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Mittwoch, 19. Juni 2013
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1:0-Sieg gegen Österreich Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

 ·  Die deutschen Fußball-Fans atmeten auf - die „Schmach von Cordoba“ wiederholte sich nicht. Kapitän Ballack zerstörte die Hoffnungen der Österreicher auf ein „Wunder von Wien“ und führte die Nationalmannschaft ins EM-Viertelfinale gegen Portugal. Doch vieles muss nun schnell besser werden.

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Der 16. Juni 2008 war dann doch kein Tag, der in die deutsche Fußballgeschichte eingehen wird. Für den Augenblick hatte der deutsche 1:0-Sieg gegen Österreich zwar durchaus eine wichtige Bedeutung - aber ein Ereignis, das für alle Ewigkeit in den Geschichtsbüchern einen Platz finden müsste, stellte dieses Ergebnis wahrlich nicht dar.

Durch den denkbar knappen Erfolg vom Montagabend sicherte sich die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw in der Gruppe B das Weiterkommen bei der Europameisterschaft und verhinderte ein vorzeitiges Aus bei dem Turnier, das nun mit dem Viertelfinale an diesem Donnerstag gegen Portugal (20.45 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) in Basel seine Fortsetzung findet. Für den Gastgeber ist der kontinentale Wettstreit dagegen genauso früh beendet wie für die glücklosen Schweizer Nachbarn.

„Wir freuen uns auf das Spiel gegen die Portugiesen“

„Wir haben heute einen großen Fight geliefert“, sagte Michael Ballack, der Schütze des entscheidenden Tores vor der Heimreise ins Quartier nach Ascona zufrieden. Im nächsten K.o.-Spiel seien er und seine Mitstreiter ungeachtet der anspruchsvollen Pläne bei dieser Leistungsschau keinesfalls in der Favoritenrolle. „Das könnte uns liegen“, mutmaßte er nach der kämpferisch überzeugenden aber spielerisch einmal mehr Wünsche offen lassenden Partie.

Deutschland im EM-Viertelfinale: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

„Wir müssen uns in allen Mannschaftsteilen steigern“, meinte Philipp Lahm, „das fängt bei der Chancenverwertung an und hört beim Abwehrverhalten auf.“ Viel Zeit, die Defizite zu beheben, bleibt jedoch nicht. Ähnlich äußerte sich auch Innenverteidiger Christoph Metzelder: „Die letzten Tage waren schwierig, weil ein immenser Druck auf uns lastete“, gestand der Profi von Real Madrid, „wir freuen uns auf das Spiel gegen die Portugiesen, weil wir beste Erinnerungen an sie haben.“

„Ich traue der Mannschaft noch einiges zu“

Gegen die Elf um Star Cristiano Ronaldo kamen die Deutschen vor zwei Jahren zum Ende des Sommermärchens zu einem 3:1-Sieg, der den versöhnlichen dritten WM-Platz sicherte. Mit solchen Trostpreisen wollen sich Ballack und Kollegen diesmal nicht zufrieden geben. „Ich traue der Mannschaft noch einiges zu“, sagte Löw, der erleichtert wirkte, dass das denkbar Schlimmste nicht eintrat, „wir müssen aber auf diesem Weg noch einiges besser machen“, fügte er bei seiner nächtlichen Analyse hinzu. Womit er zweifellos recht hatte.

Es war ein Abend in Wien, der Emotionen frei setzte, Träume zerstörte und neue Hoffnungen produzierte. Den Abgrund vor Augen, zeigten sich die deutschen Nationalspieler bei ihrer Bergtour zumindest halbwegs schwindelfrei und bündelten, als es darauf ankam, ihre Kräfte, um den aufmüpfigen Außenseiters in seine Schranken zu verweisen.

