06.06.2008 · Die Geschmacklosigkeiten der polnischen Boulevardpresse nannte Leo Beenhakker „schmutzig und krank“. Aber der Niederländer liebt die Herausforderung, als erster Ausländer die polnische Mannschaft zu trainieren. Im FAZ.NET-Interview spricht er über holländische Trainer und junge polnische Talente.
Die jüngsten Geschmacklosigkeiten der polnischen Boulevardpresse nannte Leo Beenhakker „schmutzig und krank“. Aber der Niederländer Beenhakker liebt die Herausforderung, die polnische Mannschaft zu trainieren. Als erster Ausländer im Amt des Nationaltrainers war er öffentlich umstritten, doch er ließ die Kritiker verstummen, indem er die Mannschaft taktisch felxibel machte und so zur ersten EM-Teilnahme führte. Der 65 Jahre alte Trainer war nie Fußballprofi, aber als Trainer gibt es kaum einen, der mehr erlebt hat als er. Im FAZ.NET-Interview spricht er über holländische Trainer und junge polnische Talente.
Die Frage nach dem einzigen Nachbarland, das noch nie gegen Deutschland gewann, kennen Sie bestimmt schon?
Ich weiß, ich weiß. Bis jetzt haben mir ungefähr eine Million Leute erklärt, dass Polen noch nie gegen Deutschland gewonnen hat. Das ist hier sehr lebendig.
Neuvilles 1:0 gegen Polen 2006 war wie ein Urknall für die WM-Stimmung in Deutschland. Ist die polnische Mannschaft, die am Sonntag in Klagenfurt gegen Deutschland antritt, stärker als die vor zwei Jahren in Dortmund?
Ja, ganz sicher. Man hat das schon daran gesehen, wie stark wir die Qualifikation gespielt haben. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir so weitermachen. Ob das reicht, um bei der EM erfolgreich zu sein, ist eine andere Frage.
Und die deutsche Mannschaft, ist sie stärker als 2006?
Das weiß ich nicht, das ist nicht mein Problem. Gott sei Dank. Ich weiß, dass die letzten Europameisterschaften für Deutschland nicht erfolgreich verlaufen sind. Aber Deutschland ist immer Deutschland. Sie sind immer da, immer dabei, und wenn sie das Glück haben, die ersten Spiele zu überstehen, ist es eine Mannschaft, die in einem Turnier wächst. Für mich immer eine der stärksten Mannschaften der Welt.
Gute Qualifikationen hat Polen auch schon vor den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 gespielt, dann aber bei den Turnieren kein Bein auf den Boden bekommen. Fehlt die Siegermentalität?
Das habe ich auch versucht herauszufinden. Mein Eindruck: Es lag nicht an fehlender Siegermentalität. 2002 und 2006 hat die Mannschaft die Spiele mehr im Umfeld verloren als auf dem Platz. Das ist nun auch der große Kampf für mich. Wenn ich ein Spiel verliere, dann will ich es auf dem Platz verlieren und nicht im Umfeld.
Sie haben mit Trinidad und Tobago bei der WM ein kleines Fußballmärchen erlebt. Was bewog Sie, nach Polen zu gehen?
Ich bin in einer Phase meiner Karriere, dass ich vierzig Jahre arbeite, meistens als Klubtrainer, und wenn man so lange arbeitet, sucht man für sich eine Extramotivation. Mit Trinidad und Tobago zur WM zu kommen, das war etwas Unmögliches - wir haben es geschafft.
Und Polen?
Da hatte ich das Gefühl, dass das Team bei der WM seine Möglichkeiten nicht ausgeschöpft hatte. Der Glaube daran, dass ich die Leute besser machen könnte, das war die . . . wie heißt "challenge" auf Deutsch? . . . Herausforderung . . ., das war die Herausforderung. Die Extramotivation, weiterzumachen. Ich liebe das, ich liebe Herausforderungen.
Sie sagten einmal, das Schönste als Trainer sei es, täglich mit einer Mannschaft zu arbeiten, egal ob das nun Real Madrid sei oder eine U-17-Nachwuchsauswahl. Warum arbeiten Sie dann nicht mehr als Klubtrainer, da hätten Sie das Tag für Tag?
