22.06.2008 · Das EM-Viertelfinale wird zum Favoritenfriedhof: Nach Portugal und Kroatien mussten auch die Niederlande die Segel streichen. Gegen Russland unterlag die „Elftal“ mit 1:3 nach Verlängerung. Nun spielt die „Sbornaja“ gegen Spanien oder Italien.
Von Christian Eichler, BaselGuus Hiddink sagt, dass die wahre Stärke des russischen Teams erst bei der WM 2010 zur Entfaltung kommen werde. Wenn der niederländische Trainer Erfolg haben sollte mit seinem Plan, und das hat er meistens, dann ist es eine schreckliche Drohung für die etablierten Fußballmächte.
Denn schon bei dieser Europameisterschaft ist das russische Team, mit einem Altersdurchschnitt von 26 Jahren das jüngste Turniers, die Mannschaft der Stunde. Im Viertelfinale am Samstagabend in Basel gewann sie 3:1 nach Verlängerung gegen die Niederländer. Roman Pawljuschenko hatte in der 56. Minute die Führung erzielt, Ruud van Nistelrooy in der 86. ausgeglichen. In der 112. Minute traf Dmitri Torbinski zum hoch verdienten 2:1, ehe der überragende Spielmacher Andrej Arschawin in der 115. die endgültige Entscheidung besorgte.
Wenig zu sehen vom einstigen begeisternden Spiel
Die Holländer trugen Trauerflor, die zu früh geborene Tochter von Verteidiger Khalid Boulahrouz war am Mittwoch gestorben. Boulahrouz hatte sich bereit erklärt zu spielen, und so konnte Trainer Marco van Basten dieselbe Startaufstellung aufbieten wie bei den Siegen gegen Italien und Frankreich.
Doch von dem begeisternden Spiel wie gegen die beiden WM-Finalisten war diesmal kaum etwas zu sehen. Im Gegenteil: Auf Spielkunst und flinke Kombinationen entwickelten die Russen ein Monopol. Schon nach fünf Minuten übernahmen sie das Ruder. Ein gefährlicher Freistoß von Schirkow, ein von Kuyt fast ins eigene Tor abgefälschter Schuss von Kolodin und ein knapp zu hoch angesetzter Kopfball von Pawljuschenko - Chancen im Minutentakt ließen die holländischen Fans verstummen.
Kaum rollte der Ball, kühlte die Partystimmung ab
Über 100.000 Oranje-Fans hatten Basel - wie Bern bei ihren bisherigen drei Spielen - den ganzen hochsommerlich heißen Tag über in eine holländische Stadt verwandelt. Selbst der über 13 Meter hohe „Hammering Man“, eine Skulptur des amerikanischen Künstlers Jonathan Borofsky, wurde in orange verpackt. Doch kaum rollte der Ball, kühlte die Partystimmung ab. Die vielleicht 2000 Russen im Stadion machten von Beginn an mehr Lärm als 20.000 Holländer.
Abgesehen von einigen Einzelaktionen, die in abgeblockten Schüssen von Sneijder, van der Vaart oder van Nistelrooy endeten, waren die Niederländer in der ersten Halbzeit nur mit zwei Freistößen gefährlich. In der 29. Minute verpassten de Jong und van Nistelrooy um Haaresbreite einen von der rechten Seite nach innen gedrehten Freistoß von van der Vaart, der Ball flog knapp am Pfosten vorbei.
Die Niederländer scheinen den Rhythmus verloren zu haben
In der 41. Minute dasselbe Freistoßmuster, wie es auch schon Deutschland bei den Toren von Klose und Ballack gute Dienste geleistet hatte, wieder von van der Vaart zum Tor hingedreht, diesmal verpasste sein Hamburger Klubkollege de Jong. So wie die anderen Teams, die als frühzeitig feststehender Gruppensieger die erste Elf im letzten Gruppenspiel schonen konnten, wie Portugal und Kroatien in ihren Viertelfinals, wirkten auch die Niederländer, als hätten sie durch die Spielpause den Rhythmus verloren.
Die Russen dagegen spielten über weite Strecken wie aus einem Guss. Nach einer halben Stunde verlangten ein flacher Dreher von Arschawin und ein wuchtiger Fernschuss von Kolodin Torwart van der Sar binnen einer Minute zwei Glanzparaden ab. Nach der Pause brachten die Holländer gute Vorsätze aus der Kabine mit, sie hielten nicht lang. Sie schufen ein wenig mehr Druck, leisteten sich aber auch überharte Aktionen durch van Nistelrooy, Boulahrouz und van Persie.
Pawljuschenko drückt den Ball aus kurzer Entferung ein
Van der Vaart versuchte es zum dritten Mal mit seinem „Inswinger“, dem aus dem Halbfeld Richtung Tor gedrehten Freistoß, aber zum dritten Mal verpassten die Weißen wie die Orangenen um Stirnesbreite, und die Kugel rotierte knapp am Pfosten vorbei. In der 55. Minute meldeten die Russen sich zurück im Spiel - ein großartiger Freistoß von Arschawin aus halblinker Position verfehlte den Torwinkel nur um Zentimeter.
Doch schon beim nächsten Angriff machten sie es genauer. Arschawin, der brillante Spielmacher, der für die Holländer nie zu greifen war, spielte Semak an, der entwischte auf dem linken Flügel dem kurz zuvor für Boulahrouz eingewechselten Heitinga, und dessen scharfe Hereingabe drückte Pawljuschenko ins Netz.
Torbinski drückt Arschawins Flanke über die Linie
Danach aber zeigten die Russen ihre einzigen beiden Schwächen an diesem Abend: ihre Chancenverwertung, die sie bei mehreren Kontern das 2:0 verpassen ließ - und ihre Abwehrschwäche bei Freistoßflanken. Sneijder schlug den Ball genauso, wie es van der Vaart vorgemacht hatte, und diesmal brachte Torjäger van Nistelrooy den Kopf an den Ball und erzwang die Verlängerung.
Pawljuschenko traf mit einem herrlichen Schuss in der 96. Minute nur das Lattenkreuz. In der 112. Minute rannte Arschawin allen davon, und seine Flanke drückte Torbinski über die Linie, und vier Minuten später traf der Spielmacher selbst. Der EM-Trend geht weiter, er wird den Spaniern nicht gefallen: Die Sieger der Vorrunde sind die Verlierer der K.o.-Runde.
das war super spiel!
Naim Naim (abduho)
- 22.06.2008, 11:02 Uhr
ATEMBERAUBENDER FUSSBALL
Bruno Mahlmeister (mahlmeister)
- 22.06.2008, 13:13 Uhr
Lob
Jindrich Hofirek (hofirekj)
- 22.06.2008, 13:18 Uhr
@ sodala
Harald Decker (hd4444)
- 22.06.2008, 13:58 Uhr
an Kröske
stefan frehse (Jackie_Browner)
- 22.06.2008, 21:47 Uhr