Ein Schuss mit 121 Stundenkilometern ins Glück

„Natürlich können wir uns weiter steigern“, sagte Löw zuversichtlich, der nun bis zur Weltmeisterschaft 2010 wohl ohne allzu große Sorgen weiterarbeiten darf. Ein frühzeitiges Scheitern in der Anfangsphase der Euro hätte heftigste Kritik an seinem Konzept und seiner Philosophie mit sich gebracht. Dieser Sorge ist er bis auf weiteres ledig. Alle Protagonisten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) atmeten nach dem Schlusspfiff im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion spürbar auf und ihre erleichterten Gesichter sprachen Bände - die in den vergangenen Tagen so oft in Erinnerung gerufene „Schmach von Cordoba“ hatte sich in abgewandelter Form nicht wiederholt.

Dank Ballack, der bei einem fulminanten Freistoß den Ball unhaltbar mit 121 Stundenkilometern in den Winkel des österreichischen Tores drosch (49.), zerstörten die Männer in Schwarz und Weiß den trotzigen Glauben des ganz in Rot daherkommenden Mit-Veranstalters an ein „Wunder von Wien“. Vier Tage nach der verdienten Niederlage gegen Kroatien bot die deutsche Auswahl eine Darbietung, bei der sich Licht und Schatten abwechselten. Sie offenbarte Defizite, die darauf hindeuten, dass der Gipfelsturm durchaus vorzeitig scheitern könnte und strahlte gerade zu Beginn und in der Schlussphase nur wenig Souveränität aus.

Metzelder ist einmal mehr Schwachpunkt der Abwehr

Löw, der über kein so mutiges Naturell wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann verfügt, blieb auch in seinem 25. Länderspiel seiner taktischen Linie treu und gab den Verlierern von Klagenfurt mit Ausnahme des verletzten Marcell Jansen die Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Längst nicht alle nutzten die Chance.

Schwachpunkt in der Defensive war abermals Metzelder, der oft zaghaft in die Zweikämpfe ging und gegen Österreichs Ein-Mann-Sturm Erwin Hoffer nicht immer gut aussah; sein ungleich zuverlässigerer Nebenspieler Per Mertesacker und der erstmals bei dieser Euro Souveränität und Ruhe ausstrahlenden Schlussmann Jens Lehmann halfen dem Abwehr-Sorgenkind mehr als einmal aus der Patsche. „Als Team haben wir gut funktioniert“, konnte Metzelder mit freundlichem Dank an die Mitstreiter zu Protokoll geben.

„Gomez hat hervorragende Qualitäten“ - er zeigt sie nur nicht

Die größte Möglichkeit, das Spiel für die deutsche Mannschaft früh zu beruhigen, verpasste bereits in der Startphase nach vier Minuten Mario Gomez, als ihm der Ball stümperhaft zwei Meter vor dem leeren Tor vom Fuß sprang. Der Stuttgarter wirkte danach noch verkrampfter und müsste nun eigentlich um seinen Platz in der Anfangsformation gegen Portugal fürchten.

Doch unmittelbar nach Spielschluss hielt Löw ein weiteres Mal seine schützende Hand über den schwachen Stuttgarter, der vor zehn Tagen noch als Kandidat für die All-Star-Mannschaft gehandelt wurde und inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst ist. „Gomez“, so Löw, habe sich zu „hundert Prozent dem Teamgedanken verschrieben, er hat hervorragende Qualitäten.“ Dumm nur, dass er sie ausgerechnet jetzt nicht zeigt.

Die Trainer Löw und Hickersberger - vereint auf die Tribüne

Fünf Minuten vor der Pause wurde auch bei dem Trainer die ungeheure Nervenanspannung deutlich, die die spannende Ausgangslage mit sich brachte. Nach einem Foul an Mertesacker lieferte er sich über Minuten Wortgefechte mit Josef Hickersberger, seinem Kollegen bei Team Austria. Schiedsrichter Manuel Enrique Mejuto Gonzales fühlte sich durch die fortwährenden Rededuelle gestört, die aufgebrachten Fußball-Lehrer ihrerseits sahen sich „in der Ausübung der Arbeit“, wie es Löw später ausdrückte, behindert. Alle Diskussionen mit dem Spanier und Damir Skomina aus Slowenien als viertem Offiziellen halfen nichts - jeder Coach musste auf der Tribüne Platz nehmen.