Man muss Realist sein. Sieben Tage pro Woche 24 Stunden Trainer sein, das habe ich fast vierzig Jahre gemacht. Ich könnte das noch immer, das weiß ich. Aber das Schöne an dieser Arbeit als Nationaltrainer ist: Jedes Spiel ist ein Finale, jedes Spiel ist entscheidend, das ist sehr aufregend. Das Schöne ist auch: Man arbeitet fünf, sechs Wochen sehr intensiv, rund um ein Spiel, und danach ist wieder Ruhe, ein, zwei Wochen lang.
Sie brauchen mehr Ruhe als früher?
Man muss realistisch sein, wenn man 65 Jahre ist. Ich fühle mich nicht wie 65. Ich liebe meinen Beruf, meine Arbeit, es ist das Schönste, was ich machen kann in meinem Leben, aber . . .
. . .Sie sind noch jung: Rehhagel und Aragonés sind 69, Brückner ist 68.
Aber sie sind alle Nationaltrainer.
Sie vermissen nichts?
Doch, ich muss ehrlich sagen, dass es manchmal weh tut, wenn ich meine Nationalspieler am Tag nach einem Spiel wieder gehen lassen muss. Es gibt kein Weitermachen nach einem Spiel wie im Klub. Dort arbeitet man gleich an den Fehlern, die man gemacht hat, an der Routine. In diesem Sinne bin ich noch Klubtrainer. Ich will weitermachen, immer weitermachen mit den Leuten.
Kann man als Nationaltrainer Spieler noch technisch verbessern?
Nein, nicht in dieser kurzen Zeit. Das Wichtigste ist, innerhalb weniger Tage ein richtiges Team zu formen und die Spieler hundertprozentig präpariert ins Spiel zu bringen. Wenn sie von ihren Vereinen kommen, hat jeder andere Gedanken. Der eine hat nicht gespielt, nur auf der Bank gesessen, ist böse. Der andere hat gespielt, ist müde. Der Dritte war gar nicht dabei, hat nur auf der Tribüne gesessen. Es ist schön, die Köpfe der Spieler aufzuräumen und sie auf einen gemeinsamen Gedanken zu bringen.
Sie haben viele Spieler aus der polnischen Liga berufen. Stürmer Eby Smolarek, der in Holland aufwuchs und nie in Polen spielte, hat gesagt, von vielen kannte er nicht einmal die Namen. Hat sich das bewährt?
Als ich kam, bestand die Mannschaft vor allem aus Spielern aus dem Ausland. Ich schaute mich um im Land und fand junge Spieler, die noch nicht gut genug für die Nationalmannschaft waren, aber das Talent hatten. Es ist schön, dass mehrere von den jungen Spielern, die ich 2006 aus polnischen Vereinen ins Nationalteam holte, schon ein Jahr später auch im Ausland spielten, wie Blaszczykowski in Dortmund. Polen hat viele Talente. Was fehlt, ist ein gutes Jugendsystem, eine gute Ausbildung.
Wie äußert sich das?
In Holland sind Spieler mit 17, 18 Jahren schon fertig, technisch ausgereift. Hier sind sie erst mit 21, 22 Jahren so weit. Es ist meine Aufgabe, die jungen Spieler auf internationales Niveau zu bringen.
Auch im Hinblick auf die EM 2012 in Polen und der Ukraine?
Nein, für die WM 2010. 2012 ist weit weg. Wir haben viele Extra-Trainingslager gemacht für Spieler in Polen, haben die lange Winterpause ausgenutzt. Es war gut zu sehen, dass sie, wenn sie eine Woche zusammen sind, unglaublich schnell besser werden.
Ist es ein Vorteil, nicht auf Spieler aus den Topligen angewiesen zu sein Profis aus England oder Spanien, mit langer Saison und Champions League, waren bei den letzten WM- und EM-Turnieren oft nicht mehr in Topform.
Das stimmt. Es ist gut, frisches Blut zu haben. Aber die Fitness ist nicht das Wichtigste. Für mich ist am Ende immer der reine Fußball entscheidend.
Niederländische Trainer sind begehrt und erfolgreich, auch in der Bundesliga. Gibt es eine holländische Handschrift?
