03.06.2008 · Gegen Mittag bezieht die deutsche Nationalmannschaft ihr EM-Quartier. Der Geist des „Giardino“ und die Kraft des Monte Verità in Ascona sollen Ballack und Co. die Kraft geben für den Turniersieg. Das Hotel hat große Vorbilder in der Ahnenreihe der DFB-Mannschaftsquartiere.
Von Daniel Meuren, AsconaWenn am Dienstag ein deutscher Nationalspieler nach dem anderen ins „Giardino“ einzieht, dann verwandelt sich eines der besten Ferienhotels der Schweiz für den Zeitraum der Europameisterschaft in eine Jugendherberge für Fußballmillionäre. „Wir werden sicher einen ganz anderen Charakter entwickeln als in den übrigen Monaten des Jahres“, sagt Philippe Frutiger, Direktor der Nobelunterkunft im schweizerischen Ascona. „Ich gehe davon aus, dass das Hotel den Charakter eines Schullagers bekommt.“
Dafür wurden in den vergangenen Tagen einige Umbautenim Tessin vorgenommen. Wo die Enten im Garten sonst freien Auslauf haben, wenn sie des Paddelns im riesigen Hotelteich müde sind, stehen nun ein paar Zelte und bequeme Liegesofas, von denen aus die Fußballer nach ihrem Training den Goldfischen zuschauen können. Auf den Zimmern, die mediterran-verspielt in für die Fußballer vermutlich gewöhnungsbedürftigen Rosatönen gehalten sind, stehen mittlerweile Konsolen für die Computerspiele, mit denen sich die Herren Podolski und Schweinsteiger bekanntlich gerne einmal die Zeit vertreiben. „Der DFB richtet in Zusammenarbeit mit uns den perfekten Aufenthaltsort für den Titelgewinn her“, sagt Frutiger. Der Leiter der Hoteldirektion müht sich mit seinen rund 80, übrigens fast zur Hälfte deutschen, Mitarbeitern nach Kräften. Das Giardino will schließlich am Ende nicht verantwortlich gemacht werden für ein vorzeitiges Ausscheiden. „80 Millionen Menschen erwarten von der deutschen Elf, dass sie Europameister wird – und wir müssen unseren kleinen Beitrag dazu leisten“, sagt Patric Vogel, der das Marketing des Hotels leitet.
Große Vorbilder in der Reihe der deutschen Quartiere
Das Giardino hat dabei große Vorbilder in der Ahnenreihe der deutschen Mannschaftsquartiere: Fast jeder Titelgewinn der DFB-Elf wird mit der jeweiligen Turnierherberge in Verbindung gebracht: 1974 war es der eher biedere Charme der Sportschule Malente in der Einöde Schleswig-Holsteins, der Beckenbauer, Müller und ihren Kollegen bei der Heim-Weltmeisterschaft jede Ablenkung ersparte. Für den Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien diente das noble „Castello di Casiglio“ im lombardischen Erba Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann als Rückzugsort.
Beim bislang letzten Turniersieg 1996 in England war es das klassisch-englische Hotel Mottram Hall in Prestbury, das Oliver Bierhoff mit dem angrenzenden Golfplatz die nötige Entspannung für sein Golden Goal im Finale gegen Tschechien ermöglichte. Die Mutter aller Mannschaftsherbergen aber ist das „Hotel Belvédère“ in Spiez, in dem die deutsche Mannschaft während der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz unterkam. Der Geist von Spiez soll Fritz Walter und Helmut Rahn besondere Kräfte verliehen haben, der Gewinn der Weltmeisterschaft wurde später zum „Wunder von Bern“ verklärt.
