22.06.2008 · Joachim Löw lebt gefährlich: Zigaretten im Skybox-Käfig, Wetten mit den engsten Mitarbeitern. Doch der Flirt mit der Gefahr ist attraktiv - auch unser FAZ.NET-Übersteiger-Autor ist ihr erlegen. Sein Laster heißt Tippspiel und seine Wettkunst ähnelt der des Bundestrainers.
Von Marc Heinrich, AsconaDas Glücksspiel ist eine der Lieblingsbeschäftigungen der Menschheit. Auch die gemeinhin sicherheitsliebenden Deutschen machen da keine Ausnahme und entpuppen sich immer kurz vor dem Wochenende als Volk von Waghälsen - zumindest in der Lotto-Bude am Straßeneck. Jährlich setzen sie Milliarden ein, um bei Sportwetten einen kräftigen Schluck aus dem Füllhorn des (finanziellen) Glücks zu erhaschen.
Die Protagonisten an der Fußball-Europameisterschaft machen da keine Ausnahme. Aber keine Angst: es droht kein neuer Hoyzer-Skandal! Bei der EM-Wette von Miroslav Klose mit seinem Bayern-Kollegen Luca Toni, die am Wochenende publik wurde, geht es nur um die Einladung zum Abendessen. Mitsamt Familie. Blechen muss, wem weniger Tore bei der Europameisterschaft gelingen; bislang liegt Klose 1:0 in Führung.
Der Bundestrainer irrt - wie schön, wenn man sich in guter Gesellschaft befindet
Sicher, so ein Menü in einem der Münchner Nobelschuppen kann teuer werden, doch ganz gleich, welcher der beiden Sportmillionäre spätestens beim Wiedersehen zur Vorbereitung auf die kommende Bundesliga-Saison seine Ehrenschuld begleichen muss - er wird es verkraften können. Auch die Kosten für die beiden Flaschen badischen Premium-Rotweins, die Joachim Löw seinem Assistenten Hansi Flick nach dem Turnier zukommen lassen wird, treffen keinen wirklich Mittellosen.
Der deutsche Bundestrainer hatte vor dem Viertelfinale gegen Portugal getippt, dass es seiner Mannschaft nicht gelingen werde, eine Standardsituation erfolgreich zu verwerten. So kann sich der erste Fußball-Lehrer im Land irren - wie schön! Das lenkt ein wenig vom eigenen Versagen ab, das jeden Morgen deutlich wird, wenn eine ganz besondere E-Mail aus der Heimat eintrifft.
Wenn die Schwäche zur Stärke wird: Auch als Negativ-Orakel ist einiges möglich
Dann offenbart der Computerbildschirm aufs Neue, was Mark Twain schon vor über 150 Jahren und zu Zeiten von Bleistift und Papier wusste: Prognosen sind etwas ganz Schwieriges. Vor allem, wenn sie Zukunft betreffen! An mindestens zehn Tippspielen hätte mich vor der EM beteiligen können. Bei einem habe ich fahrlässigerweise nicht Nein gesagt. Ein großer Fehler für mich, ein Quell der Freude für Freunde und Nachbarn - sicher noch weit über das Finale hinaus. Typischer Fall von: Selbst schuld!
Andererseits: Zumindest als negatives Orakel macht mir in diesen Tagen keiner etwas vor. Gegen meine EM-Vorhersagen erscheinen die Annahmen der Berliner Politik-Demoskopen zuverlässig wie die sprichwörtlichen Schweizer Uhrwerke. Bis zur Vorrunde ging noch alles halbwegs gut, lag ich im Plan - mit schwacher Aussicht auf den Gewinn einer der Hauptpreise, aber immerhin.
Die letzte Hoffnung: Besser als der Praktikant - immerhin
Doch dann begann das Viertelfinale und auf meinen Riecher war (bis auf die Deutschland-Partie) überhaupt kein Verlass mehr. Die Tipps auf Kroatien und Holland schienen bombensicher, was sollte da nach dieser Vorrunde schief gehen? Leider ließen sie den Behauptungswillen der Türken und Russen völlig außer acht. Zwei Fehlurteile, die mich auf Platz elf in der aktuellen Bestenliste zurückwarfen.
Dass ich eine Fähigkeit zur exakten Falschvorhersage besitze, hätte mir eigentlich von der WM in bester Erinnerung sein müssen. Damals landete ich in unserer bürointernen Runde mit über zwanzig Teilnehmern im hinteren Drittel - nach mir kamen nur noch die Praktikanten, die während des Turniers zurück an die Uni mussten, und Kollegen aus fachfremden Ressorts, die sich in ihrer Tagesarbeit mit dem Börsenkurs der privatisierten ungarischer Straßenbahn-Gesellschaft beschäftigen oder solche, die nach dem Auftaktspiel mit der Familie für drei Wochen in Urlaub geflogen waren.
Leute, hört auf diesen Tipp: Spanien - Italien 3:0
Aus Erfahrung weiß ich zum Glück aber auch, dass Tipprunden nur am Anfang eines Turniers von allen Teilnehmern bierernst verfolgt werden. Dann tragen alle noch die Ergebnisse in ihre Poster am Arbeitsplatz oder zuhause am Kühlschrank ein - und prahlen beim Gang zum Kaffeeautomat oder beim Plausch auf dem Trottoir damit, dass sie die Tendenz des Spiels Griechenland gegen Schweden richtig hatten.
Spätestens nach einer Woche hat sich die Hoffnung auf den Jackpot dann jedoch für Zweidrittel der Mitstreiter erledigt, nur noch die Handvoll Führender ist mit Feuereifer bei der Sache. Heute Abend spielt übrigens Italien gegen Spanien. Und ich glaube, auf die Schnelle noch ein Rezept gefunden zu haben, wie ich das Feld von hinten aufrolle: mit gewagten Außenseiterstipps. Deswegen: Spanien gewinnt gegen Italien locker und leicht 3:0 - Toni-Tore wird es bei dieser Euro nicht geben. Auch Miroslav Klose dürfte das gefallen.