23.06.2008 · So ein Spiel hat eigentlich keinen Sieger verdient: Zwischen Italien und Spanien fiel in 120 Minuten kein Tor. Das Elfmeterschießen musste entscheiden - und der Weltmeister zeigte zweimal Nerven. Spanien trifft nun im Halbfinale auf Russland.
Von Roland Zorn, Wien120 Minuten lang war es ein torloser klassischer Fußball-Langweiler, erst danach wurde es spannend. Dem Prickeln eines Elfmeterschießens konnten am Sonntagabend im letzten Viertelfinalspiel der Fußball-Europameisterschaft nicht einmal Italien und Gegner Spanien aus dem Weg gehen. Aber dann ging's los und endete mit einem 4:2 für die bis dahin schon dreimal siegreichen Spanier, die als einziger EM-Gruppensieger die Vorschlussrunde erreichten und den Fluch jahrzehntelanger Turnierniederlagen gegen Italien besiegten.
Der Weltmeister war draußen, weil Casillas zwei Elfmeter parierte und Buffon nur einen. Den entscheidenden Treffer zum Sieg setzte dann Fabregas. Nach der dritten Verlängerung und dem zweiten Strafstoßschießen bei dieser EM stand um kurz vor halb zwölf endlich fest, auf wen die schwungvolle russische Mannschaft im Wiener Halbfinale am Donnerstag trifft. Sie darf sich nach dem, was an gleicher Stätte vor 51.000 Zuschauern am Sonntag zu sehen war, große Hoffnungen machen.
Aus der Gegenwart bezogen die Spanier ihre Kraft
Die Geschichte sprach von vornherein für Italien, die Gegenwart für Spanien. Geschichte war, dass die Squadra Azzurra seit 88 Jahren bei keinem großen Turnier mehr gegen Spanien verloren hatte, dass Italien, zuletzt 2006, vier Mal Weltmeister mit kühler Präzision geworden ist, dass Spanien schon dreimal bei einer WM oder EM am 22. Juni vorzeitig gescheitert war.
Aus der Gegenwart bezogen die Spanier ihre Kraft: Seit 19 Spielen ungeschlagen und bei der EM dreimal nacheinander siegreich, glaubten sie, jetzt oder nie eine große Chance gegen den Angstgegner zu haben. Sie konnten personell aus dem Vollen schöpfen, Italien, enttäuschend in den Gruppenspielen, aber nicht. Pirlo und Gattuso gesperrt, der verletzte Kapitän Cannavaro nur als Helfer im Hintergrund dabei, da sollte doch was möglich sein für die Stars aus Madrid, Barcelona, Valencia und Liverpool.
Villa und Torres konnten nur lächeln
Doch Vorsicht war geboten. Cannavaro, derzeit so etwas wie der Psycho-Coach des Weltmeisters, hatte den Bundesliga-Schützenkönig Luca Toni freundlich-bestimmt aufgefordert: „Heute brauchen wir deine Tore.“ Und Toni hatte so geantwortet: „2006 habe ich auch erst im Viertelfinale getroffen, und dann wurden wir Weltmeister.“
Über dieses Ballyhoo vorweg konnten die spanischen Starangreifer Villa und Torres nur lächeln. Villa allein hatte in der Vorrunde vier Tore und damit eines mehr als alle Italiener zusammen erzielt. Vor dem Süd-Gipfel im über dreißig Grad heißen Wien unter den Augen des spanischen Königs Juan Carlos sorgten vorweg schon die Geschichten von gestern und heute für eine reizvolle Melange.
Schiedsrichter Fandel übersieht Foulspiel im Strafraum
Tatsächlich dagegen schmeckten die Darbietungen beider Teams länger als eine halbe Stunde eher nach kaltem Kaffee. Die Italiener lockten die Spanier im Ernst-Happel-Stadion bei ihren wenigen Schnellangriffen nach altbewährter Manier in ihren Sperrbezirk, und die verfingen sich darin - außer wenn Silva, der einzig quirlige Mittelfeldspieler, für ein bisschen Action sorgte.
Silvas Flachschuss knapp am Ziel vorbei (38.) und Grossos vom deutschen Schiedsrichter Fandel übersehenes Foul an Silva am Sechzehnmetereck (44.) und vor allem ein nicht gegebener Strafstoß für Spanien nach Ambrosinis irregulärer Attacke an Silva (16.) waren die raren Aufreger der ersten Halbzeit. Dem stand ein von Marchena abgeblockter Toni-Kopfball (35.) gegenüber.
Anflug von Realitätsverweigerung: „Immer wieder Österreich“
Kein Wunder, dass ein Teil des Publikums auf diesen Fußball der Marke „bloß kein Tor kassieren“ pfiff und sogar in einem Anflug von Realitätsverweigerung „immer wieder Österreich“ rief. So tief gesunken war das Niveau dieser Partie denn doch nicht. Nach dem Wechsel gingen beide Parteien eine Spur offener miteinander um, weil sich die Spanier etwas mehr zurückzogen und den Italienern freiwillig Räume zu eigenen Attacken boten.
Trainer Luis Aragones, unzufrieden mit dem Mittelfeldspiel seiner Mannschaft, wechselte dazu auf der Suche nach mehr Frische die beiden Barcelona-Stars Xavi und Iniesta gegen Cesc Fabregas und Santi Cazorla (59.) aus. Die zunächst beste Gelegenheit aber bot sich Italien, als Casillas bei einem hohen Ball gegen den als einsame Spitze leicht verirrt anmutenden Toni nicht eingriff und erst bei Camoranesis Nachschuss richtig zur Stelle war (60.).
Am Ende waren die Spanier im finalen Shootout besser
Der ähnlich oft gerühmte Kollege Buffon zeigte nach vielen Minuten zäher Fußballkost in der 81. Minute, dass auch er nicht unverwundbar ist. Sennas Dreißig-Meter-Schuss ließ der italienische Torwart-Genießer aus der Hand flutschen und gegen den Pfosten prallen. Italien war mal wieder im Glück und erzwang mit dem einst typisch italienischen Zwischenstand von 0:0 gegen die im allgemeinen Ballgeschiebe etwas aktivere Mannschaft die beim Publikum hörbar unerwünschte Verlängerung.
Die begann zumindest schwungvoll mit einer Chance für Spanien und drei Gelegenheiten für die bis dahin allein defensiv soliden Italiener. Doch Silva (93.), Toni (95./96.) sowie Di Natale (96.) scheiterten jeweils soeben. Italiens Commissario Tecnico, Roberto Donadoni, zog noch einen letzten Joker. Die alternde Fußball-Ikone Alessandro Del Piero kam für Aquilani - vielleicht schon mit dem Blick auf das nahe Elfmeterschießen. In dieser Übung war Italien zuletzt ja stark wie beim WM-Titelgewinn vor zwei Jahren gegen Frankreich bewiesen. Doch am Donnerstag waren die Spanier beim 4:2 im finalen Shootout besser.