09.06.2008 · Lukas Podolski erzielte beim 2:0-Sieg der deutschen Nationalelf gegen Polen beide Tore. Auf dem Platz war der Stürmer restlos auf Angriff eingestellt. Nach dem wegweisenden Erfolg präsentierte er sich zurückhaltend - aus Respekt vor dem Land, in dem er geboren wurde.
Von Marc Heinrich, AsconaEr stand auf dem Rasen und sein Blick schweifte scheinbar entrückt über die Zuschauertribünen. Es war ein stiller Triumph, den sich Lukas Podolski an diesem Abend im Wörthersee-Stadion gönnte. Für große Jubelgesten fehlten ihm offensichtlich Kraft, Puste und, wie sich später herausstellte, aus gutem Grund auch die Lust.
Der deutsche Matchwinner, der mit seinen zwei Treffern in der 20. und 72. Minute ganz erheblichen Anteil am 2:0-Sieg gegen Polen im ersten deutschen Spiel der Europameisterschaft hatte, genoss still und leise den Applaus der mehreren Tausend in Schwarz, Rot und Gold gehüllten Anhänger. Die Fans ließen ihn mit Sprechchören am Sonntag noch lange nach dem Schlusspfiff hochleben - und der Gefeierte schien aus ganzem Herzen froh, dass er und seine Kollegen sich bei diesem Kraftakt im ersten Spiel der Fußball-Europameisterschaft so glücklich aus der Affäre ziehen konnten. Restlos begeistert von sich und der Welt wirkte er nicht.
Familientreff an der Seitenauslinie
Der gebürtige Pole, der im Rheinland aufwuchs und nun als 23 Jahre alter Familienvater und Profi bei den Bayern in München Wurzeln schlagen möchte, grüßte noch kurz mit erhobener rechter Hand ins Publikum und tauschte sein verschwitztes Trikot mit Gegenspieler Mariusz Lewandoski, mit dem er sich während des teilweise hitzigen Schlagabtauschs manch hartes Duell geliefert hatte. Dann verließ er, der sich sonst eigentlich für keinen flotten Spruch zu schade ist, die Bühne schlurfenden Schrittes und verhältnismäßig lautlos.
Es zog ihn an den Rand des Geschehens, wo sein Vater, einige Verwandte und sein aus Polen angereister Onkel warteten. Es war ein kurzer Familientreff an der Seitenauslinie, denn viel Zeit, vor Ort den ersten deutschen Erfolg bei einer Europameisterschaft seit fast zwölf Jahren zu besprechen oder gar zu feiern, blieb weder dem treffsicheren Podolksi noch seinen Mitstreitern. Um Kurz nach Mitternacht mussten sie bereits schon wieder geduscht und mit gepackten Taschen am Flughafen sein, um noch am frühen Montagmorgen mit einer Chartermaschine ins 500 Kilometer entfernt liegende Quartier ins Schweizer Tessin zurückkehren zu können, wo sie am Ende einer langen Arbeitsreise gegen vier Uhr ermattet in die Hotelbetten fielen.
Podolski: „Ich komme aus Polen und habe zu den Menschen dort eine besondere Beziehung“
Podolskis Zurückhaltung nach dem Sieg lag sicher auch darin begründet, nicht noch mehr gefährliche Emotionen in seiner alten Heimat wecken zu wollen, wo in der zurückliegenden Woche vor der mit Spannung erwarteten Begegnung die Boulevardpresse eine zum Teil unsägliche Kampagne angeschoben hatte. Der diesmal nur auf dem Platz stürmische Unruhestifter stammt aus Gleiwitz - wie auch die Teamkollegen Miroslav Klose und Piotr Trochowski hat er noch viele Angehörige und Freunde im östlichen Nachbarland und steht besonders im Blickpunkt, wenn beide Fußballnationen aufeinandertreffen.
