02.06.2008 · Der Weltmeister in der „Todesgruppe“: Vor den Konkurrenten Frankreich und Niederlande hat Italiens Trainer Donadoni keine Angst - aber vor den Rumänen. Doch es gibt noch andere Sorgen bei der Squadra Azzurra. Teil 11 der FAZ.NET-Euro-Vorschau.
Roberto Donadoni hätte allen Grund, sich vor der Fußball-Europameisterschaft 2008 vor Sorge im Halbschlaf durch sein Bett zu wälzen. Lospech beispielsweise oder der immense Druck aus der Heimat, der Rücktritt von Superstar Francesco Totti, Formprobleme, und und und. Donadoni jedoch, ewig umstrittener Trainer des Weltmeisters Italien, offenbarte vor der Endrunde in Österreich und der Schweiz ein überraschendes kleines Geheimnis.
„Duelle mit Frankreich und der Niederlande in unserer 'Todesgruppe' bereiten mir kein Kopfzerbrechen. Aber die Rumänen rauben mir zurzeit den Schlaf“, sagte der „Allenatore“ angesichts der anstehenden Aufgaben. Denn eins ist klar: Der calcio-verrückte Stiefelstaat erwartet - mit dem Weltmeister-Pokal im Schrank - von Donadoni selbstverständlich den Titel. Vermeintliche Stolpersteine wie eine rumänische „Nobody-Auswahl“ werden nicht ernst genommen - zumindest nicht von den Tifosi.
„Bei schlechtem Abschneiden gehe ich von selbst“
Donadoni wirkt dagegen - wie immer - sehr konzentriert und ernst. „Ich habe die Schwere der Aufgaben nie bestritten, aber ich klage nicht darüber. Wir haben eine großartige Mannschaft aufgebaut, die einiges leisten kann“, meint Donadoni, lässt aber die Hintertüre offen: „Es wäre absurd, mich an der Vergangenheit zu messen.“ Nichts anderes jedoch wird geschehen.
Die Situation Donadonis ist recht simpel: Der Titel bringt Jobsicherheit, ein frühes Aus das Ende der Amtszeit. „Sollten wir bei der EM in Österreich und in der Schweiz schlecht abschneiden, wird die Auflösung des Vertrages nicht notwendig sein, ich werde selbst gehen“, sagte der Nachfolger von Weltmeistertrainer Marcello Lippi nach seiner Vertragsverlängerung bis 2010. Wie er „schlecht abschneiden“ definiert, bleibt offen. Zuvor hatte der wortkarge Lombarde eine Verlängerung mit der Bedingung „Halbfinale“ noch pikiert abgelehnt.
„Für mich sind WM-Stars und die Frischlinge gleich“
Insbesondere der Abschied von Superstar Totti hinterließ in seiner Mannschaft ein Vakuum. „Ich habe elf Schrauben im Knöchel und kann nicht mehr jedes Spiel machen. Ich brauche Ruhe“, sagte Totti und hängte seine Schuhe an den Nagel. Mitte April zog er sich außerdem einen Kreuzbandriss zu. Auch Starverteidiger Alessandro Nesta trat zurück, nun setzt Donadoni auf eine gesunde Mischung aus den Helden von Berlin und talentierten Neulingen.
„Für mich sind WM-Stars und die Frischlinge alle gleich“, sagt Donadoni. Fast alle seiner Stützen des Teams waren allerdings schon in Berlin dabei. Donadoni wird bei der Euro einen Ein-Mann-Sturm mit einer „Flügelzange“ zum Einsatz bringen. In der Mitte Bayerns-Goalgetter Luca Toni, links Antonio Di Natale, rechts Mauro Camoranesi. Im Mittelfeld setzt er - vor Daniele De Rossi oder Simone Perrotta - auf ein Milan-Trio aus Gennaro Gattuso, Andrea Pirlo und Massimo Ambrosini.
Alt-Star Alessandro Del Piero ist wieder mit an Bord
Kapitän Fabio Cannavaro soll die Abwehr führen, neben ihm stehen Andrea Barzagli, Christian Panucci und Gianluca Zambrotta. Was bis zum Tor durchkommt, soll in den Armen von Gianluigi Buffon landen. „Viele Spieler sind in großen europäischen Klubs aktiv. Ihr Kampfgeist wird sich sicherlich auch vorteilhaft auf die Nationalelf auswirken“, hofft Donadoni.
Wenn dies nicht hilft, steht ein Alt-Star bereit. Alessandro Del Piero ist wieder mit an Bord. Dabei hatte er vor einem Jahr frustriert die Brocken hingeworfen, weil Donadoni ihn selten einsetzte. Die neue Lust am alten Job, die Marcello Lippi jüngst äußerte, wird den „Allenatore“ weniger erfreuen. Er könnte sich, ließ Lippi öffentlichkeitswirksam verlauten, die Rückkehr auf den italienischen Trainerstuhl „durchaus“ vorstellen. Vielleicht schon nach der Euro.
DIE FAZ.NET-PROGNOSE:
Italien ist als Weltmeister auch einer der ganz heißen Anwärter auf den Titel des Europameisters. Auch wenn die durch Verluste wie den von Spielmacher Francesco Totti etwas geschwächt wurden, besitzen die Südeuropäer eine Mannschaft der Extraklasse. Der Spielplan könnte der Squadra Azzurra entgegenkommen. Bei zwei Siegen gegen die Niederlande und Rumänien könnte das abschließende Spiel gegen WM-Finalgegner Frankreich „bedeutungslos“ sein. Kommt es dort aber zum K.o.-Spiel, wird es kritisch für den Weltmeister. Ansonsten kommen sie mindestens ins Halbfinale.
Der Vorrunden-Spielplan Italiens:
09. Juni - Gruppe C in Bern: Niederlande - Italien (20.45)
13. Juni - Gruppe C in Zürich: Italien - Rumänien (18.00)
17. Juni - Gruppe C in Zürich: Frankreich - Italien (20.45)
Viertelfinale:
21. Juni in Basel: Sieger Gruppe C - Zweiter Gruppe D (20.45)
22. Juni in Wien: Sieger Gruppe D - Zweiter Gruppe C (20.45)
Halbfinale:
26. Juni in Wien: Sieger Viertelfinale 3 - Sieger Viertelfinale 4 (20.45)
Finale:
29. Juni in Wien: Sieger Halbfinale 1 - Sieger Halbfinale 2 (20.45)
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