Jürgen Klinsmann hat sich zu Wort gemeldet. Vor dem Spiel gegen Kroatien. Er hatte alle Spiele bei der Europameisterschaft beobachtet, und ein Detail fand dabei die besondere Aufmerksamkeit des früheren Bundestrainers. Bei fast allen Begegnungen hat am Ende auch jene Mannschaft gewonnen, die das erste Tor erzielte. Klinsmann hat daraus geschlossen, dass es immer wichtiger werde, „mit Schwung, Elan und Körpersprache auf diese Führung zu drängen“.
Das ist nun nicht gerade neu, denn es ist ziemlich genau die Essenz seines Konzepts vom Fußball auf Spitzenniveau, das er zwei Jahre lang in Deutschland gepredigt hat. Am Donnerstag war dieses Erfolgsmodell dann auch wieder bei der Europameisterschaft zu besichtigen. Allerdings nicht mehr in seiner deutschen Variante. Wer in Klagenfurt die Kroaten auf dem Platz und ihren Trainer Slaven Bilic an der Seitenlinie beobachtete, der bekam genau diese Extraportion an wildentschlossener Körpersprache und höchstem Elan des verflossenen deutschen Sommermärchens zu sehen. Am Ende ordnete Joachim Löw sein Sakko, und die deutschen Spieler flüchteten in die Kabine. Der Klinsmann-Faktor war schon vorher verschwunden.
Die bitterste Lehrstunde als Bundestrainer
Leidenschaft kann man lernen - und verlernen. Klinsmanns Nachfolger hat seine Projekt 08 unter das Motto Vorsprung durch Taktik gestellt. Es ist sozusagen Fußball für Fortgeschrittene, der seine Spieler bei der Europameisterschaft noch immer zum Titel führen soll - aber nun gegen Österreich um seine Existenz kämpfen muss. Löw hat seine Mannschaft zusammen mit dem Taktikfachmann Urs Siegenthaler stetig fortgebildet, und der Bundestrainer war überzeugt, dass ihn und sein Team nichts und niemand mehr würde überraschen können.
Das 1:2 gegen Kroatien wurde daher für Löw zu seiner bittersten Lehrstunde als Bundestrainer. Taktisch fand seine Mannschaft nie ein geeignetes Mittel gegen das variable Mittelfeld- und Angriffsspiel der Kroaten. Taktik können eben auch andere - und so wurde gegen die Kroaten auf erschreckende Weise der Mangel an den anderen Klinsmann-Komponenten deutlich: Emotion, Leidenschaft und - auch das - Disziplin. Die mit Rot bestrafte Unbeherrschtheit Schweinsteigers und dessen anschließendes Vogel-Zeigen gegen die Kroaten war mehr als nur ein Fingerzeig auf eine Leerstelle im System Löw.
Wie eine Mannschaft innerhalb von vier Tagen nach einem starken Auftritt gegen Polen einen solchen Absturz erleben kann, ist eben nicht nur einer taktischen Fehlleistung allein geschuldet. Dafür war das Versagen des deutschen Teams zu komplett. Die Gründe reichen tiefer bei einer Mannschaft, die körperlich vielleicht nicht so perfekt wie 2006 vorbereitet ist, aber sich dennoch in einem guten Zustand befindet. Es ist dem Trainer und dem Team nicht gelungen, in dem Moment, als sich das taktische Werkzeug als unbrauchbar herausstellte, alle Kräfte zu mobilisieren. Das ist im Kern eine Frage der Motivation und der Emotion.
Die Defizite erschüttern Team und Trainer
Die Selbstzufriedenheit im deutschen Fußball, der Klinsmann einst konsequent den Kampf angesagt hatte, kehrte schon in den vergangenen Monaten zurück in die Nationalmannschaft, anfangs nahezu unmerklich. Gegen Kroatien war der Mangel an Leidenschaft und unerschütterlichem Siegeswillen nicht mehr zu übersehen.
Die Defizite erschütterten das Team und seine Trainer. Nun wird sich zeigen, ob der Fußball-Lehrer Löw einen Weg aus dieser Krise findet, der schwersten seit er zusammen mit Klinsmann vor vier Jahren die Nationalmannschaft erneuerte. Der Bundestrainer wird sich nicht neu erfinden können. Auch wenn Löw seine Finger in die Steckdose steckt, wird aus ihm kein Klinsmann. Der Bundestrainer muss jetzt seinen eigenen Weg finden. Das wird die schwierigste Aufgabe seiner Amtszeit.
gute Analyse
H.R. Jakob (mcjakob)
- 14.06.2008, 13:01 Uhr
Zwergenlupen...
Benno Wagner (bennowagner)
- 15.06.2008, 03:01 Uhr
