27.03.2008 · Beim 4:0 gegen die Schweiz konnte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft den zuletzt spürbaren Abwärtstrend recht eindrucksvoll stoppen. Die Perspektiven für die EM scheinen wieder hell zu leuchten.
Von Roland Zorn, BaselDie deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat ihre Generalprobe für das Europameisterschaftsturnier in der Schweiz und Österreich mit viel Elan, Kampfgeist und spielerisch überzeugenden Momenten glänzend bestanden. Der deutliche 4:0-Erfolg am Mittwochabend im Basler St.-Jakob-Park beim Mitausrichter Schweiz war das Werk eines entschlossenen, willensstarken Teams, das sich nach anfänglichen Problemen von der verbissenen Spielweise seines Gegners nicht irritieren ließ.
Überragender Spieler war der zweifache Stuttgarter Torschütze Mario Gomez (58. und 67. Minute). Die Führung hatte Gomez' Partner Miroslav Klose (23.) erzielt. Den Schlusspunkt in dieser zuletzt einseitigen Partie setzte Podolski (89.). Damit wartet die Schweiz seit November 1956 weiter auf einen vollen Erfolg gegen die Deutschen.
Die Perspektiven für die EM scheinen wieder hell zu leuchten
Die Auswahl von Trainer Jakob Kuhn mag sich nach wie vor für einen Mitfavoriten der EM halten, doch diese Rolle spielte am Mittwoch allein das deutsche Team, das sich ganz anders als zuletzt beim 3:0-Sieg gegen den zweiten WM-Gastgeber Österreich präsentierte. Bundestrainer Joachim Löw durfte sich für seine behutsame Personalpolitik fürs Erste bestätigt sehen, meldeten doch alle Profis, die in Basel dabei waren, ihren Anspruch auf höchst aktive Teilnahme am EM-Turnier nachhaltig an. Den zuletzt spürbaren leichten Abwärtstrend jedenfalls konnte die deutsche Mannschaft in Basel recht eindrucksvoll stoppen. Die Perspektiven für die EM scheinen wieder hell zu leuchten.
Das 800. deutsche Länderspiel und das 50. gegen den Lieblingsgegner waren die statistischen Randnotizen zu der Begegnung in der von Löw sogenannten „Festung“ der Schweizer während der Europameisterschaft. Im St.-Jakob-Park musste sich hüben wie drüben eine Reihe von Spielern noch einmal empfehlen und bewähren, um ihren Anspruch auf einen Stammplatz beim großen Sommerturnier zu untermauern.
Knochenhart geführte Zweikämpfe
Bei den Deutschen zum Beispiel der kaum geprüfte Torhüter Jens Lehmann, der am 6. Februar beim 3:0-Sieg in Wien gegen Österreich, gelinde gesagt, suboptimal in Form war; zum Beispiel das im Laufe der Partie immer stabilere Innenverteidigerduo Mertesacker und Westermann; zum Beispiel der in der Bundesliga mal flotte, mal blockierte, diesmal sehr agile Schweinsteiger. Und dann war da noch die Frage, wie gut der bei seinem Wiedereinstand noch mäßig auffallende Kapitän Michael Ballack sein Team lenken werde. Prüfer Löw bekam reichlich Gelegenheit, sein Personal unter den Bedingungen eines verbissenen Kampfspiels auf schwerem Geläuf zu studieren. Die Partie ließ sich so „hochintensiv“ an, wie Löw es prophezeit hatte.
Zunächst bestimmten eher die mit fünf Deutschland-Profis angetretenen Schweizer die Partie: mit ihrem inbrünstigen Pressing und der Fähigkeit, die Deutschen in knochenhart geführte Zweikämpfe zu verwickeln. Das sah fast britisch aus, wie die Mannschaft von Trainer Jakob Kuhn die Partie zu dominieren versuchte. Löws Aufgebot hatte jedenfalls eine Zeitlang Mühe, so etwas wie Struktur in die eigenen Aktionen zu bringen, wirkte aber bei seinen wenigen Offensivaktionen bedrohlicher als die Schweizer.
Unachtsamkeiten gegen die Mannschaft in Weiß und Schwarz, das deutete sich früh an, würden wohl Konsequenzen haben. Und so fiel auch das 1:0 für Deutschland, als sich der in der Liga zuletzt überaus treffsichere Stuttgarter Gomez nach Schweinsteigers Steilvorlage auf der rechten Seite durchsetzte und aus spitzem Winkel aufs Tor schoss. Dass der sonst beim VfL Wolfsburg beschäftigte Schlussmann Benaglio den Ball für Klose durchließ, der mühelos vollendete (23.), war Glückssache für den fast überraschten Schützen.
Die Schlussphase: Ein Heimspiel für die Deutschen
Danach kam mehr Spielfluss in die effektiver angelegten deutschen Kombinationen, während es die Schweizer bei allem Vorwärtsdrang an Klarheit im Spiel fehlen ließen. Bei Halbzeit hatten sich vor allem die motorischen Mittelfeld-Antreiber Schweinsteiger, Ballack und vor allem Hitzlsperger sowie der reißerische Gomez gegen viel Widerstand immer wieder durchgesetzt. Auch die anfangs noch verwundbar anmutende deutsche Innenverteidigung festigte sich, so dass sich der beim FC Arsenal zurzeit inaktive Lehmann 45 Minuten lang eines recht ruhigen Abends erfreuen konnte.
Daran sollte sich nach der Pause nichts Entscheidendes ändern, zumal die Schweizer Zuschauer unter den 38.500 im ausverkauften Stadion nach dem Torvorbereiter nun auch den Torschützen Mario Gomez richtig kennenlernen sollten. Nutzte der Schwabe mit spanischem Blut Lahms feine Vorarbeit in der 53. Minute noch nicht zielsicher aus, schlug er fünf Minuten später zu. Diesmal griff Passgeber Fritz niemand an im Mittelfeld, gegen den folgenden halbhohen Schuss des VfB-Stars von der Strafraumgrenze war Benaglio dann machtlos. Der zweite Streich des Schwaben folgte in der 67. Minute nach Vorarbeit des inzwischen eingewechselten und munter mitspielenden Podolski. Allein gegen Benaglio ließ der zweitbeste Ligatorschütze dem Keeper aufs Neue keine Chance.
Der Rest war ein Heimspiel für die Deutschen, so dass Gomez nach getaner Wertarbeit schon nach 75 Minuten gehen durfte. Doch auch mit dem zweiten Sturm Podolski/Kuranyi wirkte Löws Team noch gefährlicher als das der Schweizer, was Podolskis locker erzielter Treffer zum 4:0 kurz vor Abpfiff bewies. Groß waren am Ende dieses Abends die Qualitätsunterschiede zwischen einem tatsächlichen und einem vielleicht doch nur eingebildeten EM-Mitfavoriten.