Ja, das glaube ich. Es gibt heute mehr als hundert holländische Trainer in aller Welt. Erstens haben wir eine sehr gute Trainerausbildung. Zweitens sind wir, als kleines Land, in unserer Geschichte immer in die Welt gegangen. Wir sind nicht so fokussiert auf Holland, wir sind Weltbürger. Wir haben den Vorteil, dass wir im Allgemeinen mehrere Sprachen sprechen, mit anderen Kulturen gut umgehen können, flexibel sind. Und wir lieben das Abenteuer.
Was früher Händler und Seefahrer waren, sind heute die Trainer?
Hör mal, ich arbeite seit vierzig Jahren als Trainer, und ich kann mir nicht vorstellen, vierzig Jahre in Holland zu arbeiten. Ich liebe mein Land, aber ich habe immer das Gefühl gehabt, es gibt mehr als Holland. Es ist hervorragend, in eine andere Kultur zu kommen, sie kennenzulernen und die eigene Idee von Fußball zu übersetzen in diese neue Kultur. Von Trinidad, wo jeden Tag Karneval ist, nach Polen, das ist eine ganz andere Welt - aber die Herausforderung bleibt die gleiche.
Sie haben sich aber auch kritisch über die Niederlande geäußert, über die Entwicklung des islamischen Einflusses im Land.
Das ist ein großes Problem. Ich bin noch immer stolz, Holländer zu sein, aber ich fühle mich nicht mehr wohl in Holland. Es verliert seine eigene Identität. Das hat nichts zu tun mit Rassismus. Die Leute sind alle willkommen, und ich verstehe, dass sich jeder eine Zukunft aufbauen will, in welchem Land auch immer. Aber man darf nicht seine eigene Identität verlieren.
Sie haben nach der EM-Qualifikation von Präsident Kaczynski den Orden "Polens Wiedergeburt" bekommen, einen der höchsten im Lande. Doch immer noch gibt es Widerstände in Polen gegen den ersten Ausländer als Nationaltrainer.
Als ich kam, war das ein großes Problem. Viele Leute hatten damit große Schwierigkeiten. Polen sind sehr stolze Leute. Es bleibt ein heißes Thema. Auch in Deutschland wäre das so. Wenn man morgen Mourinho zum Bundestrainer ernennen würde, dann hieße es: Wie kann man nur? Das Wichtigste ist: Die Fans sind hervorragend, sie glauben an die Mannschaft. Die Stimmung ist sehr positiv. Aber in den Medien haben immer noch einige ein Problem damit, dass ich keinen polnischen Pass habe.
Was ist die wichtigste Veränderung der letzten zehn Jahre im Fußball?
Es ist immer weniger Zeit auf dem Platz, immer weniger Raum auf dem Platz. Zugleich ist die Verantwortung der Spieler viel größer geworden. Die Konsequenz von Verlieren oder Gewinnen ist unheimlich groß geworden. Die Spieler müssen mental sehr stark sein, um dabei auf hohem Niveau Fußball zu spielen. Darauf muss man sie vorbereiten. Der Gewinn an Persönlichkeit der großen Mannschaften, die Art, wie sie mit Stress umgehen, das ist großartig. Wir haben eine sehr starke Generation im mentalen Bereich.
Rijkaard hat sich damals zu der Spuck-Attacke auf Völler hinreißen lassen, im WM-Achtelfinale 1990, als Sie ein holländisches Nationalteam betreuten, das Weltmeister hätte werden können.
Was konnte ich machen? Das sind Dinge, die passieren. Das ist die Frustration dieses Berufs. Man hat 70, 80 Prozent in der Hand, die Vorbereitung der Spieler, der Mannschaft. Aber kein Trainer kann sich vorbereiten auf eine Rote Karte von Rijkaard. Man muss das akzeptieren.
Ihr beliebtestes Zitat in Deutschland ist Ihre schlagfertige Antwort auf die Frage: "Können Sie erklären, wie dem deutschen Fußball geholfen werden kann?" Ihre Gegenfrage: „Haben Sie eine Stunde Zeit?“
Ja, das war nach einem Spiel mit Feyenoord 1999, wir hatten gegen Stuttgart im Uefa-Cup gewonnen. Natürlich war das ein Spaß.
Und heute: Könnten Sie es auch in weniger als einer Stunde erklären?
Ja, doch. Aber erst nach dem Spiel.
Fakt = Axel Springer Verlag
Peter Kratz (thomaster)
- 06.06.2008, 16:21 Uhr