20.06.2008 · Bislang ist Kroatien vor allem ein erfolgreiches Kollektiv. Trainer Slaven Bilic prophezeit jedoch, dass sein Spielmacher Luka Modric noch zum Star des Turniers avanciert. Kann der 22-Jährige gegen die Türkei sein Talent beweisen?
Von Elisabeth Schlammerl, WienIn Kroatien ist es leicht, zum „Helden“ zu werden. Ein Tor genügt manchmal schon, um einen festen Platz in den Herzen der Fans zu erobern. Mladen Petric zum Beispiel, der Dortmunder, wird wegen seines Siegtreffers in der Europameisterschafts-Qualifikation gegen England verehrt.
Lukas Modric, den quirligen Spielmacher, lieben sie indes wegen seiner Genialität, weil er mit einem einzigen Zuspiel oder einem Freistoß ein Spiel entscheiden kann. Und fast so gerne haben sie Niko Kranjcar, den hochtalentierten Sohn des früheren kroatischen Nationaltrainers. Oder auch Niko Kovac, weil der Kapitän immer noch hingebungsvoll kämpft.
„Das Kollektiv ist unsere Stärke“
Modric ist mit seinen 22 Jahren wohl der Begabteste in der Mannschaft, aber er ist noch kein „Überflieger“. Bei der EM spielen bisher alle auf ähnlich hohem Niveau. „Das Kollektiv ist unsere Stärke“, sagt Modric. Niemand spricht mehr davon, dass in dem gebürtigen Brasilianer Eduardo der zuletzt erfolgreichste Stürmer verletzt fehlt.
Die Geschlossenheit ließ das Team zu einem Geheimfavoriten reifen, das sich im Viertelfinale an diesem Freitag in Wien mit den taktisch vielleicht weniger gewieften, aber bis zur letzten Minuten leidenschaftlich kämpfenden Türken auseinandersetzen muss. Aber diesem Ansturm sehen die Kroaten gelassen entgegen. „Es ist nicht so wichtig, wie viel du rennst, sondern wie du rennst“, hatte Niko Kovac schon vor dem Turnier gesagt.
Klasnic vergleicht Modric mit Cruyff
Die Vorrundengegner spielten den Kroaten allerdings in die Karten, weil sie - mit Ausnahme von Österreich in der letzten halben Stunde - kaum richtigen Druck ausübten auf die Abwehr. Die Innenverteidigung galt vor der Europameisterschaft als Schwachpunkt, weil Robert Kovac und Josip Simunic keine besonders gute Saison gespielt hatten in Dortmund und in Berlin. Bei der Euro unterlief den beiden bisher kaum ein Fehler. Aber wie gut sie tatsächlich in Form sind, konnten sie noch gar nicht zeigen.
Dabei verzichtet Trainer Slaven Bilic auf die sichere Variante mit der „Doppelsechs“. Er bietet in Niko Kovac in der Regel nur einen Abräumer vor der Abwehr auf - und dafür in Luka Modric, Ivan Rakitic und Nico Kranjcar gleich drei gelernte Spielgestalter. Hinten setzt Bilic auf die Routine und vorne auf die Jugend. Rakitic und Kranjcar machen auf den Flügeln Druck, und Modric lenkt das Spiel im Zentrum.
Das Leichtgewicht, das künftig bei den Tottenham Hotspurs in der Premier League unter Vertrag steht, ist dribbelstark, aber führt den Ball nicht unnötig lange, sondern sucht sofort die Lücke für den schnellen Pass. Für seinen Trainer ist Modric dank des überragenden Spielverständnisses „ein Genie“. Sein Kollege Ivan Klasnic vergleicht ihn gar mit Johan Cruyff, dem holländischen Spielmacher der siebziger Jahre. Bilic traut ihm zu, dass er der beste Spieler des Turniers wird. Bisher ist Modric nur Teil eines erfolgreichen Kollektivs - man wird sehen, wie diese Geschichte weitergeht.