„Ich komme aus Polen und habe zu den Menschen dort eine besondere Beziehung“, begründete er zu vorgerückter Stunde sein ungewohnt schüchternes Auftreten, „aus Respekt vor diesem Land wollte ich nicht groß jubeln.“ Ein umsichtiges Verhalten, das den Eindruck seines tadellosen Auftritts vollends abrundete. Lob prasselte hinterher von vielen Seiten auf den Goalgetter ein. In 49 Länderspielen glückten ihm nunmehr bereits 27 Treffer - eine mehr als beachtliche Quote für einen Fußballspieler, der trotz aller Erfolge immer noch am Anfang seiner Karriere steht.
Wie einst beim „Sommermärchen“
„Wir wussten“, sagte Joachim Löw, „dass von Lukas in seiner gegenwärtigen Form große Torgefahr ausgeht.“ Dass die „hervorragende Variante“ freilich so gut klappen würde, hat vermutlich aber nicht einmal der Bundestrainer zu träumen gewagt. Bei seinem ersten großen Turnier als Chefcoach des Deutsch Fußball-Bundes (DFB) überraschte Löw mit einer mutig ausgerichteten Startformation. Und der gewagte Plan ging auf. Über die linke Mittelfeldseite machte Podolski anstelle seine zuletzt schwächelnden Kumpels Bastian Schweinsteiger hinter den etatmäßigen Stürmern Miroslav Klose und Mario Gomez (mit denen er bei seinen Vorstößen prächtig harmonierte) mächtig Druck, regelmäßig zog es ihn flotten Schrittes mitten hinein ins Abwehrzentrum der Polen, deren Verteidiger den Elan des wagemutigen Eindringlings oft nur mit Fouls ausbremsen konnten.
Immer wieder bot sich Podolski an, forderte den Ball und durfte auch bei den Standards ran; Freistoß (16.) und Eckball (27.) boten allerdings noch Spielraum für Verbesserungen. Lehrbuchmäßig schloss er dagegen den Angriff in der 20. Minute ab: Gomez bediente Klose, und der legte dem einstigen „Sommermärchen“-Sturmpartner mustergültig zur Vollendung auf: mit der 1:0-Führung im Rücken agierte die deutsche Mannschaft weitaus weniger nervös, die zuvor spürbare Anspannung verflüchtigte sich - vorübergehend. Sie kehrte Mitte der zweiten Halbzeit zurück, als die Polen mit Macht auf den Ausgleich drängten, doch wieder machte ihnen der Mann des Tages einen Strich durch die Rechnung. Podolski krönte sein Tagwerk mit dem fünften Doppelpack im DFB-Trikot: in der hektischen Schlussphase drosch er volley die Kugel mit dem linken Fuß zum 2:0 ins Netz ein Treffer, der bei der Wahl zum „Tor des Monats“ gute Chancen haben dürfte.
„Der erste vielversprechende Schritt einer hoffentlich langen Reise“
Im zweiten Gruppenspiel an diesem Donnerstag an gleicher Stätte gegen Kroatien, am Nachmittag 1:0-Sieger gegen Österreich, geht es für die Deutschen bereits um den möglichen Sieg in der Vorrundengruppe B (18 Uhr, live FAZ.NET-Euro-Live-Ticker). Weder Löw noch seinem Besten vom Sonntag ist bange vor dem Kräftemessen mit den Südosteuropäern. „Sicherheit und Selbstvertrauen“ habe das Team durch den Debütsieg gewonnen, meinte Löw. „Nicht nur Lukas hat stark gespielt, die ganze Mannschaft hat eine gute Leistung gezeigt mit tollen Kombinationen in der ersten Halbzeit“, stellte er zufrieden fest.
Für Podolski war es der erste vielversprechende Schritt einer „hoffentlich langen Reise“. Gelingt es ihm, sein Engagement auf die Mitstreiter zu übertragen, und nehmen sich die Nebenleute ihn in den nächsten Tagen als Vorbild, kann der Tross mit Bergführer Löw an der Spitze möglicherweise tatsächlich höhere Ziele bei dieser Euro ins Auge fassen. Die Hoffnungen auf eine erfolgreiche Titelmission sind nach diesem Start jedenfalls nicht geringer geworden.