Home
http://www.faz.net/-g7d-x497
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Bericht zur Lage der Fußball-Nation „Wir haben es selber verbockt“

14.06.2008 ·  Die Stimmung im deutschen Lager ist merklich abgekühlt nach der Niederlage gegen Kroatien. An ein Ende der „Bergtour“ glaubt aber keiner. Mit einer Niederlage gegen Österreich „beschäftigt sich niemand“, sagte Christoph Metzelder.

Von Marc Heinrich, Ascona
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Das Wetter am Lago Maggiore ist in den vergangenen Tagen freundlicher geworden. Doch parallel dazu hat das Klima innerhalb der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die nicht mehr regelmäßig im Nieselregen trainiert, ein wenig gelitten.

Seit der 1:2-Niederlage gegen die Kroaten sei die „Stimmung ein bisschen angespannt“, gab Torsten Frings am Samstagmittag zu. Der Bremer Mittelfeldspieler und sein Teamkollege Christoph Metzelder zeigten sich im EM-Quartier in Ascona aber überzeugt, dass alle Beteiligten ihre Lektion aus dem unerwarteten Rückschlag gelernt hätten und gegen Österreich am Montag zum Vorrundenfinale in der Gruppe B (20.45 Uhr, FAZ.NET-Euro-Live-Ticker) „die passende Reaktion zeigen werden“, wie es Frings nannte.

„Keine neue Grundsatzdiskussion beginnen“

„Wir haben es selber verbockt, dass wir nun so unter Druck stehen“, sagte der Abräumer vor der Nationalmannschafts-Viererkette, dem in dieser Saison immer wieder Knieverletzungen zu schaffen machten und der bei dieser Euro noch nicht hundertprozentig in Tritt gekommen ist.

„Wenn wir alle wieder das abrufen, was wir können, werden wir gegen Österreich gewinnen, da mache ich mir keine Sorgen“, verkündete Frings, der sich auf die vermutlich hitzige Atmosphäre im ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion freut: „Das sind die besten Momente als Fußballer, es gibt viel Selbstvertrauen, bei so einem Turnier den Gastgeber rauszuhauen.“ Schon ein Unentschieden würden freilich auch zum Einzug ins Viertelfinale genügen.

Entscheidende Entwicklung zwischen den Turnieren

Die Tatsache, dass die Bergtour in Österreich und der Schweiz bereits in Kürze und weit vor dem geplanten Gipfelsturm beendet sein könnte, war für beide Profis kein Thema: „Damit beschäftigt sich niemand in der Mannschaft“, meinte Metzelder.

Der Profi von Real Madrid machte sich als Fürsprecher von Joachim Löw dafür stark, unabhängig vom Ausgang der Partie gegen den EM-Gastgeber „keine neue Grundsatzdiskussion zu beginnen“. Es sei nicht in Ordnung, die Arbeit eines Bundestrainers immer nur an den Ergebnissen bei einem Turnier zu messen: „Die entscheidende Entwicklung findet immer zwischen den Großereignissen statt.“

„Die letzten zwei Jahre als Maßstab nehmen“

Metzelder gestand im Spiel gegen Österreich „auch eine Verantwortung“ für den Trainer ein, stellte aber klar: „Man muss die letzten zwei Jahre als Maßstab für die Arbeit von Löw nehmen. Er und sein Team sind die richtigen Leute, um eine langfristige Entwicklung der Mannschaft voranzutreiben.“

An ein Horrorszenario wie 2000 und 2004, als die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes jeweils nach der Vorrunde die Heimreise antreten musste und das Aus Erich Ribbeck beziehungsweise Rudi Völler den Job kostete, verschwendete Metzelder keinen Gedanken. „Wir müssen uns auf unsere ureigenen Stärken besinnen: Das ist keine Frage der Taktik, der Fitness oder des Personals“, sagte er, „wir müssen uns gegenseitig wieder richtig pushen, dann sind wir in der Lage mit unserem Powerfußball weit zu kommen.“

Podolski und Lahm wieder fit

Löws Sorgenfalten vor dem entscheidenden Gruppenspiel sind seit Samstagmorgen ein wenig kleiner geworden. Lukas Podolski (Kapselverletzung am Fuß) und Philipp Lahm (Bluterguss in der Wade) seien wieder einsatzbereit, teilte Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff nach Rücksprache mit den Team-Medizinern mit. Es gebe „keine Probleme“, die eine mögliche Aufstellung der beiden Bayern-Profis verhindern würden.

Auch Reservist Heiko Westermann vom FC Schalke 04 stünde trotz einer Knochenabsplitterung an der Hand mit einer Spezial-Manschette zur Verfügung. Nur für den Münchner Marcell Jansen, gegen Kroatien der große Unsicherheitsfaktor in der ersten Halbzeit, sieht es wegen einer Zerrung in der Schulter nicht gut aus.

Bierhoff: „Bei uns hat niemand Angst“

Bierhoff nahm die Spieler ausdrücklich in die Pflicht. „Die Mannschaft braucht Druck“, sagte er, zeigte sich aber überzeugt, dass sie der Erwartungshaltung gerecht werde. Wenn das Team die Vorgaben umsetze, „kann es nur einen Sieger geben, und das ist Deutschland“.

Gegen Österreich seien vor allem die erfahrenen Spieler wie Frings, Metzelder oder Kapitän Michael Ballack gefordert. „Es wird letztendlich eine Kopfsache“, prophezeite der Manager, hinterließ aber ungeachtet der Anspannung einen äußerlich relativ relaxten Eindruck: „Bei uns hat niemand Angst und wir dürfen auch keine ausstrahlen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge