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Die EM-Trainer und ihre Zukunft Koryphäen von gestern - von Aragones bis Donadoni

26.06.2008 ·  Ob Aragonés, Donadoni oder Hickersberger: Über die Hälfte aller EM-Trainer beendet die nationale Mission. Doch schmerzhafte Trennungen gab es nicht - wenn auch manch ein Abschied erstaunliche Begleiterscheinungen parat hielt.

Von Roland Zorn
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Die meisten Präsidenten lassen ein paar Nächte verstreichen, ehe sie bekanntgeben, was längst beschlossen ist. Immer mehr Trainer aber werden von sich aus initiativ und verkünden ihren Abschied, noch ehe Dritte über sie entscheiden. So patriotisch die Fußballfans in sechzehn europäischen Ländern die Auftritte ihrer Nationalmannschaften bei der EM begleitet haben und so oft das große Gemeinschaftsgefühl rund um diese vermeintlich nationalen Missionen auch bemüht worden ist: Wenn früher oder später das vorzeitige Ende einer Wunschreise ins Glück gekommen ist, wird aus dem letzten Gruß ihrer Reiseleiter oft genug eine hastige, schmucklose, kühle Geste der Unausweichlichkeit.

Dann wird wie an der Supermarktkasse abgerechnet, dann ist kein Platz mehr für ein warmherziges Dankeschön und schon gar keine Nische für Sentimentalität. Für die Männer, die bei Europa- oder Weltmeisterschaften für drei oder vier Wochen wichtiger scheinen als Staatspräsidenten und Regierungschefs, beginnt ihr neuer Alltag oft genug mit dem Rausschmiss. Der Verbandsapparat, seismographisch die Stimmung im Volke ertastend, meldet sich zurück, die Hierarchie der Macht wird aufs Neue restauriert.

Trainerfindungskommissionen sind von gestern

Über die Hälfte aller Fußballlehrer, die bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz das Sagen hatten und manchmal gern das große Wort führten, ist nach dem Juni-Festival entweder auf Jobsuche oder in Rente oder längst anderswo unter Vertrag. Was am Ende einer Dienstfahrt in nationaler Mission stand, war diesmal in keinem einzigen Fall mit Szenen einer schmerzhaften Trennung unterlegt.

EM-Trainer: Koryphäen von gestern - von Aragones bis Donadoni

Trainer kommen, Trainer gehen - was in den Ligen achselzuckend zur Kenntnis genommen wird, ist inzwischen auch ein Stück Verbandsalltag. So emotional die Deutschen ihre Bundestrainer-Zäsuren inszenierten, ob mit Trainerfindungskommissionen wie nach dem unerwarteten Rückzug von Rudi Völler nach der EM 2004 oder mit hektischen Suchspielen wie nach dem Abgang von Berti Vogts ein paar Monate nach der WM 1998, gilt heutzutage als Folklore.

Nach dem knappen Scheitern folgte der Rücktritt

In Zeiten der medial befeuerten und marktgerecht inszenierten Massenbegeisterung erlischt diese so rasch, wie sie aufgeflammt ist - auch um Trainerkoryphäen von gestern. So wird in der Türkei wohl schon bald wieder an Fatih Terim herumgenörgelt werden, der bei der EM noch den großen Imperator gab und dessen Mannschaft erst im Halbfinale bravourös an Deutschland scheiterte.

Da Terim, der noch einen Vertrag bis 2010 gehabt hätte, weiß, wie sehr er daheim polarisiert, hat er wie immer das Gesetz des Handelns selbst in die Hand genommen und noch in der Nacht des knappen Scheiterns seinen Rücktritt angekündigt. Er werde, sagte der beste und erfolgreichste türkische Coach, demnächst „sehr wahrscheinlich“ zu einem „europäischen Verein“ wechseln.

Wohin führt nun der Weg von „Tanzbär“ Hicke?

Andersherum, auf die charmante österreichische Art, tat Teamchef Josef Hickersberger zunächst so, als gehe sein Auftrag, das Team Austria aus der internationalen Versenkung zurück in den Kreis des Fußball-Establishments zu holen, nur so weiter. Doch die Fortsetzungsgeschichte entpuppte sich als Treppenwitz, da „Hicke“ ein paar Tage später die Erkenntnis gekommen war, in Zukunft „kein Tanzbär“ mehr sein zu wollen. Zumindest nicht in der Heimat.

Da trifft es sich vielleicht, dass dem niederösterreichischen Europameister der Plauderkunst lukrative Offerten aus den Emiraten vorliegen sollen. Der Österreichische Fußball-Bund kam sich für einen Moment ebenfalls tanzbärenhaft vor und konzentriert seine Suche nach einem neuen Teamchef auf einen erfahrenen Übungsleiter aus dem „deutschsprachigen Raum“.

„Für mich ist die Zeit vorbei. Es ist aus und vorbei“

Seine eigene Art hat sich der 69 Jahre alte Trainersenior Luis Aragonés bewahrt. Unbeeindruckt von Spaniens Erfolgsweg bei der EM, hielt er an seiner schon vor dem Turnier verkündeten Rücktrittsentscheidung danach fest. Denen, die ihn umstimmen wollten, hielt der große Autonome aus Madrid stolz entgegen: „Für mich ist die Zeit vorbei. Es ist aus und vorbei. Punktum.“

Da dieser ältere Herr noch vital genug ist, ein neues Abenteuer anzufangen, traut er sich nun auch erstmals heraus aus Spanien. Ausgerechnet in der für Trainer notorisch unruhigen Türkei heuert Aragonés künftig an: beim landesweit beliebtesten Klub Fenerbahce Istanbul. Da staunte auch Russlands niederländischer Trainerstar Guus Hiddink: „Respekt. Ich kann mir nicht vorstellen, mit knapp siebzig noch die Welt zu bereisen. Luis Aragonés muss unglaublich viel Energie haben.“

Erschöpfte Kraft des „weißen Vaters“ aus Tschechien

Andere „Sechziger“ bringen sie nicht mehr auf: Der Schweizer Jakob Kuhn, den der südbadische Fast-Schweizer Ottmar Hitzfeld, Deutschlands erfolgreichster Trainer, beerbt, hatte sie schon beim Turnier nicht mehr - und musste sich dann auch noch unfeine Sätze vom Ober-Schweizer Joseph Blatter, Präsident des Internationalen Fußballverbandes, nachrufen lassen.

