmittag um zwölf Uhr, High Noon, sein Aufgebot auf die für das Turnier zulässige Größenordnung zurechtstutzt und aus einem Kreis von 26 Kandidaten sein offizielles EM-Personal mit 23 erwartungsfrohen Profis bekanntgibt, werden drei enttäuschte Kollegen ihre Siebensachen packen und gleich wieder nach Hause reisen müssen: in die Wärme, die ihnen kalt vorkommen mag. Doch diejenigen, die gehen müssen, können, das wird ihnen das Trainerteam um Löw am Mittwoch als Trost mit auf den Weg in den Urlaub geben, nach der Europameisterschaft wiederkommen. „Es geht“, sagt der des puren Egoismus nicht verdächtige Hitzlsperger, „um den mannschaftlichen Erfolg und nicht um Einzelschicksale.“
„Wir sortieren nicht drei Spieler aus“
Jermaine Jones, Marko Marin, Patrick Helmes, Oliver Neuville, David Odonkor und Piotr Trochowski, der am Samstag mit Magen-Darm-Problemen flachlag, heißen die Kandidaten, die es bei der Auslese am Mittwoch treffen könnte. Die zuletzt besonders hoch gehandelten Adios-Anwärter sind der Schalker Jones, der Mönchengladbacher Neuville und der Hamburger Trochowski.
Doch wer weiß? Es kann auch noch ganz anders kommen. Hans-Dieter Flick jedenfalls, der Assistent des Bundestrainers, verteilte am Samstag ein dickes Gesamtlob an alle, die auf „Malle“ alles gern und für das große Ganze mitmachen. „Wir sortieren nicht drei Spieler aus“, hob Flick aus Respekt vor jedem einzelnen im Camp hervor, „sondern wir haben einen tollen Kreis dabei und dürfen daraus 23 Spieler auswählen. Das ist eine ganz schwierige Entscheidung, und deshalb wollen wir damit bis zum 28. warten.“
„Wenn es mich treffen sollte, werde ich nicht beleidigt sein“
Alles andere als dieses Procedere, etwa ein „Tschüs bis demnächst“ zwischen Tür und Angel beim Kaiserslauterer Länderspiel, wäre auch reichlich herzlos gewesen. „Wir wollen“, sagt Flick, „die Spieler stilvoll verabschieden. Sie scheiden ja nicht aus dem Kreis der Nationalmannschaft aus, sondern gehören weiter zu unserem erweiterten Kreis.“ Eine kreisrunde Sache wird der Moment, da drei vertraute Gesichter das Trainingslager verlassen müssen, natürlich nicht sein. Andererseits erwecken die Spieler, die es angeht, nicht den Eindruck, für den Fall des Falles in seelische Abgründe zu stürzen. Jermaine Jones, einer aus dem großen Angebot an defensiven Mittelfeldspielern, sagt, „hier dabei zu sein ist für mich wie eine Belohnung. Wenn es mich treffen sollte, werde ich nicht beleidigt sein.“
Wer schließlich adieu sagen muss, dem bleibt noch eine winzige Chance auf baldige Rückkehr. Die drei Profis, die gehen, stehen auf Abruf bis zum Turnierbeginn bereit – für den Fall, dass sich jemand schwerer verletzt. Darüber hoffnungsfroh zu reden verbietet sich von selbst. Und auch eine interne Unterhaltung mit dem Tenor, „wer wohl ausscheidet“, hat Thomas Hitzlsperger dieser Tage nirgendwo in den Kreisen der Nationalmannschaft mitbekommen. Was als Gesprächsthema tabu scheint, ist gleichwohl allgegenwärtig – und wird am Mittwoch konkrete Gewissheit. Bis dahin wird weitertrainiert, als ob auch noch am Donnerstag die bis dahin wieder angekündigte Sonne von Mallorca auf 26 Kandidaten herablächelte.