Löw schnappte sich fassungslos sein Sakko, eine Plastikflasche segelte noch über den Rasen, dann geleitete ihn Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff auf die Tribüne, wo man gemeinsam nach dem Sieg im Ehrengast-Bereich auch Glückwünsche von Bundeskanzlerin Angela Merkel („Ende gut, alles gut“), DFB-Präsident Theo Zwanziger, dem gesperrten Bastian Schweinsteiger und dem bei bedeutenden Länderspielen selten fehlenden Boris Becker entgegen nahm.

Mehr Willensstärke, mehr Leidenschaft, mehr Offensivgeist

An diesem Dienstag wird die Europäische Fußball-Union Uefa entscheiden, ob sie Löw darüber hinaus bestraft. „Ich weiß nicht, was kommt“, sagte er und sah sich keiner Schuld bewusst, „denn ich wollte nur meine Arbeit machen.“ In der Halbzeit wurde er von seinem Assistenten Hansi Flick in der Kabine vertreten. So ähnlich könnte es auch gegen die Portugiesen kommen.

Beim Aufeinandertreffen mit den sturmgewaltigen Südeuropäern wird es mit einer Leistung wie der vom Montag kaum zum Sprung ins Halbfinale reichen. Gegen den Titel-Mitfavoriten bedarf es eines wesentlich größeren Maßes an Willensstärke, Leidenschaft und Offensivgeist. Die Nacht von Wien trug trotz ihres letztlich freudigen Ausgangs zu wenig Magie in sich, als dass sie als Initialzündung für den weiteren EM-Verlauf gelten könnte. Auch wenn manche Protagonisten das gerne so gesehen hätten.

Und auch die letzte Herausforderung wird gemeistert

Bierhoff bemühte zu später Stunde einmal mehr die Vergangenheit, um dem Team eine große Zukunft zu prophezeien. Frankreich habe sich 2000 eine Niederlage in der Vorrunde erlaubt. Vier Jahre später sei das gleiche Kunststück Otto Rehhagel und seinem griechischen Team gelungen. Warum, so die rhetorische Frage, solle ein ähnlicher Coup nun nicht auch den Seinen glücken? Da war aber eher der Wunsch Vater des Gedanken.

Zumindest der Glaube an sich selbst scheint ein kleines Stück gewachsen. „Es war sehr wichtig für die Mannschaft, dass sie weiß, dass wir solche Prüfungen gemeinsam bestehen könnte“, sagte Löw nach dem Happy-End. Eine Garantie, dass es nun so gewinnbringend weitergeht, lieferte die Vorstellung freilich nicht. An der Fortsetzung, versprach Löw, werde aber gearbeitet, ehe er mit seinen Leuten auch die letzte Herausforderung meisterte: der Mannschaftsbus überstand die Passage durch die mit Tausenden enttäuschten österreichischen Anhängern prallgefüllte Fanzone problemlos.

Österreich - Deutschland 0:1 (0:0)
Österreich: Macho - Garics, Stranzl, Hiden (55. Leitgeb), Pogatetz - Aufhauser (64. Säumel), Fuchs - Harnik (67. Kienast), Ivanschitz, Korkmaz - Hoffer
Deutschland: Lehmann - Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm - Fritz, Ballack, Frings, Podolski (83. Neuville) - Klose, Gomez (60. Hitzlsperger)
Schiedsrichter: Manuel Enrique Mejuto Gonzalez (Spanien)
Tore: 0:1 (49.) Ballack
Zuschauer: 51.428 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Stranzl, Hoffer, Ivanschitz

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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