25.06.2008 · „Schon seit längerem frage ich mich, wer sich den Spielplan der diesjährigen EM ausgedacht hat“, schreibt FAZ.NET-Leser Philipp Fliegner: „Warum spielen die Gruppen nicht über Kreuz?“ FAZ.NET hat Gründe gesucht und gefunden.
Von Achim Dreis und Marc Heinrich, Ascona„Schon seit längerem frage ich mich, wer sich den Spielplan der diesjährigen EM ausgedacht hat“, schreibt FAZ.NET-Leser Philipp Fliegner: „Warum spielen die Gruppen nicht über Kreuz?“ Machen Sie mit: Leser fragen, FAZ.NET antwortet
Man sieht sich immer zweimal im Leben. Manchmal schneller als gedacht. Und manchmal auch bei einer Europameisterschaft. Wie die Spanier und Russen an diesem Donnerstag im zweiten Halbfinale. In der Vorrunde hatten die Iberer ihre Gegner mit 4:1 auseinander genommen. Jetzt stehen sie sich erneut gegenüber. Das ist einer gewöhnungsbedürftigen Modifikation der Europäischen Fußball-Union (Uefa) zu verdanken, die das Turnier-Tableau erstmals so angelegt hat, dass sich bis zum Endspiel immer nur die Teams aus den Gruppen A und B beziehungsweise C und D begegnen.
Dies hat zur Folge, dass die Fußball-EM 2008 genau genommen zwei Parallel-Turniere sind, deren Sieger sich frühestens im Endspiel begegnen können. Interessanterweise standen die Gastgeber Schweiz (A) und Österreich (B) beide in der oberen Hälfte, so dass sie bei erfolgreichem Auftreten spätestens im Halbfinale gegeneinander gekickt hätten.
Gegen Wettbewerbsverzerrung
Mit am lautesten war die Kritik gegen die Veränderung vor der EM übrigens beim Deutschen Fußball-Bund. Doch die Mannschaft von Trainer Joachim Löw ist zweifelsohne ein Gewinner der Neuregelung. In der oberen Tableau-Hälfte tummelten sich die leichteren Gegner, während sich „unten“ die Favoriten aus der „Todesgruppe“ C und der toughen Gruppe D gegenseitig aus dem Weg räumten.
Anstatt auf die stärker eingeschätzten Spanier oder Russen, die die noch höher gehandelten Favoriten Italien und Niederlande eliminierten, trifft der dreimalige Weltmeister Deutschland „nur“ auf die Türkei.
Regenerationszeiten oder Rhythmus?
Präsident Michel Platini und sein Verband wollten mit dem neuen Modus „eine mögliche Wettbewerbsverzerrung durch stark unterschiedlichen Ruhepausen der Teams verhindern“, wie sie betonten. Tatsächlich setzten sich in den Halbfinalpartien der EM 2004, in denen sich nach bewährtem Muster Teams aus den Gruppen A und B mit jenen aus C und D kreuzten, jene beiden Mannschaften durch, die nach ihren Viertelfinals zwei Tage länger ausruhen konnten: Portugal gewann 2:1 gegen Holland und Griechenland 1:0 nach Verlängerung gegen die Tschechische Republik.
Als Gründe für ihr Ausscheiden führten die Verlierer hinterher die vergleichsweise geringere Regenerationszeit an. Diese Ausrede zieht diesmal nicht. An diesem Mittwoch in Basel (Deutschland gegen die Türkei) und am Donnerstag in Wien (Spanien gegen Russland) treffen nur noch Teams aufeinander, deren Pausen sich maximal um einen Tag unterscheiden. Diesen Effekt hätten die Spielplangestalter aber auch erreichen können, hätten sie die Viertelfinalspiele an zwei statt an vier Tagen angesetzt.
Man sieht sich eben immer zweimal
Außerdem stellte sich bei dieser Meisterschaft heraus, dass zu lange Ruhepausen einer Stammelf sich eher kontraproduktiv auf die Leistung auswirkt. „Vorrunden-Europameister“ Niederlande und Portugal wurden Opfer ihrer eigenen Frühform und schieden ausgeruht aus, als es darauf ankam. Die Gegner Russland und Deutschland waren dagegen nach holprigem EM-Start gerade erst in den richtigen Rhythmus gekommen.
Der neue Modus sorgt zumindest dafür, dass ein Kuriosum der Euro 2004 nicht wieder eintreffen kann. Damals trafen Gastgebern Portugal und der vermeintliche Außenseiter Griechenland in den beiden am meisten beachteten Matches aufeinander: im Eröffnungs- und im Endspiel. Man sieht sich eben immer zweimal. So oder so.