26.05.2008 · Timo Hildebrands Interview-Offensive geht ins Leere - auf Mallorca hat er jedenfalls kein Gehör gefunden. Die deutsche Nummer eins Jens Lehmann ist derweil völlig entspannt und nähert sich dem VfB Stuttgart.
Von Roland Zorn, PalmaDiese Attacke nach Meldeschluss ging ins Leere. Nur ganz kurz hatte Timo Hildebrand, der für die Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz nicht mehr vorgesehene Nationaltorwart, noch einmal die große Medienbühne betreten und in Interviews mit der „Bild am Sonntag“, „Spiegel online“ und dem ZDF sein Los beklagt. Von „fehlendem Respekt“ beim Bundestrainer war da die Rede, von der Undankbarkeit seiner Vorgesetzten im Deutschen Fußball-Bund (“ich war jahrelang die Nummer zwei, habe mich in den Dienst der Mannschaft gestellt und werde dann so ausgebootet“) und von seiner Erfahrung, dass „du als Profi Spielpraxis brauchst“, die Hildebrand habe „und er nicht“.
Er, das ist die Nummer eins, Jens Lehmann, der nach einer Woche Trainingslager mit der Nationalmannschaft auf Mallorca völlig entspannt und trotzdem tatendurstig wirkt. Den seit Jahren vertrauten Kollegen vom FC Valencia, sicher der Härtefall bei der Nominierung des vorläufigen EM-Kaders, wird Lehmann wohl so schnell nicht wiedersehen.
Hildebrand im Quartier „kein Thema“
Ausgesprochen kühl reagierte Joachim Löw auf Hildebrands Angriff aus einer Abseitsposition. „Das ist kein Thema für uns hier“, stellte der Bundestrainer am Sonntag kurz und knapp fest. Dass Bundestorwarttrainer Andreas Köpke und nicht er selbst dem tief getroffenen Schlussmann die schlechte Nachricht überbracht hatte, wollte Löw nicht mehr kommentieren.
Schließlich hatte auch er Hildebrand im Nachgang angerufen und darauf hingewiesen, dass es die Leistungen des Keepers im Nationalteam gewesen seien, die für seine Entscheidung den Ausschlag gegeben hätten. Die letzte Hoffnung des früheren Stuttgarter Meistertorhüters, für den Fall des personellen Notfalls vielleicht doch noch nachrücken zu können, dürfte sich mit dem Nachtreten vom Wochenende auch erledigt haben.
Die vermeintlich beste Mannschaft soll in Kaiserslautern spielen
Alle, die auf Mallorca in den täglich zwei intensiven Übungseinheiten überaus aktiv dabei sind und mit Vorfreude dem Deutschland-Abstecher an diesem Montag entgegenfiebern, schauen im Moment nur nach vorn. Am Dienstag ist Kaiserslautern der nächste Zwischenhalt des selbsternannten Europameister-Kandidaten. Im Fritz-Walter-Stadion wird gegen Weißrussland getestet - mit der im Augenblick vermeintlich besten Mannschaft.
Und zu der gehört zweifellos nach wie vor der 38 Jahre alte Mannschaftssenior Lehmann. Mag er auch in seiner letzten Saison für den FC Arsenal häufiger pausiert als gespielt haben, so genießt der Essener noch immer höchsten fachlichen Respekt bei Löw und Köpke. „Jens Lehmann“, sagt Löw, „lebt von seinem Selbstbewusstsein und seiner Selbstsicherheit. Das hat ihn stark gemacht in den letzten Jahren.“ Als wollte er seinen Chef bestätigen, versicherte der Torwart allen Zweiflern: „Natürlich werde ich spielen bei der Europameisterschaft - deswegen bin ich ja hier.“ Eine Garantie habe ihm Löw zwar „nie ausgestellt“, doch „solange ich meine Leistung bringe“, sagt Lehmann, „kann ich mir sicher sein, auch zu spielen“.
Lehmann findet das „Hinfallen und Aufstehen“ der Kollegen lehrreich
Lehmann, sonst schon mal ungeduldig, genervt oder aufbrausend, ist zurzeit die Ruhe selbst. Ohne den zurückgetretenen, genauso alten und genauso guten Rivalen Oliver Kahn, den er erstmals bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland überholte, fühlt sich Lehmann augenscheinlich wohl im mallorquinischen Camp. Über die Kollegen Adler und Enke, die bei der EM im Schatten des aus England nach Deutschland zurückkehrenden Keepers stehen werden, sagt die Nummer eins nur Gutes. Deren „Schrittmuster“ findet er lehrreich wie deren „Technik beim Hinfallen und Aufstehen“.
Hingefallen und wieder aufgestanden ist auch Jens Lehmann oft genug in seiner Karriere, die auf der Klubebene noch lange nicht zu Ende sein soll. Kaum noch verhohlen redet der international herumgekommene Torwart über den VfB Stuttgart, „einen sehr seriös geführten Verein, der relativ attraktiven Fußball spielt“. Dorthin, wo einst Timo Hildebrand nationalmannschaftsreif wurde, zieht es den schon etwas älteren Herrn Lehmann für die kommenden zwei Jahre. Wenn nicht alle Anzeichen trügen und die Gespräche mit VfB-Sportdirektor Horst Heldt in Palma kein Schlag ins Wasser waren, wird Jens Lehmann in Stuttgart der Nachfolger des unglücklichen Raphael Schäfer.
Macht Lehmann nach der Euro im DFB-Jersey doch noch weiter?
Ob er nach der EM seine Nationalmannschaftskarriere fortsetzen möchte, ließ Lehmann noch offen. Viel deutet darauf hin, dass spätestens am Tag nach dem Finale, also am 30. Juni, Schluss sein wird mit der Länderspiel-Laufbahn des Torwarts. „Es wäre vermessen, zu sagen, dass ich noch die WM 2010 als Ziel vor Augen hätte“, lautet Lehmanns perspektivische Lagebeurteilung in eigener Sache.
Auch gute Freunde wie Oliver Bierhoff halten einen „Cut“ nach der Europameisterschaft für die richtige Entscheidung. Doch ganz sicher ist sich auch der Manager der Nationalmannschaft nicht. „Wie ich Jens kenne, müsste er normalerweise sagen, das war's jetzt. Aber ich weiß auch, dass er schlecht loslassen kann.“ Was Wunder, der Mann ist Torwart und hat sich einen Namen damit gemacht, das, was auf ihn zugeflogen kam, festzuhalten.