17.06.2008 · Der WM-Dritte Deutschland hat die Vorrunde überstanden. Doch damit enden auch schon die guten Nachrichten. Ein Befreiungsschlag für ein unter Druck geratenes Konzept sieht anders aus.
Von Michael HoreniDer neue deutsche Fußball-Albtraum - er hat nicht stattgefunden: Dreißig Jahre nach Córdoba markiert die Chiffre Wien nun weder den neuen deutschen Tief- noch den österreichischen Höhepunkt in dieser ungleichen Fußball-Geschichte voller Rivalität. Der WM-Dritte Deutschland hat nach einem 1:0-Sieg die Vorrunde überstanden und trifft nun im Viertelfinale auf Portugal.
Doch damit enden auch schon die guten Nachrichten, die von diesem ganz besonderen Nachbarschaftsduell ausgingen, in dem die Deutschen jedoch nie den Eindruck hinterließen, zu ihrer Form, zu ihrer Einstellung und zu ihrer Rolle als selbsternannter Turnierfavorit gefunden zu haben. Von den großen Ankündigungen des Bundestrainers der vergangenen Tage blieb beim deutsch-österreichischen Ernstfall in Wien jedenfalls nicht viel übrig. Joachim Löw hatte sich schon nach dem zweiten Gruppenspiel ankreiden lassen müssen, dass er es nach dem Auftaktsieg gegen Polen nicht geschafft hatte, die Überheblichkeit seiner Mannschaft zu erkennen und ihr entgegen zu wirken.
Von spielerischer Überlegenheit kaum etwas zu sehen
Beim Showdown von Wien gelang es ihm wiederum nur unzureichend, sein Team von Beginn an auf diese schwierige Situation einzustellen. Im Duell des WM-Dritten gegen die Nummer 92 der Weltrangliste war von spielerischer oder taktischer Überlegenheit kaum etwas zu sehen - Lukas Podolski blieb wieder einmal der einzige Deutsche, der wenigstens für sich einen Weg bei dieser Europameisterschaft gefunden hat.
Das Team war jedoch nie mehr als die Summe seiner Einzelteile. Mehr als ein paar gute Phasen einzelner Spieler - mal Klose, mal Lahm - gab es lange nicht. Als Mannschaft funktionierte Löws Auswahl erst etwas besser, als sie nach knapp fünfzig Minuten in Führung gegangen war und sich damit des größten Drucks entledigt hatte. Einen bezwingenden Rhythmus fand sie aber auch danach nicht. Typisch, dass alleine der großartige Freistoß von Michael Ballack den Unterschied an diesem Abend ausmachte. Es war ein singulärer Kraftakt.
Ein Befreiungsschlag sieht anders aus
Die Unentschlossenheit des Bundestrainers, sein Mangel an Mut machte sich diesmal an der Aufstellung fest, die genau eine einzige Änderung zur Partie gegen Kroatien vorsah - und auch diese war der Verletzung von Marcell Jansen geschuldet. Löw wollte in Wien partout seinen Weg weitergehen, personell und inhaltlich. Aber auch wenn der Einzug ins Viertelfinale glückte, ein Befreiungsschlag für ein unter Druck geratenes Konzept sieht anders aus.
Löw gelang es auch gegen die bemühten, aber keineswegs hochklassigen Österreich nicht, absolute Willensstärke und die letzte körperliche Energie in seinem Team zu wecken. Sein Plan, vorrangig durch taktische Finessen der Konkurrenz voraus zu sein, blieb ein strategischer Fehler. Die großen WM-Stärken Leidenschaft, Kraft und Offensivgeist sind allzu sehr in den Hintergrund getreten. Die von Löw selbst gesetzten Schwerpunkte konnten dies bisher nicht wettmachen. Vielleicht hat der Bundestrainer ja von der Tribüne aus gesehen, dass dieser Weg droht, in die Sackgasse zu führen.