26.06.2008 · Die Berliner Fanmeile quoll beim Halbfinalsieg der deutschen Nationalmannschaft über vor Menschen. Unter den rund 400.000 Fans waren aber nur wenige Anhänger der türkischen Mannschaft. Der Sieg der deutschen Elf sorgte am Ende für ein Gefühl des Fast-Europameister-Seins.
Von Alex Westhoff, BerlinDamals, 1954, als Rahn aus dem Hintergrund schießen musste, da ging man noch zum „Public Listening“. Das ganze Land lauschte den Taten seiner Fußballer am Radio. Die Zeiten haben sich geändert: Public Viewing ist angesagt. Wobei „viewing“ gestern Abend beim Spiel Deutschland gegen die Türkei ein verwegenes Wort war.
400.000 Fans strömten auf die Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule – wer da nicht groß gewachsen, drei Stunden vor Anpfiff da oder spitze Ellenbogen hat, sah wenig. Und wer zu spät kam, blieb außen vor: wegen Überfüllung geschlossen. Mehr Begeisterung geht nicht.
Türken in der Unterzahl
Drinnen erlebte der rauschhafte WM-Sommer 2006 ein würdiges Comeback. All die schwarz-rot-goldenen Fähnchen müssen die WM irgendwie überlebt haben oder wurden flugs durch Neuware ersetzt. Nur vereinzelt sah man versprengte rote Punkte im schwarz-rot-goldenen Menschen- und Fahnenmeer. Die türkischen Fans waren klar in der Unterzahl.
Impressionen von der Fanmeile: Die Renaissance des rauschhaften WM-Gefühls
Beim türkischen Führungstreffer übertönte das grimmige Raunen der Deutschen sogar den Jubel der Türken. Es sollte ein friedliches Fußballfest werden. Die türkischen Fans ließen sich auch nicht provozieren, als ihre Hymne aus vielen Kehlen niedergebuht wurde.
1500 Polizisten im Einsatz
Da war das lahme Vorprogramm auf der Bühne unter dem Brandenburger Tor noch nicht lange vorüber und ein befreiender Jubel aus Hunderttausenden Kehlen fegte über die Fanmeile, als die Regie endlich auf die ZDF-Übertragung schaltete. Manche Zeitgenossen bekamen davon schon nichts mehr mit.
Sie sahen nicht ein, das mitgebrachte Hochprozentige am Eingang abgeben zu müssen, übertrieben es aber mit dem „Vorglühen“ und endeten in einem seligen Schlaf auf einer Wiese im Tiergarten. Diesen hatten die Behörden vorsorglich schützen lassen vor den Tausenden Litern Urin, die 2006 noch in den Boden gesickert waren. Die Fanmeile war rundherum eingezäunt, über 1500 Polizisten waren im Einsatz.
Toupiert, gegelt, geklebt oder gesprayt in Schwarz-Rot-Gold
Der Einsatz des deutschen Teams begeisterte die Fans natürlich in der Anfangsphase zunächst weniger. Die Menge war so ruhig wie Hunderttausende sein können. „Ach ja“, rief Titus, der in Berlin studiert, und kramte in seiner Tasche. Zum Vorschein kam ein zerfleddertes, entfernt an die Farben Schwarz-Rot-Gold erinnerndes Schweißband. „Schon gegen die Kroaten hatte ich es vergessen. Jetzt kann nichts mehr schief gehen.“
Er sollte recht behalten: Eine Minute später fiel das 1:1 durch Schweinsteiger – und ein Jubelorkan schwoll an, der bestimmt bis Berlin-Kreuzberg deutlich zu hören war. Alles hüpfte, alles schrie – da war es wieder, das WM-Gefühl. Die drei Riesenleinwände, die sich über die Fanmeile verteilten, schienen unter dem Jubel zu beben. Das wurde nur noch durch eins getoppt: das 2:1 von Klose. Hatte es sich also doch gelohnt, sich derart zurecht zu machen.
Singen, Tanzen, Schunkeln, Bald-Europameister-Sein
Viele Fans hatten sich sicher frei genommen, die Uni oder die Schule geschwänzt, um sich solch ein Styling zu verpassen. Man sah die irrsten Frisuren, toupiert, gegelt, geklebt oder gesprayt in Schwarz-Rot-Gold. Wer nur Trikot, Schal, Blumenkranz um den Hals und Farben im Gesicht trug, fiel hier gar nicht mehr auf. Ein Bodypainting von Kopf bis Fuß musste es schon sein.
Am Schluss, als sich die Fans vom späten 2:2 der Türken erholt und Philipp Lahm in der 90. Minute das erlösende 3:2 geschossen hatte, verschwamm die Masse wieder zu einem einzigen Jubelpulk – der Rest war nur noch Singen, Tanzen, Schunkeln, Bald-Europameister-Sein.
Auch in anderen Städten versammelten sich Zehntausende, um gemeinsam bei mitzufiebern. Das Münchner Olympiastadion war mit mehr als 30.000 Fans lange vor Spielbeginn brechend voll. In Nürnberg kamen rund 25.000 Menschen zusammen, die Hälfte Türken. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz versammelten sich rund 40.000 Menschen. Auf dem Frankfurter Rossmarkt und der nahe gelegenen Konstablerwache wurden rund 10.000 Menschen geschätzt. Rund 42.000 deutsche und türkische Fans verfolgten in Hamburg das Spiel. (Siehe: Public Viewing: Deutscher Jubel, türkische Tränen)