Bierhoff: „Wir haben das Paradies gefunden“
In Ascona hofft man, dass wie vom „Geist von Spiez“ bald auch vom „Geist von Ascona“ gesprochen wird. Wie das Belvédère am Thuner See liegt das Haus keine zwei Fußminuten vom Lago Maggiore entfernt - die Suiten mit Seeblick werden unter den Nationalspielern verlost. Außerdem hat die Herberge einen direkten Zugang zu einem der schönsten Schweizer Golfplätze. Vor allem aber bietet das Giardino mit seinem Charakter einer Festung den nötigen Schutz vor unliebsamen Einblicken in die Privatsphäre. „Wir haben das Paradies gefunden“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff bei der Vorstellung des Teamhotels. Das Paradies kostet den DFB bis zum Endspielwochenende 900 000 Euro.
Das Giardino ist berühmt für seine Küche. Dort kocht Urs Gschwend für das Hotel-Restaurant „Aphrodite“ jeden Abend auf einem Niveau von 16 Gault-Millau-Punkten, und nebenan bietet das „Ecco!“ mit Rolf Fliegauf, dem mit 26 Jahren jüngsten Sternekoch der Schweiz, sogenannte molekulare Küche. Doch der DFB vertraut in Ernährungsfragen lieber einem eigenen Koch. Holger Stromberg wird während der Fußballfesttage die Herrschaft über die Kochtöpfe übernehmen. „Wir gehen davon aus, dass die Spieler während des Turniers eher nicht für Experimente beim Essen zu haben sind“, sagt Hoteldirektor Frutiger. „Sollte sich aber einer der Herren als Gourmet entpuppen, werden wir gerne auch die molekulare Küche öffnen.“
Die Wahrheit liegt auf dem Berg
Außerhalb des Giardino gibt es wenige Möglichkeiten für Siegesfeiern. Einzig im „Seven“ , ein Restaurant mit Bar am Ende der niedlichen Uferpromenade, möchte man sich gerne zum Nachmittags-Cappuccino oder abendlichen Cocktail niederlassen. Darüber hinaus ist Ascona ein Ort für die ältere Generation oder Sinnsucher mit Hang zur Esoterik. Der Hausberg „Monte Verità“ zog schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Freigeister an, die sich als „Vegetabile Cooperative“ auf dem Berg mit Anthroposophie, Pazifismus oder Psychoanalyse auseinandersetzten und zu einer Wiege der Alternativbewegung wurden.
Künstler wie Hans Arp und Max Ernst oder Schriftsteller wie Ernst Bloch, Hermann Hesse und Gerhart Hauptmann pilgerten regelmäßig zum „Berg der Wahrheit“. Ascona war Ziel dieser frühen Sinnsucher, weil dem Ort übersinnliche Kräfte nachgesagt werden. Tatsächlich weist die Gegend rund um den Monte Verità große magnetische Anomalien auf, Kompasse haben offenkundige Probleme bei der Orientierung. Ob Joachim Löw diese geheimnisvolle Kraft in seinen Vorbereitungsplan einbauen wird? Für Löw dürfte die Wahrheit doch noch eher auf dem Platz statt auf dem Berg liegen.
Chill-Out-Zone und Spa für die müden Kickerbeine
Oder eben im Garten des Giardino. Dort, wo in einem Park Kamelien, Mimosen und Zitronenbäume blühen und die Vögel früh morgens die Spieler aus dem Bett singen, soll das Epizentrum des deutschen Mannschaftsgeistes liegen. Wie bei der WM 2006 im Berliner Schlosshotel Grunewald ließ Teammanager Oliver Bierhoff hier Chill-Out-Zonen für die Spieler errichten, in denen sie ohne Betreuerteam unter sich sein können.
Noch mehr Entspannungshilfe bietet ein großes Spa im römischen Stil, mit Saunalandschaft und Massageräumen. Vermutlich werden die Spielerfrauen, falls der Bundestrainer ihnen einen Kurzbesuch gestattet, den Luxus mehr zu schätzen wissen als ihre Männer. „Aber auch Herr Ballack bekommt natürlich ein Peeling, falls er das wünscht“, verspricht Patric Vogel.