16.06.2008 · Hochspannung in Genf: Die Türkei steht nach einem spektakulären 3:2-Sieg gegen Tschechien im EM-Viertelfinale. Bis zur 87. Minute führten die Tschechen 2:1, doch dann patzte Torwart Cech und der türkische Stürmer Nihat traf doppelt.
Von Christian Eichler, GenfDas erste Viertelfinale der Europameisterschaft steht fest. Kroatien, der Bezwinger der deutschen Mannschaft, trifft am Freitag in Wien auf die Türkei. Die Türken besiegten am Sonntagabend in Genf Tschechien nach einem dramatischen Spiel 3:2 und folgten damit Gruppensieger Portugal in die K.o.-Runde.
Die Tschechen waren durch den Nürnberger Jan Koller (34. Minute) und Jaroslav Plasil (62.) 2:0 in Führung gegangen. Für die Türken hatte Arda (75.) den Anschlusstreffer erzielt, dann schenkte Torwart Cech den Türken mit einem Fangfehler den Ausgleich durch Nihat (88.). Eine Minute vor Schluss traf abermals Nihat gegen die konsternierten Tschechen zum 3:2. In der hektischen Schlussphase erhielt Torwart Volkan die Rote Karte nach einer Tätlichkeit gegen Koller.
Koller bedankt sich mit dem Führungstreffer
Es war das erste Spiel der EM-Geschichte, bei dem es schon in der Vorrunde zu einem Elfmeterschießen hätte kommen können, denn vor der Partie hatten beide Teams eine identische Bilanz von drei Punkten und 2:3 Toren aufgewiesen. Deshalb hatte der tschechische Trainer Karel Brückner seine Spieler im Training Elfmeter üben lassen. Doch hatte er beteuert, „die Partie in der regulären Spielzeit zu entscheiden.“
Gegen die Türken reaktivierte Brückner Jan Koller, den 2,02 Meter großen „Strafraumdrachen“, wie ihn der Zürcher „Tagesanzeiger“ nannte. Im ersten Spiel gegen die Schweiz war der Stürmer noch ausgewechselt worden, gegen Portugal stand er nicht einmal in der Startelf. Die Tschechen überbrückten durch die Anspielstation Koller das Mittelfeld zügig und setzen die Angriffe über ihre starken Flügelspieler gefährlich fort. Zweimal scheiterte Koller in der ersten Halbzeit mit Kopfbällen, doch in der 34. Minute gelang ihm der längst verdiente Führungstreffer.
Zunächst sprach nichts für die Türkei
Von rechts war erstmals Außenverteidiger Grygera nach vorne gestürmt, seine präzise Flanke fand die Stirn des Mittelstürmers. Torwart Volkan brachte noch die Fingerspitzen an den Ball, doch von der Latte tropfte der Ball hinter die Linie. Koller ließ ausgelassen einen für ihn völlig untypischen Fünfzig-Meter-Sprint zur eigenen Bank folgen. Es war sein 55. Treffer im 90. Spiel für Tschechien - im europäischen Fußball haben nur die Ungarn Puskas und Kocsis in den 50er Jahren und Gerd Müller in den 70ern mehr Länderspieltore geschafft.
Den einfalls-, ja antriebslosen Türken dagegen gelang bis zur Pause nichts Zählbares außer Gelben Karten. Ihre wenigen Schüsse und Kopfbälle blieben harmlos. Gleich fünf Spieler, darunter Kapitän Emre, waren verletzt ausgefallen, es war der Mannschaft anzumerken. Trainer Terim reagierte in der Pause mit der Einwechslung von Sabri, kurz darauf auch von Kazim, zwei neuen Offensivspielern, sein Team rückte viel weiter auf, und plötzlich war es ein ganz anderes Spiel. Nihats Schuss bedeutete in der 47. Minute die erste türkische Torchance, die Tschechen gerieten unter Druck. Rozehnal rettete knapp vor Nihat. Tuncays Kopfball zwang Cech zu seiner ersten guten Parade - all das binnen zehn Minuten nach der Pause. Im einsetzenden Regen war aus einer einseitigen Angelegenheit eine leidenschaftliche Kampfpartie geworden.
Polak hätte alles klar machen können
Doch die Türken riskierten zu viel und entblößten die eigene Hälfte. Mit einem einzigen Pass aus der Abwehr konnte Koller von der Mittellinie aus allein aufs Tor zulaufen, zielte aber knapp links vorbei. Eine Minute später setzten die Tschechen nach. Der rechte Flügelmann Libor Sionko, eine der Entdeckungen der EM, setzte sich bei einem Konter durch und fand mit einer scharfen Hereingabe Jaroslav Plasil, der den einzigen Bundesligaspieler der Türken, den abermals als rechter Verteidiger eingesetzten Hamit Altintop, überraschte und zum 2:0 eindrückte.
Polak verpasste das 3:0, er traf in der 71. Minute den Pfosten. Altintop leitete mit seiner Hereingabe auf Arda, der zum Anschlusstreffer einschoss, einen türkischen Endspurt ein, der durch die zwei späten Tore von Nihat auf dramatische Weise belohnt wurde.