Auch die Kraft des 68 Jahre alten Tschechen Karel Brückner war erschöpft. Der Fußballlehrer, den sie daheim Klekih-patra (“weißer Vater“, nach dem Lehrmeister von Karl Mays Winnetou) nennen, geht nach sechs Jahren und einer erfolglosen EM. Die Tschechen suchen noch nach einem Nachfolger. Der Moselaner Klaus Toppmöller, zuletzt für Georgien im Einsatz, hat sich schon mal beworben.

Scolari als Nachnachfolger des exzentrischen Mourinho

Auch die Portugiesen müssen jemanden finden, der in die großen Fußstapfen von Luiz Felipe Scolari tritt. Der brasilianische Weltmeistercoach von 2002, eine der großen Trainerautoritäten, hinterließ auch bei den lusitanischen Brüdern tiefen Eindruck und wird nun reichen Lohn ernten - als Nachnachfolger des exzentrischen José Mourinho beim FC Chelsea.

Noch früher als Scolaris während der EM veröffentlichter Wechsel nach London war Marco van Bastens nächste Karrierestation bekannt. Der Europameister von 1988, damals der vielleicht weltbeste Angreifer, kehrt zur neuen Saison zu seinem Heimatverein Ajax Amsterdam zurück. Bondscoach wird der auch in Deutschland aus seiner Zeit bei Borussia Dortmund hinlänglich bekannte Bert van Marwijk.

Bravo, Roberto! „Ich werde ohne Abfindung gehen“

Das größte Comeback unter allen europäischen Nationaltrainern wird Marcello Lippi feiern. Italiens Weltmeistertrainer von 2006, der sich danach eine Auszeit gönnte und auf seinem Bötchen im Mittelmeer schipperte, hat nun genug von seinem Leben als Freizeitkapitän. Der 60-Jährige wird am Montag wieder das Kommando übernehmen. Lippi war sich, so wollen es Insider in Italien wissen, schon längst mit dem italienischen Fußballverband über eine Amtszeit unter dem Motto „Lippi, die zweite“ einig - falls sein Nachfolger Roberto Donadoni bei der EM unangemessen früh scheitere. Das war in den Augen Italiens der Fall.

Ein Turnierende im Viertelfinale wird auf dem Apennin so ungern gesehen wie in Deutschland. Am Donnerstag nun fiel die offizielle Entscheidung. Donadoni muss gehen - und zwar ohne Abfindung. Auch der Coach selbst wollte, dem Trend zur geschäftsmäßigen Abwicklung einer mit Gefühlen aufgeladenen Zweckgemeinschaft folgend, nicht mehr lange klagen. Zuvor hatte er, das nahende Ende wohl schon vor Augen, in einer letzten heroischen Aufwallung gesagt: „Geld interessiert mich nicht. Wenn ich nicht mehr Trainer der Nationalmannschaft bin, werde ich ohne Abfindung gehen.“ Bravo, Roberto!

„Wunder gibt es immer wieder“ - auch in Griechenland?

Ob so auch der theatralische Raymond Domenech reagieren wird, wenn ihm die Entlassungspapiere in die Hand gedrückt werden? Noch ist der Franzose, schon nach der Vorrunde mit „Les Bleus“ nach Haus gefahren, im Liebeshochgefühl, da die Hochzeit mit seiner langjährigen Lebensgefährtin bevorsteht. Am 3. Juli aber wird erst einmal eine Scheidung bekanntgegeben. Dass nach Domenech der Kapitän der französischen Weltmeisterequipe von 1998, Didier Deschamps, kommen wird, ist längst ein offenes Geheimnis.

Von denen, die bei der Europameisterschaft ihr Trainerglück als Strategen, Taktiker und Motivatoren versuchten, bleiben bis zur Weltmeisterschaft 2010 Bundestrainer Joachim Löw (auch er hegte schon Rücktrittsgedanken nach der 1:2-Vorrundenniederlage gegen Kroatien), Hiddink, der kroatische jugendliche Held Slaven Bilic, Victor Piturca aus Rumänien, möglicherweise der holländische Kämpe Leo Beenhakker als Coach der Polen und vielleicht auch sein langweilig anmutender, intern heftig umstrittener schwedischer Kollege Lars Lagerbäck.

Bliebe noch einer, der lebenslang allen Moden getrotzt und sich auf die ewigen Wahrheiten des Fußballs berufen hat: Otto Rehhagel. Der Neunundsechzigjährige schuf 2004 ein griechisches Europameister-Wunder und erlebte vier Jahre später punkt- und sieglos sein blaues Wunder. Der griechische Fußballverband findet Otto weiter gut und hält ihm bis zur WM 2010 in Südafrika die Treue. Vielleicht, weil man dort schon auf altdeutsche Lieder wie „Wunder gibt es immer wieder“ hört.

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